Sie wollten schnelles Geld, doch der „Coup“ endete in Handschellen. Zwei junge Männer im Alter von 20 und 24 Jahren stehen unter Verdacht, im April 2025 eine Tankstelle im Nordosten von Leipzig überfallen zu haben. Seit Dienstag, dem 6. Januar 2026 wird dem Duo der Prozess am Landgericht wegen schwerer räuberischer Erpressung gemacht. Zum Auftakt gaben beide über ihre Verteidiger Geständnisse ab.

Der Vorfall, den Oberstaatsanwalt Dr. Andreas Heckler in seiner Anklageschrift am Dienstag schilderte, ereignete sich am späten Abend des 15. April vergangenen Jahres: Es war gegen 21:20 Uhr, als zwei Gestalten mit Basecaps und OP-Masken die Tankstelle Braunstraße in Schönefeld-Ost betraten.

Nachdem die letzte Kundin das Geschäft verlassen hatte, soll der Angeklagte Lucas P. (20) am Verkaufstresen eine Kurzschusswaffe auf die Kassiererin gerichtet und sein Komplize Tommy G. (24) mit den Worten „Geld her!“ der Forderung nach Barem Nachdruck verliehen haben. Schon um 21:23 Uhr verließen die Täter die Tankstelle mit einem gelben Plastikbeutel, darin die überschaubare Ausbeute von 325 Euro. Die alarmierte Polizei konnte arbeitslose Duo schnell in Tatortnähe schnappen.

In einer Wohnung kam die Idee zum Überfall

Der Tatvorwurf werde „im Wesentlichen zugestanden“, erklärte Lucas P.s Verteidiger Ingo Stolzenburg: Man sei nach dem Konsum von Rauschmitteln auf die Idee zum Überfall gekommen, sein Mandant habe Gras, Kokain und Alkohol intus gehabt.

Zu zweit habe man die Bahn nach Schönefeld zu einem Kumpel genommen, wo man eigentlich zusammen chillen wollte, sei dann noch etwa 20 bis 30 Minuten gelaufen. Von der Beute habe sein Mandant aber nur 20 Euro einbehalten und den Rest an den Komplizen übergeben.

Lucas P. weise ein erhebliches Drogenproblem und einen verminderten IQ auf, befände sich aber seit Sommer 2025 zur Suchttherapie in einer Fachklinik, wo er positive Tendenzen zeige.

Anwälte: Angeklagte bedauern die Tat

Ähnlich äußerte sich auch Verteidiger-Kollege Erik Bergmüller über seinen Klienten: Der 24-jährige Tommy G. wuchs demnach in einer schwierigen Umgebung auf, erlebte innerfamiliäre Gewalt, verbrachte seine Jugend teilweise im Heim und einer betreuten Einrichtung. Vor etwa zwei Jahren bezog er die erste Wohnung, steht unter Aufsicht eines Betreuers.

„Mein Mandant bedauert die Tat“, so Verteidiger Bergmüller, könne sie sich nicht erklären. Er habe Geld zur Wiedergutmachung angespart. Zudem, so beide Anwälte, setzten Lucas P. und Tommy G. jeweils Entschuldigungsschreiben an die Geschädigte auf.

Überfallopfer: „Die Augen waren böse“

Auch die wurde am Dienstag in den Zeugenstand gebeten: Sie schöpfte keinerlei Verdacht, als die zwei jungen Männer mit Masken und Basecaps sich zunächst in der Tanke bei Tabak und Getränken umsahen, dann in vermeintlicher Kaufabsicht zur Theke gingen, erinnerte sich Mitarbeiterin Annette W. (59, Name geändert).

Doch plötzlich sah sie die Mündung einer Waffe auf sie gerichtet: „Jungs, das ist jetzt nicht euer Ernst!“, habe sie vor Schreck gerufen – doch weder dies noch der Hinweis auf Überwachungskameras brachten die Täter zur Aufgabe. „Ich habe mich dann auf die Kanone konzentriert“, so das Überfallopfer. Dabei handelte es sich um ein täuschend echt aussehendes Softair-Modell.

Und: „Die Augen waren böse“, sagte Annette W. über den Blick der Täter in ihre Richtung. Nach der Übergabe von 325 Euro Bargeld und dem Hinweis, dass die zweite Kasse leer ist, seien beide einfach heraus spaziert. Bis heute habe sie beim Arbeiten gerade in der Abendschicht ein „mulmiges Gefühl“, zumal sie an einer früheren Arbeitsstelle schon einmal Opfer eines Überfalls wurde, so Annette W. gegenüber dem Gericht. Therapeutische Unterstützung nahm sie aber nicht in Anspruch.

Gericht stellt weiteren Anklagevorwurf ein

Ein weiterer Anklagepunkt wurde am Dienstag eingestellt: Demzufolge habe Lucas P. am Morgen des 21. Januar 2025 Polizisten in der Limburger Straße bedroht, die ihn ertappt hatten, wie er Verkehrsschilder und Baken umwarf. Diesen Sachverhalt ließ die Staatsanwaltschaft fallen, da die Strafe aufgrund der zu erwartenden Verurteilung für den Tankstellenraub nicht mehr von erheblicher Bedeutung sei.

Die 3. Kammer unter dem Vorsitzenden Richter Bernd Gicklhorn hat noch zwei Verhandlungstage geplant.

Empfohlen auf LZ

So können Sie die Berichterstattung der Leipziger Zeitung unterstützen:

Keine Kommentare bisher

Schreiben Sie einen Kommentar