Nach der Schießerei in der Eisenbahnstraße: „Spätestens im Osten Deutschlands wird die Sache eskalieren“

Es herrscht Aufruhr hinter den Kulissen, nachdem nach neusten Informationen der Polizei am 25. Juni kurz nach 15 Uhr zwei Hells Angels an der Eisenbahnstraße Waffen zogen und auf drei Mitglieder der United Tribuns (UT) unter den Augen von vier Polizeibeamten schossen. Ob Leipzig einen „Rockerkrieg“ erleben wird oder nicht, könnte nun von Entscheidungen der United Tribuns und mehreren weit größeren Entwicklungen abhängen. Die eher als Boxclub zu bezeichnende Vereinigung trauert derzeit um die zwei Verletzten, darunter der Leipziger Vizepräsident Sooren O., ein Mann mit dem Facebook-Namen „Umut Altug“ und den toten „Bruder Veysel“. Dennoch wird kaum jemand reden und offenbar haben sie Unterstützung angefordert.

Die selbst ernannte Bruderschaft versucht Ruhe zu bewahren, von Vergeltung ist bis auf einzelne Zwischenrufe in den sozialen Netzwerken nichts zu lesen. Die Situation ist mehr als ernst, denn die Tribuns sind nicht das erste Mal unter Druck. Auf der Facebook-Seite der Hells Angels Leipzig wurde noch bis zum 27. Juni mit einem Eintrag vom 24. Juni eine anstehende Poolparty am 2. Juli im Vereinssitz beworben, Scampis sollte es auch geben. Nun ist der Eintrag verschwunden, der Druck steigt, ein zweiter Angel, nach dem bereits gefahndet wurde, hat sich am Montagabend der Polizei gestellt und ist seit heute in Haft.

Denn der Blick in andere Städte zeigt – die ostentative Ruhedemonstration muss nichts bedeuten. Gegenschläge oder Racheakte wurden noch in keiner der letzten Auseinandersetzungen zwischen Motorcycle Clubs (MC) oder rockerähnlichen Verbindungen vorab angekündigt.

Das Bild nach außen ist derzeit nur Trauer und Abschiednehmen auf den Facebook-Seiten der United Tribuns und vieler Mitglieder. „Ruhe in Frieden. Für unseren Bruder Prospect Veysel, der gestern Nachmittag im Kugelhagel verstorben ist. Mögest du bis in alle Ewigkeit über uns wachen“, wünscht man sich seitens der Tribuns auf der Facebook-Fanpage des Clubs. Die Kondolenzbekundungen folgen in den Kommentaren. Der Name „Hells Angels“ wird seitens der Tribuns mit keinem Wort erwähnt, obwohl sie sehr genau wissen, wer geschossen hat. Statt Wut herrscht Trauer vor.

Normalerweise sind die United Tribuns auch nicht auf dem offenen Kriegspfad mit den Höllenengeln, sie versuchen sich eher einzupassen in die bestehenden Strukturen. Doch ein Tag vor der Schießerei auf der Eisenbahnstraße soll es zu einer Schlägerei gekommen sein – ein Tribun verprügelte einen Hells Angel. Damit war die Lunte an ein längst aufgestelltes Pulverfass in Leipzig gelegt.

Verstärkte Polizeistreifen am Rabet an der Eisenbahnstraße. Foto: L-IZ.de

Verstärkte Polizeistreifen am Rabet an der Eisenbahnstraße. Foto: L-IZ.de

Sonst folgen bei einigen Mitgliedern der Tribuns direkt nach dem Hauptschlachtruf getreu der eigenen Clubfarben „Schwarz-Weiß“ sogar Treueschwüre gegenüber den Hells Angels und deren rot-weißem Emblem. Gegenüber den jahrelangen Hauptkonkurrenten der Angels, den Bandidos, nimmt man wie auch die eher eine Antihaltung ein. Will man also verstehen, warum es angeblich überraschend zu dieser plötzlichen Auseinandersetzung in der Eisenbahnstraße kam, muss man wohl zurück und ins Ausland schauen.

