44 Kita-Projekte in Leipzig stecken derzeit in Bau und Planung, bis 2030 müssen noch mindestens 40 dazu kommen

3.355 Geburten im ersten Halbjahr 2016 in Leipzig, 289 mehr als zum selben Zeitpunkt im Vorjahr: Es sieht ganz so aus, als ob genau das passiert, was die neue Leipziger Bevölkerungsprognose vom April vorausgesagt hat: Leipzig steuert auf Geburtenzahlen von 7.000 und mehr zu. Und der Sozialbürgermeister muss immer neue Kita-Bau-Programme auflegen mit immer mehr Betreuungsplätzen.

Am Mittwoch, 17. August, stellte Sozialbürgermeister Thomas Fabian die neue Kita-Bedarfsplanung für Leipzig vor. Die gibt es seit dem letzten Jahr immer zu Beginn des Schuljahres. Nach langen Jahren mit schlechten Erfahrungen (die Planung kollidierte immer wieder mit der Wirklichkeit der Eltern und Kinder) wurde die Kita-Planung vom Haushaltsjahr wieder abgelöst und wieder ans Schuljahr gekoppelt.

Denn Schule hat direkten Einfluss: Jedes Jahr im Sommer verlässt ein kompletter Jahrgang den Kindergarten und wechselt in die Schule. Auf einmal ist wieder Platz im Kindergarten. Nicht lange, das wissen die Leipziger Eltern auch. Denn binnen eines Jahres füllen sich die verfügbaren Kindergartenplätze schnell wieder auf.

In den Kinderkrippen wird es trotzdem nicht leerer, die Anmeldelisten werden nicht kürzer.

Seit 2000 geht das so, werden in Leipzig immer mehr Kinder geboren. Damals waren es 3.757. Da begann das Bevölkerungswachstum in Leipzig gerade wieder, nachdem die Stadt über Jahrzehnte ausgeblutet war. 4.370 Kinder wurden im Jahr 2005 geboren. Damals eilte der Verwaltungsbürgermeister beschwingt in die Geburtsklinik, um offiziell den 500.000. Leipziger Bewohner zu begrüßen, quasi stellvertretend ein Baby. Seitdem ist die Botschaft auch in der Chefetage angekommen: Leipzig wächst. Und die Geburtenzahlen wachsen auch.

Und zwar immer kräftiger.

2010 waren sie schon bei 5.303 angelangt und zumindest im Sozialdezernat schrillten alle Alarmglocken. Denn man hatte sich eigentlich erst geruhsam auf die Wachstumszahlen von 2005 eingerichtet. Eltern liefen Sturm, weil sie partout keinen Kita-Platz finden konnten und das neu aus dem Boden gestampfte Kitaplatz-Portal hat unter diesem flächendeckenden Mangel schlicht nicht funktioniert.

2015 wurden dann schon 6.622 Kinder geboren in Leipzig. Und der nächste Traum von Sozialbürgermeister Thomas Fabian und Dr.  Nicolas Tsapos, Leiter des Amtes für Jugend, Familie und Bildung, wurde begraben: Vor zwei Jahren hatten sie endlich eine bessere Steuerung und Beschleunigung für das Leipziger-Kita-Bauprogramm eingeführt. Über 2.200 neue Kita-Plätze wurden 2015 fertig. Das hätte beinah reichen können, die Nachfrage zu decken.

Doch es reichte nicht. Auch weil noch einmal 569 Kinder im Alter von 0 bis 6 Jahre obendrauf gekommen waren, mit denen die Stadt gar nicht gerechnet hat: Sie kamen mit ihren Eltern nach Leipzig.

Bis 2013 hatte Leipzig bei den Kleinen immer einen negativen Wanderungssaldo gehabt: Viele junge Familien zogen weg und sorgten so für ein Wanderungsminus bei den Kleinsten. Schon 2014 deutete sich an, dass auch das sich ändern würde. Da hatte Leipzig bei den 0- bis 6-Jährigen erstmals ein Wanderungsplus von 56. 2015 hat es sich verzehnfacht.

Was für das Leipziger Kita-Programm heißt: Es muss weiter mit voller Kraft und einer Menge Geld-Einsatz gebaut werden.

