Semperoper

Silvesterkonzert der Staatskapelle: Mit der SS ins neue Jahr schunkeln

Für alle LeserPeinlicher Fehltritt oder bewusste Anpassung an den Zeitgeist? Liest man das Programm des Silvesterkonzerts der Sächsischen Staatskapelle, kann man eigentlich nur mit dem Kopf schütteln. Neben musikalischen Darbietungen aus Ufa-Klassikern wie „Der blaue Engel“ oder „Tanz auf dem Vulkan“ werden in der PEGIDA-Hochburg am 30. und 31. Dezember zwei Lieder aus dem NS-Propagandastreifen „Die große Liebe“ erklingen. Aus künstlerischen Motiven, betont Chefdirigent Christian Thielemann.

Ach, könnte man doch die schöne Musik von ihrem grausamen Inhalt trennen. Wagner-Freunde kennen diese Debatten um die Widersprüche zwischen der Schönheit der Melodie und dem inhaltlichen Gehalt des Textes, der mit ihr untermalt wird, zu Genüge. Die meisten Häuser, Regisseure und Musiker sind sich der aus der Geschichte erwachsenen Verantwortung bewusst und um historische Einordnung bemüht.

Christian Thielemann pflegt sich das Leben an diesem Punkt stets einfach zu machen. In Interviews betont der Wagner-Spezialist das Unpolitische von Noten und Akkorden. Und in der Tat sind die Wagner’schen Libretti auf den ersten Blick politisch unverfänglich. Gleiches gilt für die Texte der Schlager „Davon geht die Welt nicht unter“ und „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen“, die Zahra Leander 1942 auf der Leinwand nach Beginn des Russlandfeldzuges vor schunkelnden SS-Offizieren zum Besten gab.

Sind die NS-Hits, die in Dresden auf dem Programm stehen und – ZDF sei Dank – am Silvesterabend ab 17.30 Uhr in die deutschen Wohnzimmer gesendet werden, unverfängliches deutsches Liedgut? Mitnichten. Die Texte verfasste der homosexuelle Bruno Balz, den der Film vor der Gestapo-Haft rettete. Darf man derart kontaminierte Lieder bei aller Ambivalenz überhaupt losgelöst von ihrer Entstehungsgeschichte betrachten und in einer heiteren Silvestergala platzieren?

Die Semperoper weist zumindest auf ihrem Internetauftritt nicht auf den historischen Hintergrund hin. Das Programm läuft unter dem Motto „100 Jahre UFA“. Mit den Solisten Angela Denoke, Elisabeth Kulman und Daniel Behle ist der Abend hervorragend besetzt. Ein Salonorchester wird als besondere Rarität Musik Marek Webers spielen. Freilich darf die NS-Vergangenheit nicht aus den Annalen der UFA getilgt wären, so als wäre nichts gewesen. Die Filmschmiede war Teil von Goebbels‘ Propagandamaschinerie. Ein Teil der Produktionen ist – zu Recht – bis heute auf dem Index gelistet.

Christian Thielemann. Foto: Oliver Killig

Christian Thielemann verteidigt das umstrittene Programm unter künstlerischen Gesichtspunkten. Foto: Oliver Killig

„Muss eine solche befremdliche, mehr noch: in Zeiten von wachsendem und offen gezeigtem Antisemitismus hochgradig zündelnde Programmwahl ausgerechnet in der Semperoper und für die TV-Nation sein?“, fragt vor diesem Hintergrund Welt-Feuilletonist Manuel Krug. Christian Thielemann, bekannt für stockkonservative Ansichten, hat sich am Dienstag zu einem Rechtfertigungsversuch hinreißen lassen, der Bände spricht. „Ich kann doch kein Konzert zum Jubiläum der Ufa veranstalten und alle belasteten Künstler von der Liste streichen. So gesehen wäre die einzige Alternative, kein Ufa-Konzert zu machen“, sagte der Maestro gegenüber der Wochenzeitung „Die Zeit“.

Demnach sei die Auswahl der Stücke nach Qualität erfolgt. „Ich wusste teilweise gar nicht, wer der Komponist war“, so Thielemann. Zudem sei die Musik damals oft viel subtiler gewesen. Viele Schlager aus der Ufa-Zeit seien „Melodien, die zunächst einmal unschuldig sind. Und ich fände es schade, wenn man sich die mit der entsprechenden Schere im Kopf entgehen ließe.“ Da ist sie wieder, die Unbeflecktheit der Musik. Eingefordert von einem Dirigenten, dessen Kernrepertoire neben den von Hitler angebeteten Wagner auch die NS-Günstlinge Strauss und Pfitzner umfasst. Der sich 2015 in der „Zeit“ als PEGIDA-Versteher zu erkennen gab. Und der selbst den konservativen Berliner Philharmonikern zu konservativ erschien, um ihn reinen Gewissens zum Chefdirigenten zu wählen.

Wozu diese Haltung innerhalb der staatlichen Hochkultur des Freistaates führt, der sich wunderbar an der Personalie Thielemann festmachen lässt, ist weiterhin so ziemlich jeden Montag in Dresden zu beobachten. Nur einen Katzensprung von der Semperoper entfernt marschieren AfD und Pegida mittlerweile Hand in Hand. Der Maestro fühlt sich in der Landeshauptstadt derweil so wohl, dass er seinen ursprünglich bis 2019 datierten Vertrag im November um weitere fünf Jahre bis 2024 verlängerte.

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