Gastmanns Kolumne: Ärzte unter Palmen

"Ärzte unter Palmen" - So lautete nicht etwa der Titel einer weiteren TV-Schmonzette des MDR mit dem sonor murmelnden Chefarzt Christian Kohlund im Spätprogramm, sondern gab das diesjährige Motto des Gesellschaftsabends im Rahmen Deutschen Ärztetages in Frankfurt am Main vor - ein Abendprogramm im historischen Festsaal im Gesellschaftshaus des Palmengartens.

Diesen Abend haben sich die Teilnehmer möglicherweise schwerer verdient als der gemeine, von Missgunst und medialer Stimmungsmache geplagte Durchschnittspatient so wahrhaben will.

Denn die Alltags-Realität im Gesundheitswesen hat leider nur wenig mit einer an den Strand verlegten Schwarzwaldklinik oder palmenwedelnden Krankenschwestern zu tun. Das muss umso mehr verwundern, als dass eine pathologische Gesellschaft wie die unsrige ihre Ärzte und ihr Pflegepersonal im Grunde auf Händen tragen müsste.

Allein das Gegenteil scheint der Fall: Misstrauen auf Patientenseite, Verantwortungsbeschneidung und ausufernde Dokumentations-Pflichten-Aufbürdung durch Krankenkassen-Hechte und erschreckend unbedarft wirkende Politik auf der anderen.

Grundproblem scheint hierbei erneut ein Denkfehler im System:

Allerorten herrscht Einigkeit darüber, dass Mediziner volle Verantwortung für ihr Tun zu übernehmen haben, während die dafür notwendige Freiheit ihnen jedoch verwehrt bleibt oder zumindest beschnitten wird. Enger und enger zieht sich seit Jahren das Netz an überbürokratischem Schwachsinn und Reglement. Wer oft mit Krankenhausärzten zu tun hat, beginnt sich bereits zu wundern, dass diese sich nicht dauerhaft die Ohren zuhalten, weil sie den Tinnitus vom Kollegen schon mithören können.

Trotzdem sitzt der mündige Bürger da und freut sich diebisch über immer neue Auswüchse praxisignorierender Politik. Besonders beliebt in diesem Zusammenhang immer wieder der Brachialbegriff: „Qualitätssicherung“. Das klingt modern, das vermittelt Ruhe und das Gefühl des „Sich-Zurücklehnen-Könnens“. Das klingt fast so durchgestylt wie ein neues Krankenkassen-Gebäude.

Aber nicht nur Krankenkassen brauchen Unterschlupf, auch qualitätssichernde Maßnahmen brauchen einen Ort, ein hübsches Häuschen, wo eine Vielzahl qualitätssichernder Bürokraten dafür bezahlt wird, dass sie ungestört durch lästige Fachleute Qualität sichert. Fachleute sind nämlich vor allem eines: Suspekt. Denen gehört auf die Finger geguckt und zwar kontinuierlich.

„Jedes Jahr sterben 19.000 Menschen durch Fehler im Krankenhaus, etwa fünfmal so viele wie durch Unfälle im Straßenverkehr“, verkündete nämlich eine bekante Krankenkasse zum Beispiel anlässlich der Vorstellung des Krankenhausreportes ihres Bundesverbandes im vergangenen Jahr.

Kein Zweifel, 19.000 Behandlungsfehler machen keine Schmetterlinge im Bauchraum. Müssen sie auch nicht. Die Frage ist nur, was eine vorwiegend google-ausgebildete und naturgemäß durchweg verunsicherte Patientenschaft mit einer weiteren solcher Hiobsbotschaften überhaupt soll?

Ein seltsamer Trend ist das:

Während man früher Überbringern schlechter Nachrichten den Garaus gemacht hat, feiert man sie heute als Kultur-Attachees einer zeitgemäßen „Fehlerkultur“, anstatt sie als berechnende Niedertrampler der fragilen Pflanze des Arzt-Patienten-Verhältnisses zu zeigen.

Sicher, der Patient ist selber schuld. Auch wenn es ihm schlecht bei solcherlei News wird, hätte er doch schließlich auch die Wahl zu fragen, woher die Zahlen für den Krankenhausreport 2014 so kommen. Und erkennen können, dass die 19.000 fehlbehandelten Patienten im Krankenhaus auf der „Schätzung einer Hochrechnung eines Gutachtens aus dem Jahre 2007“ beruhen. So weit, so beunruhigend.

Als gesicherte Diagnose kann zunächst gelten:

Ob Ärzte unter Palmen gehören oder nicht, ist nicht unser schwelendstes Problem. Solang Zahlenspielchen mit immenser Öffentlichkeitswirkung die Stimmung aktueller und potentieller Patienten verdüstern, ist niemandem geholfen. Solange nicht auch gefragt wird, in welchem Verhältnis diese Fehlerzahlen zu den ärztlichen Behandlungen insgesamt stehen und wie sich Ärzte für die Sicherheit ihrer Patienten engagieren, werden Kräfte und Energie für das Glätten der Wellen des Panikmachermeers aufgezehrt. Kraft und Energie, die in der Patientenversorgung bessere Verwendung fände.

Statt auf einer Modernisierung der Krankenhauslandschaft zu drängen (und damit wohl Strukturen nach Wunsch der Wirtschaft zu meinen), sollte Politik vor dem Hintergrund einer rasant alternden Gesellschaft besser ebenso schnell auf vernünftige wirtschaftliche Rahmenbedingungen ohne ökonomische Fehlanreize für Mediziner setzen. Über das Patient-Arzt-Verhältnis ein ökonomisches Problem lösen zu wollen, bleibt vor allem eines: ein dreister, zum Scheitern verurteilter Versuch.

Sonst wird man demnächst öfter hören: Sparen bis der Arzt … geht.

Kolumne
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