4.1 C
Leipzig
0,00 EUR

Es befinden sich keine Produkte im Warenkorb.

Tödliche Schüsse: Aufstieg und Fall der Leipziger Hells Angels – Teil 2

Anzeige

Mehr zum Thema

Mehr
    Anzeige
    Anzeige

    Der 25. Juni 2016 ist ein warmer Sommertag. Das Todesdrama bahnt sich am Vormittag an. Die Führungsriege der United Tribuns, der „harte Kern“, möchte zu einem bundesweiten Clubtreffen nach Nürnberg fahren. Um das Vereinsheim nicht unbesetzt zu lassen, haben sich „Supporter“ in der Konstantinstraße zum Grillen verabredet.

    Vor der Abfahrt Richtung Franken besucht Sooren O. seinen Friseur auf der Eisenbahnstraße. Direkt gegenüber befindet sich ein Tattooladen. Über dem Studio wohnt Hells-Angel-Mitglied Stefan S.. Als der 30-Jährige am Vormittag auf die Straße tritt, wird er prompt von Sooren O. wahrgenommen. Der Rocker trägt nämlich ein Shirt seines Clubs, das nur Mitglieder tragen dürfen. Das weiß der UT-Vize.

    Nun wird die Eisenbahnstraße neuerdings von den United Tribuns beansprucht. Der Vizepräsident entschließt sich deshalb zu einer folgenschweren Handlung. Er verlässt den Barbershop, wechselt die Straßenseite und verpasst dem Erwerbslosen eine körperliche Abreibung. Den genauen Hergang wird das Landgericht später nicht aufklären können. Fest steht, dass die Fäuste geflogen sind.

    Während sich die United Tribuns auf dem Weg nach Nürnberg befinden, schildert Stefan S. den Vorfall seinen Brüdern. 15 Rocker treffen den Entschluss zu reagieren. Sie möchten sich in voller Montur auf der Eisenbahnstraße versammeln, um gemeinsam Stärke zu demonstrieren.

    Neben ihren Kutten nehmen die Hells Angels zwei scharfe Pistolen mit. Ob die Tötung Sooren O.’s zu diesem Zeitpunkt ausgemachte Sache war, konnten die Ermittler nicht aufklären. Die Beteiligten schweigen eisern. Die 1. Strafkammer des Landgerichts ist überzeugt, dass die Rocker übereinkamen, die Waffen im Fall einer direkten Konfrontation gegen die United Tribuns einzusetzen, um in jedem Fall zu siegen.

    Von einem direkten Angriff auf das Clubhaus in der Konstantinstraße sehen die „Höllenengel“ aber ab. Sie kennen die Gesetze der Szene. Zeigen sie sich provokant im Revier der Tribuns, ist deren Erscheinen nur eine Frage der Zeit.

    Ein szenekundiger Beamter schilderte später vor Gericht, ihm sei kein Fall untergekommen, in dem eine derart geplante „Racheaktion“ nicht mit dem Präsidenten abgesprochen gewesen sei. Rockerclubs sind streng hierarchisch aufgebaut. Das Wort des Präsidenten hat Gewicht.

    Nur in einem ihm bekannten Fall, erinnerte sich der Mitarbeiter des Berliner Landeskriminalamts, hätten die Rocker den Präsidenten nicht telefonisch erreichen können. Daraufhin sei sich mit dessen Stellvertreter abgesprochen worden. Dass Marcus M. von den mitgeführten Waffen rein gar nichts gewusst hat, erscheint in diesem Lichte höchst abwegig.

    Auf der Eisenbahnstraße

    An der Straßenkreuzung Eisenbahnstraße/Neustädter Straße befindet sich der Imbiss „Iss was“. Ein flacher Pavillon mit umzäunten Freisitz. Zwischen 14 Uhr und 14:45 Uhr machen sich die Hells Angels mit zwei Transportern und zwei Motorrädern auf den Weg dorthin. Der Ort ist strategisch günstig gewählt. Von hier bis zum Clubhaus der United Tribuns sind es fußläufig etwa 80 Meter. Ein Katzensprung.

    Die Eisenbahnstraße ist in diesem Bereich an einem Samstagnachmittag stark frequentiert. Das verspricht jede Menge Aufmerksamkeit. Um 14:54 Uhr informiert ein Anwohner die Polizei. Sieben Minuten später, um 15:01 Uhr, erreicht die Nachricht Sooren O. Ein Tribuns-Supporter postet ein Foto der Szenerie in die interne WhatsApp-Gruppe. Der Vizepräsident reagiert prompt. „Alle zum Clubhaus“, lautet sein Befehl an die Gefolgschaft. „Die dürfen nicht gehen, bevor wir da sind.“

    Die ersten beiden Polizisten erreichen den Einsatzort um 15:10 Uhr. Weil sie sich schon zahlenmäßig unterlegen fühlten, um den Hells Angels Gefährderansprachen zu erteilen und Platzverweise durchzusetzen, fordern sie Verstärkung an. Dann begeben sie sich zu ihrer „Kundschaft“.