Bereits vor der Schießerei vom 25. Juni 2016 in Leipzig, welche die Polizei und Staatsanwaltschaft seit Sonntagabend als Mord einstufen, scheint sich seit Monaten einiges hinter den Kulissen verschoben zu haben. Neben dem Umstand, dass der wohl bekannteste Angels-Rocker Frank Hanebuth aus Hannover seit nun über drei Jahren von der spanischen Justiz erst inhaftiert und seit 2015 an der Ausreise und somit im deutschen Wirkungskreis gehindert wird, scheint die Globalisierung auch die Hells Angels eingeholt zu haben. Sie stehen offenbar vor der Frage, wie integrationsfähig ihre Vereinigung im Angesicht steigender Migrantenzahlen ist und ob sie aus diesem Bereich neue Mitglieder/Member für ihre Ziele unter ihrem Color binden können. Oder binden wollen.

Denn grob zusammengefasst steigen die Zahlen der migrantisch geprägten, rockerähnlichen Boxclubs in ganz Deutschland, wie auch europaweit systematisch an. Damit findet eine schleichende Machtverschiebung im Sicherheitsgewerbe und in Teilen des Rotlichtmilieus statt, welche nach einer Gegenstrategie der machtbewussten Höllenengel ruft. Neben dem aus den USA stammendem Mongols MC, deren Gründungen in Deutschland eher durchwachsen erfolgreich waren, expandieren Vereinigungen wie der Boxclub „Osmanen Germania“ oder eben die „United Tribuns“ trotz mancher Rückschläge zahlenmäßig. Auf 3.500 Mitglieder werden die Osmanen mit Schwerpunkt in Hessen aktuell geschätzt. Die erstmals in Baden-Württemberg aufgetretenen Tribuns sollen über 1.700 Member weltweit verfügen, als stark gelten sie jedoch bislang eher in Österreich.

Verschiebungen

Mit den wachsenden Zahlen steigt auch der Machtanspruch der neuen Clubs an den Disko- und Bordelltüren. Und gleichzeitig ahmen sie ohne entsprechende Insignien wie Bikes und Angels-Codex die bekannten Motorradclubs im Erscheinungsbild mit Kutte und Aufnähern nach. Oft begegnen sie der polizeilichen Beobachtung und Verfolgung nach Straftaten mit dem Rassismusargument, spielen die Opfer. Gleichzeitig sind sämtliche Darstellungen des Clubs von kraftstrotzenden Posen und ebensolchen Sprüchen gegen Polizei, Staat und rivalisierende Gangs begleitet.

Seit einigen Monaten reicht die Ausbreitung der Tribuns nun bis nach Leipzig, mit Schwerpunkt auf der Eisenbahnstraße. Der Versuch, Anfang Mai 2016 ein eigenes Clubhaus genau da zu errichten, ist ein Zeichen für längst gewachsene Strukturen, welche den gemeinsamen Wahlspruch „Stolz und Ehre“ vor sich hertragen. Und mit Unterstützung aus Berliner Tribuns-Kreisen nun ihr Recht zu fordern versuchen.

Polizei heute in der Eisenbahnstraße. Foto: L-IZ.de

Polizei heute in der Eisenbahnstraße. Foto: L-IZ.de

Doch ob in Osnabrück, Heidenheim oder Leipzig – überall ist das Wachstum und die gleichzeitige Gründung von Box- oder Martial-Arts-Gyms und Fitnessgeschäften der Bodybilder und Kampfsportler mit osteuropäischen bis nahöstlichen Wurzeln von Revierkämpfen begleitet. In Heidenheim liefern sich die United Tribuns Stück um Stück mehr Schlägereien mit der ortsansässigen Rockergruppe namens „Black Jackets“. In Osnabrück führte eine Messerstecherei aus dem Februar 2016 in Bielefeld just am vergangenen Donnerstag zu einer Großrazzia der Polizei in mehreren Wohnungen der Tribuns.

Überall da, wo die neuen Mitspieler auftauchen, kommt es über kurz oder lang zu Konflikten mit den sonstigen polizeibekannten Rotlichtmilieus vor Ort. Wie bei den Hells Angels gibt es erste Funde von Waffen bei den United Tribuns, wenn auch vorerst nur in Westdeutschland.

Die Grenzen sind fließend geworden, die Gangart bleibt rau

Während sich in den Strukturen der Leipziger Tribuns zunehmend junge Männer entlang der Eisenbahnstraße zu einer schlagkräftigen Verbindung zusammenfinden und am 25. Juni 2016 immerhin ad hoc 20 Männer gegen die Hells Angels in Stellung bringen konnten, nennt mancher in der Szene die Hells Angels bei allem sonst vorhandenen Respekt schlicht „Alt-Rocker“.

