Ob der „Teenage Drug Lord“, ein Rocker, ein Polizist oder eine gefallene Oberstaatsanwältin: Strafverteidiger Curt-Matthias Engel leistete schon unterschiedlichsten Menschen vor Gericht Beistand. Am Mittwoch, dem 7. Januar, musste der Leipziger Jurist dagegen eine Zeugenrolle ausfüllen: Im Amtsgericht erinnerte er sich, wie er als Vorstandsmitglied der Anwaltskammer dem jetzt angeklagten Ex-Stadtrat Jürgen Kasek Unterstützung anbot.

Wie berichtet, steht der Grünen-Politiker, Ex-Stadtrat und Aktivist Jürgen Kasek seit Oktober 2025 vor dem Amtsgericht Leipzig: Die Anklage wirft ihm in 42 Fällen unter anderem eine missbräuchliche Berufsbezeichnung und Betrug vor. Der Volljurist soll demnach trotz eines seit 19. Juli 2022 rechtskräftigen Verlustes seiner Zulassung weiterhin als Rechtsanwalt praktiziert, Fälle übernommen, Mandantschaft beraten und zum Teil illegal Gelder abgerechnet haben, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Kasek wies im Prozess den Vorwurf einer Bereicherung zurück. Den Punkt, weiter seine Kanzleihomepage betrieben sowie die Bezeichnung „Rechtsanwalt“ auf X (ehemals: Twitter) und in der Signatur verwendet zu haben, stellte der 45-Jährige dagegen nicht in Abrede.

Rechtsanwalt Curt-Matthias Engel bot Kasek Unterstützung an

Zumindest die verlorene Zulassung Kaseks für den Anwaltsberuf ist ebenfalls unstrittig: Ein Umstand, der auch Curt-Matthias Engel nicht verborgen blieb.

Der bekannte und streitbare Strafverteidiger aus Leipzig ist seit 2007 Mitglied im Vorstand der Rechtsanwaltskammer Sachsen, suchte nach eigenen Angaben Kontakt zu Kasek: „Ich habe zweimal mit ihm gesprochen“, so der 57-Jährige am Mittwoch als Zeuge im Amtsgericht. „Ich habe irgendwann Kenntnis von dem Verlust der Zulassung bekommen.“

Curt-Matthias Engel. Foto: Lucas Böhme
Der bekannte Strafverteidiger Curt-Matthias Engel, hier bei einem früheren Termin im September 2025, sagte am Mittwoch im Prozess gegen Jürgen Kasek als Zeuge aus. Foto: Lucas Böhme

Sein Reflex sei vor allem Mitgefühl mit dem geschassten Kollegen gewesen, bei dem angehäufte Beitragsschulden beim Rechtsanwaltsversorgungswerk dazu führten, dass der polarisierende Grünen-Politiker nicht mehr in seinem Job praktizieren durfte und auch eine Klage dagegen verlor.

Dabei hätten viele freie Anwälte finanziell hart zu kämpfen, weiß Engel: „Das ist ein Druck, dem jeder von uns ausgesetzt ist.“ Die angebotene Hilfe habe Kasek aber nicht so recht angenommen, erinnerte sich der Zeuge. Zumindest übernahm Engel nach eigener Aussage einen Mandanten von Kasek, dessen Kanzlei, so verlautete es 2022, von einem anderen Anwalt weitergeführt werden sollte.

Kontroverse Diskussion: Hätte die Rechtsanwaltskammer einschreiten müssen?

Deswegen sei die Kanzlei formal auch nicht der Abwicklung unterzogen worden: Ein Verfahren, das ansonsten bemüht wird, wenn Rechtsanwälte versterben oder ihrem Beruf aus anderen Gründen nicht mehr nachgehen. Dabei soll vor allem die unkomplizierte Weiterbetreuung der Mandanten sichergestellt werden: „Wir müssen nur wissen, dass der Mandant nicht im Regen steht, auf gut Deutsch gesagt“, schilderte Rechtsanwalt Engel.

Kontroverse Diskussionen kamen im Gerichtssaal am Mittwoch in diesem Zusammenhang bei der Befragung einer weiteren Zeugin auf: Die Anwältin (53), bis Ende 2022 Geschäftsführerin der Rechtsanwaltskammer, bestätigte, dass man nicht mit einem Abwicklungsverfahren im Fall Kasek eingriff – obwohl durch Anfragen von Gerichten und eine Mitteilung der Staatsanwaltschaft offenbar bekannt war, dass Kasek nicht mehr als Rechtsanwalt hätte arbeiten dürfen.

Die vermeintliche Übernahme seiner Kanzlei und Mandate durch einen Kollegen wurde erst wesentlich später kommuniziert, im Herbst 2022. Hätte also nicht bereits im Sommer eine zeitnahe Intervention erfolgen müssen, um Mandanten weiterhin optimal zu betreuen?

„Ausweislich der Akte ist da nichts passiert“, so Amtsrichterin Ute Fritsch. „Da bin ich so ein bisschen sprachlos.“ Die Zeugin berief sich dagegen auf ein Telefonat mit Kasek, man habe auch keine Notwendigkeit für eine Abwicklung erkannt.

Der Prozess wird fortgesetzt. Noch steht nicht fest, wann das Schöffengericht sein Urteil über Jürgen Kasek sprechen wird.

Empfohlen auf LZ

So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:

Keine Kommentare bisher

Schreiben Sie einen Kommentar