    Die Rocker fühlen sich durch die Anwesenheit der beiden Uniformträger nicht gestört. Einige schlürfen Milch aus Glasflaschen. „Milch macht müde Männer munter“, sagt einer zu den Ordnungshütern. Mangels weiterer Handlungsoptionen ziehen sich die Polizisten in ihren Funkwagen zurück, den sie zehn bis 15 Meter entfernt abgeparkt haben.

    Das Titelblatt der LZ Nr. 87, Ausgabe Januar 2021. Screen LZ
    Das Titelblatt der LZ Nr. 87, Ausgabe Januar 2021. Screen LZ

    Während die Beamten auf Verstärkung warten, bekommt Marcus M. Hunger. Gemeinsam mit zwei Getreuen holt er sich in seinem Stammlokal „Haci Baba“, 400 Meter entfernt, einen XXL-Döner. Auf dem Rückweg stoppen drei hochpreisige Autos neben dem Rockerboss. Die United Tribuns sind wieder in ihrem Revier angekommen.

    Der kurze Zwischenstopp auf der Eisenbahnstraße führt noch nicht zur Eskalation. Es bleibt bei einem verbalen Scharmützel. Wieder am Clubhaus angekommen, beratschlagen die Tribuns, was zu tun sei. Die Polizei hat in der Zwischenzeit ihre Präsenz bei den Hells Angels verstärkt.

    Sooren O. beschließt spontan, die Hells Angels zur Rede zu stellen. Im Pulk bewegen sich die äußerlich unbewaffneten Tribuns auf die Rocker zu, nicht ahnend, dass diese zwei Pistolen bei sich führen. „Jetzt kommen sie“, ruft ein Hells Angel. Am Imbiss sind inzwischen 15 Polizisten zugegen. Keiner von ihnen ist in der Lage, das nun folgende Geschehen zu unterbinden.

    Tödliche Schüsse

    Die Hells Angels hatten nach den Feststellungen des Landgerichts für den Fall einer direkten Konfrontation vereinbart, die United Tribuns als die nach außen sichtbaren Aggressoren an ihre Formation herankommen zu lassen, um die Schusswaffen unter dem Vorwand einer vermeintlichen Notwehrlage einzusetzen. Eine solche provozierte Notwehrlage lässt jedoch die Strafbarkeit nicht entfallen.

    Vor dem Imbiss stehen 15 Hells Angels, die meisten jenseits der 40 Jahre, 18 bis 30 durchtrainierte, überwiegend jüngere Gangmitgliedern gegenüber. Spätestens jetzt muss auch dem letzten Hells Angel gedämmert haben, dass sich das erklärte Ziel nur mit Einsatz der Schusswaffen erreichen lässt.

    Ein Polizist funkt: „Gleicht geht es mächtig los.“ Als er direkt vor dem rot-weißen Mob steht, realisiert Sooren O., dass die Hells Angels nicht zu einem klärenden Gespräch in den Leipziger Osten gekommen sind. Er hebt sein rechtes Bein und versucht, einen der Rocker mit einer Kickboxbewegung zu erwischen.

    Marcus M. wirft unmittelbar im Anschluss eine Glasflasche in Richtung der Tribuns. Zeitgleich zieht Stefan S. die mitgebrachte Walther PPK, Kaliber 7,65 mm, und feuert das Magazin leer. Sieben Schüsse binnen 2,1 Sekunden. Einer der Polizisten zieht sofort die Dienstwaffe und fixiert den Schützen. Die United Tribuns ergreifen sofort die Flucht.

    Veysel A. kommt nur bis zur Straßenmitte. Getroffen von zwei Kugeln sinkt der Schwerverletzte zu Boden. Eine Kugel hat seinen Bauch, eine zweite den rechten Oberarm durchschlagen. Das Geschoss hat die rechte Beckenschlagader durchtrennt. Marcus M. setzt dem Flüchtenden nach. Als der schon auf dem Boden liegt, tritt er zwei Mal stampfend auf dessen Kopf. Ferenc B. verpasst ihm einen weiteren Tritt. Frank M. tritt ebenfalls nach A.’s Kopf. Anschließend begibt er sich zurück vor den Imbiss.

    Die zweite Pistole kommt nicht zum Einsatz. Frank W. hatte die Waffe, die baugleich zur ersten Pistole ist, zwar durchgeladen und sodann an Alexander L. übergeben. Dieser benutzt sie allerdings nicht. Die Walther PPK wird von den Ermittlern im benachbarten Otto-Runki-Park in einem Gebüsch gefunden.