Die Anspielung vonseiten der Aufsteiger ist zweideutig. Während die neuen Vereinigungen sich als Box- und Fightclubs junger Wettkämpfer im Ring und auf der Straße verstehen und lieber schicke Autos als die gute alte Harley fahren, gelten den Höllenengeln die Traditionen und das Prinzip „One Men, One Vote“ bei Charter-Entscheidungen alles. Auch wenn sie sich immer wieder auch den Einzelentscheidungen ihrer „Presidenten“ beugen, sollen sie offen mitreden.

Die neue Art, gewaltbereite Subkulturen zu bauen, wirkt bei den neuen Box-Clubs mit Rockerattitüde auf den ersten Blick dynamischer als das Easy-Rider-Prinzip der späten 60er. Das Abstimmungs-Prinzip wird von Clanführern eher mit rein autoritärer Gesetzeskraft ersetzt. Wie auch bei ihren Vorbildern sind Schweigegebot und der Verzicht auf die Polizei Gesetz.

Das Leipziger Charter der Angels hingegen gilt Szenekennern bislang eher als ein Zusammenschluss von Familienvätern und Handwerkern – so jedenfalls die wohlmeinenden Stimmen in einer ansonsten verschwiegenen Szenerie. Den Waffengebrauch scheinen jedoch auch die Leipziger Rocker nicht vergessen zu haben, wie die Vorgänge an der Eisenbahnstraße zeigen.

Es gibt da eine Szene, in der zwischen Hamburg und Zugspitze alle die Leitregeln kennen

Wer die Tür beherrscht, beherrscht den Laden. Wer die Läden beherrscht, verdient Geld. Wer im Rotlicht mitmischt, verdient mehr Geld. Und wer dies alles ohne großes Aufsehen und mit ruhiger Hand zustande bringt, ist Chef im Ring. Fährt schöne Motorräder, ist Handels- und Ehrenmann. Und natürlich ein Outlaw, obwohl er die kapitalistischen Prinzipien bestens bedient.

Was viele beim schönen Schein des schnellen Geldes zudem vergessen – es gibt bei diesem Business immer auch Verlierer – hier werden sie schneller und härter ermittelt, als in den Büroetagen einer Bank. Wer schwach ist, verliert. Wer stark ist, steigt auf. Bester Frühkapitalismus mit entsprechenden Folgen. Frauen, die von Osteuropa in die Bordelle Deutschlands gekarrt werden, hohe Preise für Securitydienste und Aussteiger, denen im schlimmsten Fall die Erschießung an irgendeiner Weggabelung droht. Dies ist auch deshalb selten, weil bei allen Vereinigungen dieser Art das Gebot „Brüder bis in den Tod“ Gültigkeit hat.

Auch in Leipzig wird längst neben normalen Kneipengeschäften mit dem Betrieb von Saunaclubs und Freudenhäusern ebenso Geld verdient, wie mit Türstehergeschäften und Drogenhandel. Wer dabei womit auch immer von den aufgezählten Feldern Gelder umsetzt, braucht vor allem eines: Verschwiegenheit, hohe Durchschlagskraft und weitgehende Ruhe vor den Verfolgungsbehörden.

Wer hier genau wo mitmischt, könnte die Polizei nach den Schüssen von der Eisenbahnstraße umso mehr interessieren, nachdem ein bereits länger keimender Konflikt auch in Leipzig Einzug gehalten hat. Wenn sie noch die Möglichkeiten in Zeiten von eingesparten Beamten hat. Nun ist sie erst einmal damit beschäftigt, starke Präsenz zu zeigen, soll der Konflikt sich nicht weiter aufschaukeln.

Motorradfahrer - derzeit stärker in Leipzig beäugt als vor dem 25. Juni. Foto: L-IZ.de

Motorradfahrer – derzeit stärker in Leipzig beäugt als vor dem 25. Juni. Foto: L-IZ.de

„Spätestens im Osten Deutschlands wird die Sache eskalieren“

Hinzu kommt ein Konsens seit Jahren: Wenn es der nicht tut, tut es ein anderer. Die Gewalttäter werden längst danach sortiert, ob sie beherrschbar sind oder nicht. Und die aufstrebenden migrantisch geprägten Strukturen sind es in den vergangenen Jahren eher weniger, wie andere Rockergeschichten vor dem 25. Juni 2016 belegen.