Allein im Schuljahr 2016/2017 geht Fabian nun von einem zusätzlichen Betreuungsbedarf in Leipzig von 4.332 Plätzen aus. Davon 850 in Kinderkrippen, 381 in der Kindertagespflege und 2.137 im Kindergarten. Die übrig bleibenden 964 Plätze entstehen im Hortbereich der Grundschulen. Das ist eigentlich kein Pflichtprogramm der Stadt. „Aber wir bieten diese Plätze trotzdem an, weil wir auch diese Art Betreuung wichtig und notwendig finden“, sagt Fabian.

Die Zahl 4.332 ist auch der Grund, warum Fabian die neuen Bedarfszahlen erst nach Schuljahresbeginn bekannt gibt. Die im April vorgelegte neue Bevölkerungsprognose war der Anlass, die ganze Planung, die im Frühjahr eigentlich schon fertig war, noch einmal zu überarbeiten.

In den 4.332 neuen Plätzen steckt eigentlich auch ein Puffer. Aktuell werden 71,8 Prozent aller Kinder zwischen 0 und 3 Jahren in Kinderkrippen oder Kindertagespflege betreut. Dieser Wert ist seit 2000 deutlich angestiegen. Damals waren es noch 44,4 Prozent. Erste Engpässe tauchten schon 2003 auf. Da wurde in Leipzig erstmals die Kindertagespflege eingeführt, in der mittlerweile rund 29 Prozent der Kleinkinder betreut werden.

Nicht alle Eltern bringen ihre Kinder in eine Betreuungseinrichtung. Zwingen kann man sie nicht. Aber sie haben mittlerweile einen Rechtsanspruch, die Kinder ab dem ersten vollendeten Lebensjahr in Betreuung geben zu dürfen. Deswegen rechnet auch Fabian damit, dass die Betreuungsquote weiter ansteigen wird.

Die neue Kita „Claras Kinder“. Foto: Ralf Julke

Die neue Kita „Claras Kinder“. Foto: Ralf Julke

In die Bedarfsplanung ist man also nicht mit 71,8 Prozent gegangen, sondern mit 82,9 Prozent.

Bei den Kindern, die den Kindergarten besuchen, bleibt man beim alten Wert: 93,2 Prozent. Das entspricht auch der Nutzung in den vergangenen Jahren.

Wenn man diese Prozentzahlen auf die prognostizierten Zahlen der Kinder zwischen 0 und 6 Jahren rechnet, kommt man auf die über 3.000 neuen Betreuungs-Plätze, die noch in diesem Schuljahr gebraucht werden.

Ist die Frage: Was ist eigentlich dieses Jahr schon fertig geworden?

778 neue Plätze in Kindergarten und Krippe, sagt die Stadt, sind schon fertig. Zum Beispiel die Einrichtung in der Gustav-Freytag-Straße 31, die man im Bild sieht, mit 180 neuen Plätzen.

Bis Jahresende sollen weitere 343 Plätze ans Netz gehen. Und für das Jahr 2017 sollen weitere 1.831 neue Plätze in 15 Einrichtungen entstehen. Da ist auch der Umbau und Neubau in der Friedrich-Bosse-Straße mit 117 zusätzlichen Plätzen mit dabei.

Und für die Jahre ab 2018 sind weitere 31 Maßnahmen in Planung. Da sollen dann weitere 3.167 neue Plätze entstehen.

Das klingt richtig viel. Wächst da nicht langsam die Furcht, dass Leipzig Überkapazitäten schafft?

„Ganz bestimmt nicht“, sagt Fabian. „Das wird selbst in den nächsten Jahren nicht ausreichen. Wir werden noch mehr Maßnahmen umsetzen müssen, als jetzt schon geplant sind.“

Er glaubt auch nicht, dass die Geburtenzahlen nach 2018 wieder sinken werden. Sie werden mindestens weit in die 2020er Jahre hinein so hoch bleiben.

Und vorsichtig wagt Fabian noch eine Prognose: „Bis 2030 werden wir wahrscheinlich noch 40 Kitas zusätzlich zu den jetzt geplanten bauen müssen.“

Und das wird vor allem den Leipziger Haushalt immer mehr belasten.

Dazu kommen wir gleich an dieser Stelle.

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