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Säure-Anschlag auf Ministerwohnung: Prozess fortgesetzt – Aussage Gemkows erneut verschoben

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    Wie gelangte die DNA von Roman W. nach Leipzig und dann noch ausgerechnet an den Ort, wo ein heimtückischer Anschlag auf die Privatwohnung des sächsischen Justizministers verübt wurde? Nur eine von vielen offenen Fragen, um deren Klärung sich das Leipziger Amtsgericht in einem brisanten Prozess bemüht. Die zwei Angeklagten, ein Leipziger mit dem Ruf eines rechten Hooligans und ein Autohändler aus Nordrhein-Westfalen, bestreiten die Tat.

    Mit der intensiven Vernehmung ermittelnder Polizisten setzte das Amtsgericht am Freitag das Verfahren um den Angriff auf die Privatwohnung des sächsischen Justizministers Sebastian Gemkow (CDU) fort. Am frühen Morgen des 24. November 2015 um kurz nach zwei Uhr hatten Pflastersteine die Fensterscheiben in der Leipziger Südvorstadt durchschlagen. Gefolgt von mit Buttersäure befüllten Christbaumkugeln. Der Politiker, seine Ehefrau und die Kinder blieben unverletzt, mussten aber nach dem Anschlag umziehen. Es entstanden etwa 11.000 Euro Schaden.

    Wegen Sachbeschädigung und versuchter gefährlicher Körperverletzung stehen seit 7. August zwei mutmaßliche Täter vor Gericht: Roman W. (30), ein gebürtiger Kirgise aus dem nordrhein-westfälischen Meckenheim sowie Thomas K. (30), dem der Ruf eines rechtsorientierten und kampfsportbegeisterten Hooligans aus dem Umfeld des 1. FC Lok Leipzig vorauseilt.

    Zumindest bewies Letzterer in der Vergangenheit seine Affinität zu Gewalttaten: Schon vielfach wurde er seit Teenager-Tagen unter anderem wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte und Körperverletzung verurteilt. In der Nacht zum 1. Mai 2008 griff er mit weiteren Neonazis einen Nightliner der LVB in Mockau an, in dem Besucher des Konzerts „Courage zeigen“ vermutet wurden, ein Mensch trug damals schwere Verletzungen davon.

    Auch bei dem Mob von mehr als 200 Hooligans, die am 11. Januar 2016 randalierend durch Connewitz zogen, soll der umtriebige Rechtsprotagonist dabei gewesen sein. Die Liste ließe sich weiter füllen. Bei der Polizei kennt man Thomas K. im Fußballmilieu als „C-Fan“, die Kategorie gewaltbereiter Täter, wie ein szenekundiger Kriminalist (44) am Freitag im Zeugenstand erklärte.

    Thomas K. (30) mit Verteidiger Mario Thomas. Foto: Lucas Böhme
    Thomas K. (30) mit Verteidiger Mario Thomas. Foto: Lucas Böhme

    Vor dem Amtsgericht schwieg Thomas K. bisher zu den Tatvorwürfen. Gegenüber der Polizei und seinem Anwalt machte er jedoch geltend, nie etwas gegen Gemkow unternehmen zu wollen. Schließlich sei der 39-Jährige CDU-Minister mit einem Kampfsporttrainer befreundet, der auch zu seinem Bekanntenkreis zählt.

    Strafverteidiger Mario Thomas lenkte den Verdacht entsprechend in eine andere Richtung, kritisierte die „eklatanten Ermittlungsfehler“ des „Operativen Abwehrzentrums“, das die Ermittlungen im Fall Gemkow geführt hatte. So stützten sich die Fahnder lediglich auf den Fund fehleranfälliger DNA-Anhaftungen auf einer Verpackung in Tatortnähe.

    Ein anderes Indiz, das nach Connewitz führt, sei dagegen nie richtig verfolgt worden: Ein Fährtenhund hatte noch in der Tatnacht eine Geruchsspur der mutmaßlichen Angreifer aufgenommen, die bis zu einem Wohnhaus in der Biedermannstraße führte, wo auch ein als linker Gewalttäter bekannter Mann gemeldet sei. Eine Prüfung von dessen Alibi – er will in der Tatnacht mit einem Freund gearbeitet haben – sei bislang nicht erfolgt, monierte Thomas. Die Hundeführerin der Polizei (47) erinnerte sich als Zeugin aber, das Tier habe sich nicht direkt an die fragliche Haustür heranbewegt. Das könnte bedeuten, dass die Geruchsspur dort endet, sich aber nicht bis in das Gebäude fortsetzt. Blieben die Erschnüffelten hier also nur stehen, redeten, oder stiegen in ein Auto?

