Mit Sprengvorrichtungen Marke Eigenbau zog er mehrfach los und beschädigte Fahrkartenautomaten der Deutschen Bahn massiv. Die Beute wird auf mehr als 15.600 Euro beziffert: Seit Montag, dem 11. Mai 2026, steht ein 30 Jahre alter Mann aus der Nähe von Leipzig vor dem Landgericht. Zum Prozessauftakt legte Steven F. ein weitgehendes Geständnis ab – und bekräftigte seinen Willen, künftig straffrei zu leben.
Immer wieder explodierten von Frühsommer bis Herbst Fahrkartenautomaten an Haltepunkten der Deutschen Bahn in und um Leipzig. Nun sitzt ein geständiger Täter auf der Anklagebank: Staatsanwalt Nico Teske warf dem 30 Jahre alten Steven F. beim Prozessauftakt am Montag im Landgericht unter anderem vorsätzliches Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion sowie Sachbeschädigung und Diebstahl vor.
Tatserie in Leipzig und Umgebung
Die Tatserie nahm ihren Anfang am 8. Juni 2025: Damals erschütterte gegen 04:40 Uhr ein lauter Knall die Umgebung des DB-Halts Völkerschlachtdenkmal. Die Wucht der Detonation richtete laut Anklageschrift 21.484 Euro Schaden an, der Täter entkam mit 160 Euro aus einer Geldkassette. Mutet diese Ausbeute noch eher bescheiden an, so konnte Nico F. bei einer ähnlichen Tat in Böhlen, gemeinsam mit einem Mittäter, bereits 4.120 Euro einsacken, so der Staatsanwalt. Das war am 14. Juli, kurz nach 03:00 Uhr.
Am 27. Juli erwischte es den DB‑Halt am Plagwitzer Bahnhof: Hier verschwanden nach einer Explosion gegen 03:15 Uhr ganze 4.095 Euro an Bargeld aus dem Verkaufsautomaten. In Borna betrug die Ausbeute am 28. Juli gegen 01:43 Uhr gar 6.780 Euro, ehe der Täter schließlich in Markkleeberg zuschlug. Dort fielen ihm nach einer Sprengung am 13. August allerdings nur noch 480,30 Euro in die Hände.
Die Gesamtbeute beziffert die Anklagebehörde auf 15.635,30 Euro. Weit höher liegt der angerichtete Sachschaden: Der lag bei jedem der fünf Tatkomplexe um die 21.000 Euro, wird jetzt insgesamt bei knapp unter 104.000 Euro verortet.
Drogensucht als Antrieb
Über seinen Verteidiger Dr. Stephan Flemming ließ der Angeklagte Steven F. ein weitgehendes Geständnis verlesen: Die Vorwürfe träfen großteils zu. Jedoch habe der 30-Jährige bei den Taten in der Prager Straße und in Plagwitz nicht persönlich Hand angelegt, sondern den selbstgebauten Sprengstoff gegen Geld und Drogen an Bekannte weitergereicht – im Wissen, was damit geschehen wird. Sein vorbestrafter Mandant strebe eine Unterbringung im Maßregelvollzug an und wolle „therapeutisch alles in Angriff nehmen“, so der Rechtsanwalt.

Das scheint dringend nötig. Denn nach Angaben seines Verteidigers war vor allem die Drogenproblematik das zentrale Tatmotiv von Steven F., der bis zu drei Gramm Crystal und bis zu zehn Gramm THC täglich konsumiert und entsprechend Geld zur Finanzierung seiner Sucht gebraucht habe.
Steven F. bestätigte zudem, dass bei einigen seiner Handlungen Komplizen involviert waren. Namen nennen wolle er aber nicht: Nachdem er vor Jahren bei einem Strafverfahren auspackte, habe ihm das in der anschließenden Zeit hinter Gittern Probleme eingebrockt, deutete er an.
Vom Kupferdieb zum Automatensprenger
Der forensische Psychiater zeichnete ein ernüchterndes Bild von Steven F., der bereits als Kind und Teenager verhaltensauffällig wurde. Schon 2013 hatte er eine Jugendstrafe kassiert, war in einer Entziehungsanstalt untergebracht worden, trank wieder, konsumierte Rauschmittel, kam in Haft, brach Therapien ab, verfiel in alte Verhaltensmuster.
Zuletzt lebte er mit seiner Freundin, die er im Drogenmilieu kennengelernt hatte, in der Nähe von Leipzig, während er das schmale Bürgergeld-Budget durch Kupferdiebstahl aufbesserte. In der Hoffnung, mit weniger Aufwand mehr zu „verdienen“, sei Steven F. dann auf die Automatensprengungen umgeschwenkt, so der Gutachter. Der Angeklagte weise eine Persönlichkeitsstörung mit dissozialen Anteilen auf. Hinweise auf eine psychiatrische Erkrankung oder eingeschränkte Steuerungsfähigkeit lägen jedoch keine vor.
Die klare Empfehlung: Steven F. solle für eine Therapie mindestens zwei Jahre in den Maßregelvollzug geschickt werden.
Raus aus dem Karussell der Kriminalität?
Doch wie erfolgversprechend kann eine Langzeittherapie sein, wenn Steven F. schon früher mit derlei Versuchen gescheitert war? Ein heikler Punkt, räumte der Gutachter ein. Allerdings habe sich Steven F. im Gespräch ernster, reflektierter und selbstkritischer als noch vor ein paar Jahren gezeigt. Die Gefahr, der andere Menschen durch die Explosionen potenziell ausgesetzt waren, sei ihm bewusst gewesen, weswegen der 30-Jährige bei seiner Verhaftung im Oktober 2025 „fast erleichtert“ war.
Auch der Vorsitzende Richter Rüdiger Harr wollte einen Erfolg nicht ausschließen: Seine Kammer habe mal einen Straftäter gehabt, dem nach mehreren Anläufen der dauerhafte Absprung aus der Kriminalität in ein normales Leben gelang und der den Richtern später sogar ein Dankesschreiben schickte: Der Prozess sei sein „zweiter Geburtstag“ gewesen.
Ob das Steven F. auch glückt? Die Kammer hatte zunächst noch vier Termine für den Prozess angesetzt. Dem Vernehmen nach dürfte das Verfahren, in dem es auch noch um einen Fall des illegalen Verkaufs von Cannabis geht, wegen der Abladung mehrerer Zeugen jedoch schneller enden.
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Alles Gute an Steven, zieh durch!