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Neuer Prozess nach Säure-Angriff auf Gemkow-Wohnung: Angeklagter sieht sich als unschuldig

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    Fast sechs Jahre nach dem nächtlichen Säure-Angriff auf die Privatwohnung des damaligen sächsischen Justizministers Sebastian Gemkow in Leipzig steht seit Freitag ein weiterer Verdächtiger vor Gericht. Die bisherige Aufarbeitung des Falles scheint aus Behördensicht desaströs, denn zwei Verdächtige wurden in den letzten Jahren freigesprochen. Der nun Angeklagte beteuerte zum Prozessauftakt seine Unschuld. Dafür, wie seine DNA auf einem der Steine gelandet ist, lieferte der 41-Jährige eine eigenartige Erklärung.

    Nächtlicher Säure-Angriff machte Apartment unbewohnbar

    Unauffällig und adrett gekleidet betrat der 41-jährige Jens E. am Freitagmorgen den Saal 218 des Leipziger Amtsgerichts. Er ist wegen versuchter gefährlicher Körperverletzung und Sachbeschädigung angeklagt.Rückblick: Vor fast genau sechs Jahren, am frühen Morgen des 24. November 2015 um kurz nach zwei Uhr, durchschlugen massive Pflastersteine die Glasscheibe einer Erdgeschosswohnung in der Leipziger Südvorstadt – gefolgt von Christbaumkugeln, die mit Buttersäure gefüllt waren. Eine Familie mit drei kleinen Kindern schreckte im Nachbarzimmer aus dem Tiefschlaf hoch.

    Familienvater war Sebastian Gemkow, damals sächsischer Justizminister, seit gut zwei Jahren nun Wissenschaftsminister von Sachsen. Der heute 43-jährige CDU-Politiker und seine Familie blieben unverletzt, mussten das unbewohnbar gewordene Apartment aber nach dem Anschlag aufgeben. Der Sachschaden betrug mehr als 10.900 Euro.

    Debakel: Erste Prozesse mündeten in Freisprüchen

    Anwohner hatten in der fraglichen Nacht eine größere Gruppe am Tatort beobachtet. Doch erst gut zwei Jahre später standen zwei Tatverdächtige vor dem Leipziger Amtsgericht: Roman W., ein stämmig-durchtrainierter Autohändler aus Nordrhein-Westfalen, der angab, noch nie in Leipzig gewesen zu sein und auch seinen Mitangeklagten nicht zu kennen. Thomas K. (heute 34), massiv vorbestrafter Hooligan aus dem Milieu von Lok Leipzig, bestand ebenso auf seiner Unschuld.

    In erster Instanz erhielt er zwei Jahre und vier Monate Haft, nach der Berufung wurde er jedoch 2019 freigesprochen, da die DNA auf einem Stein als Beweis nicht ausreiche, wie das Landgericht befand. Der mitangeklagte Autoverkäufer hatte den Prozess schon in erster Instanz mit einem Freispruch verlassen. Bei seiner DNA-Spur handelte es sich aus Sicht des Gerichts um eine Zufallsübertragung.

    Angreifer sollen Nachbarwohnung im Visier gehabt haben

    Über die Hintergründe des perfiden Anschlags war danach wiederholt spekuliert worden. Sebastian Gemkow galt, obgleich er sich offen gegen Legida positioniert hatte, in Teilen der linken Szene als Vertreter eines konservativen CDU-Establishments.

    Manche sahen hier ein mögliches Tatmotiv, zumal er auch Kontakt zu einem in der rechten Kampfsportszene bekannten Anwalt pflegte. Mit diesem hatte sich Gemkow vor dem Eintritt ins sächsische Regierungskabinett eine Kanzlei geteilt.

    Das Leipziger Amtsgericht hatte dagegen angenommen, die rechtsgerichteten Angreifer hätten eigentlich eine Nachbarwohnung im Visier gehabt, die ihnen als Adresse eines Versandhandels linker Szenekleidung bekannt war. Die Täter hätten sich schlicht geirrt und das falsche Fenster eingeschmissen.