    Roman W., dessen DNA ebenfalls vor der ehemaligen Wohnung Gemkows sichergestellt wurde, erneuerte am Freitag in einer persönlichen Erklärung seine Version der Dinge. Die Spur sei eventuell durch einen Mercedes nach Leipzig gelangt. Der war auf den Namen eines Düsseldorfer Rechtsanwalts gemeldet, in dessen Auftrag Roman W. den Wagen zu einem Kumpel nach Frankreich gefahren haben will. Kurz darauf sei das Fahrzeug von Saarbrücken aus an einen Abnehmer in Leipzig verkauft worden. „Ich habe keine Ahnung, wer es war“, beteuerte W., der überdies weder seinen Mitangeklagten zuvor jemals gesehen noch Sebastian Gemkow vor Eröffnung des Tatverdachts gekannt haben will. Auch in Leipzig habe er sich bisher nicht aufgehalten.

    Roman W. (30) mit Verteidiger Andreas Meschkat. Foto: Lucas Böhme
    Roman W. (30) mit Verteidiger Andreas Meschkat. Foto: Lucas Böhme

    Im Zusammenhang mit dem PKW und einem Blitzerfoto fielen am Freitag unter anderem auch die Namen eines Veranstalters sogenannter Freefight-Events aus der Nähe von Leipzig und eines Wurzner Kampfsportlers. Beide sollen zum Umfeld des Angeklagten Thomas K. gehören.

    Eine weitere These über den Hintergrund des Angriffs auf Gemkows Wohnung bezog sich auf einen linksorientierten Szenevertrieb von Mode, der seinen Sitz bis April 2016 in der direkten Nachbarschaft des Justizministers hatte. Wurde der Politiker das Opfer einer schlichten Verwechslung? Dafür spricht zumindest, dass die fraglichen Räume unmittelbar an die Zimmer von Gemkows Wohnung grenzten. Auch ein Fan aus dem linken Fußballmilieu soll dort gewohnt haben. Galt vielleicht ihm die Attacke?

    Aljona W., Ehefrau des Angeklagten aus Meckenheim, nahm ihren Mann als Zeugin ausdrücklich in Schutz: Er sei ab 21. November 2015 mehrere Tage mit ihr zusammen gewesen, habe mit ihr gefeiert, sei dann am 26. November geschäftlich nach Lettland gereist. „Er war definitiv zu Hause“, sagte die 30-Jährige, die mit Roman W. eine gemeinsame Tochter (8) hat, über die Tatnacht. Am Tag vor der Tat hat sich der Autoverkäufer nach eigener Aussage noch via Chat mit einem Bekannten zum Training verabredet, am Vormittag des Folgetags eine Geldstrafe von 1.000 Euro persönlich in einem Bonner Polizeirevier beglichen. Zumindest der letzte Punkt scheint auch von dortiger Seite bestätigt worden zu sein.

    Die Anklage wird durch Oberstaatsanwalt Ricardo Schulz vertreten. Foto: Lucas Böhme
    Die Anklage wird durch Oberstaatsanwalt Ricardo Schulz vertreten. Foto: Lucas Böhme

    Oberstaatsanwalt Ricardo Schulz kündigte zum Ende der Verhandlung am Freitag an, eine Befragung weiterer Zeugen in Erwägung zu ziehen. Auch ähnliche Anträge der Verteidigung sind bisher noch nicht entschieden. Einiges deutet auf einen zähen Prozess, in dem das letzte Wort wohl noch lange nicht gesprochen ist.

    Das ungewöhnliche Verfahren wird am 4. September fortgeführt. Dann ist auch Sebastian Gemkow selbst erneut als Zeuge vorgeladen. Seine für den 14. August geplante Aussage wurde zum zweiten Mal verschoben, da erst der Angeklagte Roman W. angeblich krankheitsbedingt fehlte, am Freitag wiederum war der Minister verhindert. Ein weiterer Termin wurde auf den 8. September bestimmt.

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