Bereits vor zwei Jahren berichteten lokale Medien in Berlin von deutlichem Dissens innerhalb der Hells Angels. So kamen die überwiegend türkisch geprägten „Hells Angels Berlin City“ häufiger mit der Polizei in Konflikt und waren an mehr Schlägereien um Stolz und Ehre beteiligt, als es einem geordneten Tagesablauf in dieser Branche zuträglich sein dürfte. Andere Charter zeigten sich wenig erfreut, die Idee, auch Migranten in die eigenen Reihen aufzunehmen, bekam erste Risse. Ein Konflikt zwischen einer „Oldschool“-Haltung und den „jungen Wilden“ entstand und ist bis heute nicht beendet.

Mitten in das sonstige Schweigen der gesamten Szenerie hinein gibt es im Netz eine aufschlussreiche Internetseite, welche einige Einblicke in die jüngsten Entwicklungen rings um die Hells Angels und die Aufsteiger in der Szene verbreitet. Unter dem fern klingenden Blognamen „Südafrika – Land der Kontraste“ werden unzählige Entwicklungen rings um die MCs in der Welt beschrieben. Ob immer präzise, ist sicher kaum zu prüfen, doch einiges klingt durchaus nachvollziehbar und wird belegt. Zum ambivalenten Verhältnis zwischen den Hells Angels und den United Tribuns präsentiert die Seite zum Beispiel ein ungewöhnliches Foto mit zwei Anführern aus dem Jahr 2015.

„Zu sehen sind der ehemalige bosnische Boxer und United Tribuns-Boss Almir Ćulum alias „Boki“ und der türkische Ex-Zuhälter und Präsident des Hells Angels MC Nomads Turkey Necati Arabaci …“, steht zum Foto zu lesen. Nachdem Almir Ćulum vor einem gültigen Haftbefehl aus Deutschland floh, beaufsichtigt der Gründer der United Tribuns die Geschäfte von Bosnien aus. Der zweite ist der ehemalige „Pate von Köln“ (Spitzname „Neco“), der nach seiner Verurteilung zu neun Jahren Haft und der Ausweisung aus Deutschland im Jahr 2007 heute Präsident des Charters der Angels in der Türkei ist. Der Hells Angel aus Köln gilt als gut vernetzt und ist scheinbar offen für neue Partnerschaften zwischen Hells Angels und den United Tribuns.

Eine Haltung, welche ganz offenkundig nicht von anderen Chartern in Deutschland geteilt wird. Während das Bild von Mitte 2015 Einigkeit zwischen beiden Vereinigungen beweisen soll, haben nun Auseinandersetzungen in Leipzig begonnen. Bereits unter dem Artikel steht als erster Kommentar zu lesen: „Spätestens im Osten Deutschlands wird die Sache eskalieren“.

Hier, im Osten Deutschlands, haben es beide Vereine am 25. Juni 2016 nicht einmal ausgehalten, gemeinsam in einem Café an der Eisenbahnstraße zu sitzen und eine Prügelei vom Vortag friedlich zu klären. Stattdessen sind nun ein 30-jähriges und ein 33-jähriges Mitglied der Hells Angels in Untersuchungshaft, ein Prospect der Tribuns ist tot, zwei weitere schwer verletzt. Die anderen Hells Angels wurden von der Polizei wieder nach Hause geschickt, werden nun von der Polizei am Sitz des Charters Leipzig bewacht, obwohl auch gegen sie ermittelt wird. Tatvorwurf: Landfriedensbruch in einem besonders schweren Fall und gefährliche Körperverletzung.

Neben dem konkreten Auslöser für den Konflikt darf man angesichts der Abläufe nicht nur in Leipzig auch von einem Gebietskampf zwischen den verfeindeten Parteien ausgehen. Das große Schweigen jedenfalls hat schon begonnen. Mit der Ruhe jedoch ist es erst einmal vorbei in Leipzig. Gerüchtehalber sollen die Tribuns nun Unterstützung aus Österreich und anderen Bundesländern erhalten.

Zum Kommentar zur Situation auf L-IZ.de „Rockerkrieg“ in Leipzig? Alltag ist keine Überraschung

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