Wegen einer Reihe von Delikten stehen drei Männer zwischen 23 und 44 Jahren seit Mitte April vor dem Landgericht Leipzig. Die Vorwürfe unter anderem: erpresserischer Menschenraub, gefährliche Körperverletzung, gemeinschaftlicher besonders schwerer Raub. Das geständige Trio ging vergangenen Sommer in Sportwetten-Filialen und Spielotheken auf Beutezug, schreckte nicht mal davor zurück, einen jungen Mann in seine Gewalt zu bringen. Nun sagte der 21-Jährige als Zeuge aus.
Mirko K. (Name geändert) spricht stockend und mit leiser Stimme, als er an diesem Apriltag im großen Saal des Leipziger Landgerichts vernommen wird. In seiner Zeugenaussage durchlebt der 21-Jährige abermals die traumatische Erinnerung an jenen 20. Juli 2025: Kurz nach Mitternacht war der junge Mitarbeiter eines Leipziger Sportwetten-Geschäfts von der Straßenbahn aus auf dem Heimweg, als er in der Stötteritzer Vaclav-Neumann-Straße abgepasst wurde und in die Gewalt mehrerer Gangster geriet: „Ich hatte ein Knie im Rücken, wurde zu Boden gedrückt. Die haben mich in das Auto gesteckt.“
Der Heimweg wurde zur Horrornacht
Mit „Die“ gemeint sind Mouhammed B. (23), Michel W. (26) und Mario K. (44), die sich seit Mitte April vor dem Landgericht Leipzig verantworten müssen. Die Leipziger Staatsanwaltschaft wirft ihnen vor, mit weiteren Komplizen im arbeitsteiligen Zusammenschluss Wettbüros und Spielotheken überfallen zu haben. Angeklagt sind fünf Tatkomplexe zwischen dem 16. Juli und dem 2. August 2025. Die Ermittler gehen von rund 54.000 Euro Gesamtbeute aus. Gegen weitere, mutmaßliche Täter wird aktuell ermittelt.
Dabei war das, was Mirko K. angetan wurde, einer der dramatischen Höhepunkte. Immerhin hielt man den jungen Mann laut Anklage etwa zwei Stunden fest.Die Täter verbanden seine Augen, bedrohten ihn, sie wüssten, wo er mit seiner Freundin wohnt. Mirko K. wurde vorab gezwungen, eine beruhigende Nachricht von seinem Handy abzusetzen, damit daheim keiner Verdacht schöpft, wo er bleibt. Anschließend sollte er die Standortfunktion des Mobiltelefons abschalten.
Angekommen bei seinem Arbeitgeber, einer Sportwetten-Filiale, musste Mirko K. den Gangstern schließlich Tür und Tresor öffnen, die dort 5.820 Euro erbeuteten. Am Parkplatz des Völkerschlachtdenkmals ließen sie den geschockten Mitarbeiter noch in der Nacht frei.
Opfer bis heute traumatisiert
Bis heute leidet er an den Folgen des Erlebnisses: Er bekomme es mit der Angst zu tun, wenn jemand hinter ihm läuft, nach dem Vorfall sei er mehrere Wochen krankgeschrieben gewesen, erzählt Mirko K. dem Gericht.
Immerhin: Eine stundenlange Vernehmung mit allen quälenden Details bleibt dem Opfer erspart. Die in Untersuchungshaft sitzenden Täter haben Geständnisse abgelegt, werden im Gegenzug voraussichtlich Haftstrafen zwischen acht Jahren und maximal neun Jahren und elf Monaten bekommen.
Letztlich war das Trio, wohl kurz vor einem weiteren geplanten Überfall in Bad Düben, Anfang August durch Spezialkräfte der Polizei gefasst worden. Zimperlich gingen die Täter auch sonst nicht vor. So wurden Gäste und Mitarbeiter einer überfallenen Spielothek in Bad Dürrenberg am 25. Juli 2025 laut Anklage mit den Worten „Der Erste, der sich bewegt, kriegt eine Kugel in den Kopf“ bedroht.
Bereits am 16. Juli sollen Mohammed B., Michel W. und Mario K. mit Komplizen einen weiteren Sportwetten-Mitarbeiter in der Gerberstraße mit einer Schusswaffe bedroht haben, der Mann sei auch geschlagen und an der Nase verletzt worden.
Angeklagter entschuldigt sich
Die Stimmung im Gerichtssaal ist ernst und gedrückt, während sich die Vernehmung von Mirko K. dem absehbaren Ende entgegenneigt. Als die Verteidigung das Fragerecht hat, steht der Angeklagte Michel W. kurz auf und blickt Mirko K. an: „Ich möchte mich gern aufrichtig bei dir entschuldigen“, sagt er dem Opfer.
Ob der 21-Jährige diese Entschuldigung akzeptiert, bleibt für den Moment ungeklärt. In jedem Fall scheint Mirko K. froh, als er aufstehen und den Gerichtssaal verlassen kann.
Der Prozess wird fortgesetzt.
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