Übergriffe auf Frauen in Leipzig: Mutmaßlicher Serientäter bestreitet Vorwürfe

Eine beklemmende Serie von Übergriffen auf Frauen in den Jahren 2015 und 2016 beschäftigt seit Montag die 8. Strafkammer des Leipziger Landgerichts. Zum Prozessauftakt stritt der mutmaßliche Täter die schweren Vorwürfe weitestgehend ab. Von einer ihm angelasteten Vergewaltigung schilderte der 28-Jährige eine ganz andere Version.
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Eine Frau auf dem Heimweg, es ist einsam, still und finster. Doch plötzlich nähern sich Schritte von hinten und das Opfer wird gepackt. Dieses Albtraumszenario soll sich zwischen September 2015 und Juli 2016 wiederholt im ganzen Leipziger Stadtgebiet ereignet haben. Die Begehungsweise wies dabei ähnliche Muster auf: Offenbar suchte der Täter gezielt nach jungen Frauen, die in den Nacht- und frühen Morgenstunden allein unterwegs waren. Er schlich sich an sie heran, hielt ihnen den Mund zu und versuchte, sie unsittlich zu berühren. Da die Geschädigten sich mehrheitlich heftig wehrten und schrieen, trat ihr Angreifer die Flucht an. „Es ging darum, Macht auszuüben“, so Staatsanwältin Anett Schneider in ihrer Anklageschrift, die insgesamt 21 versuchte und vollendete Nötigungen auflistet. Die Attacken ereigneten sich unter anderem in Lindenau, Möckern, Volkmarsdorf, Reudnitz und der Südvorstadt.

Am 23. Juli 2016 sei es schließlich zu einer Vergewaltigung in einem Gohliser Hausflur gekommen. Der Täter habe sein Opfer vorher in das Gebäude gezerrt und ihm die Augen verbunden. Kurz darauf fasste die Polizei den Verdächtigen Enrico S., der seit dem Folgetag in Untersuchungshaft sitzt.

„Bezüglich der Nötigungshandlungen kann ich sagen, dass ich all das nicht begangen habe“, erklärte der Angeklagte gegenüber der 8. Strafkammer. Den Geschlechtsakt vom 23. Juli stellte der 28-Jährige hingegen als beiderseits gewollt dar. Demnach habe er sich in der fraglichen Nacht mit einer Freundin getroffen, sei mit ihr durch die Leipziger Innenstadt gewandert und dann Richtung Möckern gelaufen. Auf dem gemeinsamen Rückweg sei ihm das mutmaßliche Opfer aufgefallen, als es aus einem LVB-Nightliner stieg. „Sie hatte ein hübsches Gesicht. Sie hat mich fasziniert, “ so Enrico S..

Enrico S. sitzt seit Juli 2016 in Untersuchungshaft. Foto: Lucas Böhme

Enrico S. sitzt seit Juli 2016 in Untersuchungshaft. Foto: Lucas Böhme

Einem Impuls folgend, habe er seiner Begleiterin das Fahrrad in die Hand gedrückt und sei der jungen Frau aus dem Nachtbus hinterhergesprintet. Er habe sie angesprochen, sich mit ihr auf die Treppe ihres Wohnhauses gesetzt. Nach einigen Minuten Smalltalk habe man begonnen, sich gegenseitig zu küssen, dann habe sich das Geschehen in den Keller verlagert, wo einvernehmlicher Oral -und Vaginalverkehr stattgefunden habe. Nach der Verabschiedung sei er zu seiner Begleiterin nach draußen zurückgekehrt, um den Heimweg fortzusetzen.

Der Vorsitzende Richter Rüdiger Harr schien an dieser Variante zu zweifeln. Warum er seine Bekannte nicht längst als potenzielle Entlastungszeugin angeführt habe, fragte er den Angeklagten. Enrico S. erwiderte, er habe sie nicht in die Geschichte hineinziehen wollen. „Ich mache das prinzipiell nicht.“ Und das Ansprechen der ihm wildfremden Studentin habe einfach so geklappt? „Ich weiß, dass das komisch klingt. Aber ich bin niemand, der rumsteht und gafft.“

„Dann geht man hinterher, mitten in der Nacht, und quatscht jemanden an der Haustür an?“

„Ja.“

Am Montag sagten auch die ersten fünf Zeuginnen aus, die von den Attacken des mutmaßlichen Serientäters getroffen wurden. Übereinstimmend beschrieben sie den Angreifer als vermummt, nicht sehr groß und von schlanker bis normaler Statur.

Die Opfer erlitten psychisch mehr oder minder starke Langzeitfolgen. „Es geht nicht nur um die Sekunden. Die Zeit danach, das ist im Kopf drin, “ berichtete Lara G.* (20). Die junge Frau erwischte es bei der Heimkehr vom Feiern im Oktober 2015. Der Täter war nach ihrer Beobachtung aus einem PKW gestiegen, ihr nachgelaufen und über einen Zaun in den Innenhof hinterhergeklettert. Als sie laut schrie und ein Nachbar zu Hilfe eilte, ließ der unheimliche Verfolger auf halbem Wege ab und floh. Nach dem Vorfall hatte sie sich lange Zeit nicht zurück nach Hause getraut, inzwischen sei sie in eine WG gezogen und im Dunkeln nicht mehr allein unterwegs, so die Studentin.

Der einschlägig vorbestrafte Enrico S. hat aus dem Anklagesatz bisher lediglich eine Beleidigung zugegeben: Aus Rage über früheres Fremdgehen und Bedrohungen seiner Exfreundin habe er sie in einer SMS unter anderem als „Abschaum“ tituliert, räumte er ein. Zu zwei Fällen kinderpornographischer Dateien auf seinem Rechner beteuerte er, die Inhalte nicht gekannt zu haben.

Der Prozess wird fortgesetzt. Aktuell sind noch drei weitere Termine bis 9. Februar anberaumt.

*Name geändert.

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LandgerichtVergewaltigung
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