    Angeklagter lehnt Deal ab und liefert eigene Version

    Und nun? Schien es lange so, als ob der Vorfall ohne rechtskräftige Verurteilung zu den Akten gelegt werden muss, hat die Staatsanwaltschaft nun mit ihrer Anklage gegen Jens E. einen neuen Verdächtigen vor Gericht gebracht. Seine DNA auf einem sichergestellten Stein wurde ihm Ende 2018 zugeordnet.

    Die Erklärung, die der zweifache Familienvater dem Schöffengericht unter Vorsitz von Ute Fritsch am Freitag lieferte, klang bizarr: Er habe am Vortag wie so oft mit einem befreundeten Kollegen bei einer Legida-Versammlung auf dem Richard-Wagner-Platz teilgenommen, als ein Unbekannter ihm einen Stein mit den Worten „Falls wir angegriffen werden“ gereicht habe. Er habe den Stein nur kurz in der Hand gehalten und mit den Worten „Lass‘ das, hier ist doch überall Polizei“ zurückgegeben, sagte Jens E. aus.

    Der Fall wird vor dem Schöffengericht unter Vorsitz von Richterin Ute Fritsch (2.v.l.) verhandelt. Foto: Lucas Böhme
    Der Fall wird vor dem Schöffengericht unter Vorsitz von Richterin Ute Fritsch (2.v.l.) verhandelt. Foto: Lucas Böhme

    Zuvor hatte der nach eigenen Angaben im Sozialbereich tätige Projektleiter einen Deal mit Anklagebehörde und Gericht verweigert: Staatsanwalt Andreas Ricken bot dem 41-Jährigen an, gegen ein umfassendes Geständnis mit einer Bewährungsstrafe einverstanden zu sein. Jens E. lehnte ab. „Ich weiß, dass ich am 24.11. nicht beteiligt war.“

    Jens E. wurde für Connewitz-Überfall verurteilt

    Überhaupt sei das ganze Verfahren für ihn und seine Familie eine Belastung. Etwa seit Sommer 2015 habe er sich „interessehalber“ regelmäßig an Legida-Aufzügen beteiligt und die „Montagsdemonstrationen“ besucht – was die Vorsitzende Richterin Ute Fritsch zu der irritierten Rückfrage veranlasste, ob er die Demonstrationen vom Herbst 1989 in der DDR meine. Mit Blick auf die Version des Angeklagten, wie seine DNA auf den Stein kam, sprach sie von einer „etwas ungewöhnlichen Situation.“

    Ein unbeschriebenes Blatt ist Jens E. allerdings nicht, denn am Abend des 11. Januar 2016 wurde er nach dem brutalen Neonazi-Überfall auf Connewitz zusammen mit mehr als 200 anderen Angreifern von der Polizei eingekesselt und 2019 zu eineinhalb Jahren Haft verurteilt. Dazu erklärte E. am Freitag, er habe es nicht gutgeheißen, was in Connewitz passiert sei.

    Nach seiner dortigen Festsetzung will er sich auch aus der Legida-Szene gelöst haben. „Die Konsequenzen waren mir dann zu weitreichend.“ E.s Verteidiger Axel Kaufmann verwies auf die im Netz veröffentlichten Daten seines Mandanten und den Druck, der auch auf seinen damaligen Arbeitgeber, ein Subunternehmen des MDR, ausgeübt wurde. Jens E. beteuerte wiederholt, er sei weit davon entfernt, Steine zu schmeißen und kenne auch niemanden mit derlei Plänen.

    Gemkow erneut als Zeuge geladen

    Der Prozess gegen Jens E. wurde am Freitag unterbrochen und wird voraussichtlich am 22. November fortgesetzt. Dann sollen unter anderem sein damaliger Begleiter auf der Legida-Demo, der selbst am Angriff auf Connewitz beteiligt war, und die frühere Lebensgefährtin von E. ihre Aussage machen.

    Auch der Geschädigte Sebastian Gemkow selbst ist erneut als Zeuge geladen, die Vernehmung des heutigen Wissenschaftsministers von Sachsen ist für 1. Dezember geplant.

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