    Die 14 Hells Angels, die am Imbiss verblieben waren, lassen sich von den anwesenden Polizisten widerstandslos festnehmen und entwaffnen. Nur Marcus M. sucht das Weite. Er wird sich tags darauf den Behörden stellen. Sooren O. und Umut A. sind schwer verletzt. Beide wurden von Kugeln getroffen. Trotzdem gelingt es letzterem, seinen Vizepräsidenten und sich selbst in die Notaufnahme der Uniklinik zu fahren. Das rettet ihnen das Leben.

    Veysel A. hat nicht so viel Glück. Trotz sofort eingeleiteter Wiederbelebungsmaßnahmen, trotz schnellem Eintreffens des Rettungsdienstes, trotz einer Notoperation verstirbt der Anwärter am frühen Abend im Krankenhaus infolge eines hämorrhagischen Schocks.

    Nachspiel und Haft bis mindestens 2031

    In ihrer kruden Selbstwahrnehmung haben die Hells Angels mit den tödlichen Schüssen die eigene Rockerehre wiederhergestellt. Dass dafür ein Mensch sterben musste, gilt in der von gegenseitigem Hass erfüllten Szene maximal als Kollateralschaden. Wer von den Tätern Einsicht oder sogar Mitgefühl mit den Hinterbliebenen erwartet, der wartet vergebens.

    Doch der Preis für die paar Augenblicke schnell vergänglichen Ruhms ist hoch. Wahrscheinlich weit höher als erwartet. Vier Tage später, am 30. Juni, verkündeten die Leipziger Hells Angels die Selbstauflösung. Die Clubinsignien am „Angels Place“ verschwanden über Nacht. Die Mitglieder bleiben trotzdem Hells Angels.

    Am 10. September 2016 hielten die United Tribuns einen Trauermarsch zu Ehren ihres verstorbenen Anwärters Veysel A. ab. Am gleichen Tag veranstalteten die Hells Angels eine Feier, die zu Solidaritätsbekundungen mit den zu diesem Zeitpunkt schon inhaftierten Stefan S. und Frank M. genutzt wurde. Die United Tribuns sind ebenfalls Geschichte. Jedenfalls was die Außendarstellung angeht. Im April 2018 gab das Chapter seine Auflösung bekannt.

    Stefan S., Marcus M., Frank M. und Ferenc B. wurden im Juni 2019 nach fast zweijähriger Hauptverhandlung durch das Landgericht Leipzig wegen Mordes und zweifachen Mordversuchs zu lebenslangen Freiheitsstrafen verurteilt. Im August 2020 verwarf der Bundesgerichtshof ihre Revisionen. Das Urteil ist damit rechtskräftig. Eine Freilassung ist frühestens im Jahr 2031 denkbar. Ihre Geschäfte laufen derweil weiter.

    Die Staatsanwaltschaft ermittelt im Zusammenhang mit den Geschehnissen am 25. Juni 2016 noch immer. Weitere Anklagen sind bislang nicht erhoben worden. Auf der Rocker-Landkarte ist Sachsen noch immer rot-weiß.

    „Tödliche Schüsse: Aufstieg und Fall der Leipziger Hells Angels“ erschien erstmals am 29. Januar 2021 in der aktuellen Printausgabe der LEIPZIGER ZEITUNG. Unsere Nummer 87 der LZ finden Sie neben Großmärkten und Presseshops unter anderem bei diesen Szenehändlern.

    Hinweis der Redaktion in eigener Sache

    Seit der „Coronakrise“ haben wir unser Archiv für alle Leser geöffnet. Es gibt also seither auch für Nichtabonnenten alle Artikel der letzten Jahre auf L-IZ.de zu entdecken. Über die tagesaktuellen Berichte hinaus ganz ohne Paywall.

    Unterstützen Sie lokalen/regionalen Journalismus und so unsere tägliche Arbeit vor Ort in Leipzig. Mit dem Abschluss eines Freikäufer-Abonnements (zur Abonnentenseite) sichern Sie den täglichen, frei verfügbaren Zugang zu wichtigen Informationen in Leipzig und unsere Arbeit für Sie.

    Vielen Dank dafür.

    Anzeige
    Werbung

    Mehr zum Thema

    Mehr
      Anzeige
      Werbung

      Topthemen

      1 KOMMENTAR

      1. Es war nur eine Frage der Zeit bis die Kontrolle über das Drogen- und Rotlichtmilieu von Deutscher Hand in Migrantenhand in der letzten deutschen Großstadt übergehen wird. Umfangreiche Macht entscheidende Rekrutierungen erfolgten seit 2015. Der Gewaltausbruch der Hells Angels/LOK setzte nur symbolisch einen Schlussstrich. Das Deutsche Milieu hatte sich sowieso schon in den Immobilienbereich verlagert. Regelmäßig erfolgt eine Geschäftsübergabe in der Szene aber auch ganz friedlich zum Beispiel durch Heirat, wobei die neue Macht den Ehemann stellt.

      - Werbung -

      Aktuell auf LZ

      Anzeige
      Anzeige
      Anzeige