Gastmanns Kolumne: Forever young

Vor einigen Tagen war ich auf einer Jugendweihe eingeladen. Es handelte sich dabei um die erste Jugendweihe seit Zonenzeiten, die ich erleben durfte. Überdies die erste im Gewandhaus. Da man mit Einladungen am besten umgeht wie mit geschenkten Gäulen, wenn man sie einmal angenommen hat, soll hier auch nicht vom Sinn und Unsinn der Kontroverse die Rede sein, ob nun Konfirmation oder Jugendweihe den besseren Menschen macht. Vermutlich dienen gewisse Initiationsriten im Lebenskreis eines Menschen ohnehin ähnlichen anthropologisch-sozialen Zwecken.

In einem Satz: Ich war interessiert und überrascht

Nicht über die niedlichen Vierzehnjährigen, die allesamt dem Anlass entsprechend hübsch gemacht erschienen waren. Auch nicht über deren heldenhaft überspielte Nervosität, die naturgemäß darüber hinwegtäuschen sollte, dass man die eleganten Gewänder eben doch noch nicht recht trocken gewohnt hatte. Alles in allem waren diese Hundertschaften junger Menschen ein anrührendes und zuweilen zum Schmunzeln bringendes Bild: die Mädchen viel erwachsener wirkend, männliche Mitstreiter manchmal um ein, zwei Köpfe überragend. Selbst wenn man Hut trug.

Überragend waren auch die Tanzdarbietungen, mit denen man diese Feierstunde zu untermalen wusste, außerdem rüttelten drei junge Männer mit Bassgitarren in 10-Minuten-Intervallen sanft entschlummerte Omas wieder wach.

Ob die aufkommende Müdigkeit der frühen Stunde oder den harmlos-verschwommen wirkenden Wortbeiträge dieses Vormittags geschuldet war, war nicht mit Sicherheit auszumachen.  „Ihr seid jetzt vierzehn“, hieß es da etwa. Und mit „Ihr habt lange Arme und die erste Liebe ist schon … fast vergessen“ blitzte anfangs hoffnungsvoll ein Fünkchen Humor auf, um sich dann jedoch in schwammigen Andeutungen über den hinreichend bekannten Generationenkonflikt mit Pubertierenden zu verlieren, über deren Befreiungsdrang und die Kontrastfolie der noch immer notwendigen elterlichen Fürsorge. Irgendwann landete man bei allgemeinen Wünschen. Vor allem seien „Gesundheit und Glück“ notwendig. Alles sicher nichts Falsches.

Je mehr man darüber nachgrübelte, umso ratloser saß man auf der Empore

Und wusste selbst nicht recht weiter. Denn was – in aller Welt – kann man Jugendlichen heute noch als gesichert mit auf den Weg geben? Wie kann man ernst gemeinte, zuversichtlich stimmende Aussagen tätigen, wenn man doch selbst Passagier auf dem Narrenschiff ist, das auf dem Meer der Weltpolitik dieser Tage schon ein ums andere Mal gefährlich ins Wanken gerät?

Düstere Bilder vom drohenden Weltuntergang aber will man den jungen Menschen an solch einem Tag möglicherweise aus Rücksicht ersparen. Sie sollen ihren Schritt ins Erwachsenenleben genießen und nicht unnötig aufgerüttelt oder deprimiert werden. Verständlich.

Die Frage ist nur, ob man ihnen mit dieser „Ich sag mal lieber nix“-Philosophie etwas Gutes tut. Man kann und muss ihnen eventuell sogar mehr zumuten als man gemeinhin anzunehmen gewillt ist. „Is mir egal“ mag bei Youtube lustig sein, auf die Dauer aber erscheint eine „Is mir-egal“-Gesellschaft a little bit fad, wenn nicht gar gefährlich.

Vielleicht könnte die Großeltern-Generation eine solche Feierstunde gewinnender gestalten?

Erfahrungsgemäß haben Teenager ihre Antennen gegenüber der vorvorgängerischen Generation etwas bereitwilliger ausgestellt. Oder anders: Mit den Großeltern kann man irgendwie besser. Außerdem verfügen Oma und Opa über einen riesigen Schatz, der sich nicht ausschließlich über das Geschenk-Kuvert mit der Jugendweihe-Kohle erstreckt: Sie kennen das Leben ein bisschen.

Deshalb: Lasst die Alten ruhig öfter mal ans Redner-Pult. Mehr noch: Lasst sie mehr ans Ruder! Sie sind eine Kraftquelle der Gesellschaft, die viel zu ungenutzt und jenseits unseres Sichtfeldes vor sich hinplätschert. Es ist ein Trugschluss zu glauben, man sei Oma überlegen, weil sie nichts von Instagram weiß. Das Wissen um die neueste Technik mag heute hilfreich sein. Morgen ist heute aber schon Schnee von gestern.

Heute und morgen aber gilt wie gestern jedoch: Das Wesentliche weiß man nicht, das Wesentliche erfährt man

Und weil die Menschheit schon ein paar Geburtstage gefeiert hat, kann man durchaus ungefähr benennen, was das Wesentliche in einem Leben ist: Freude und Trauer, Hoffnung und Verzweiflung, Vertrauen und Enttäuschung und natürlich … die Liebe. In der Liebe hilft Wikipedia bekanntlich nur wenig. Ein älterer Mensch aber, der den Kern all seiner Erfahrungen schon deutlich herausgeschält sieht und sich mit altersmilder Freundlichkeit und gewachsenem Weitblick den oft grundsätzlichen Fragen junger Menschen widmet, der gehört an eine vollkommen andere Stelle einer Gesellschaft als an jene, auf die man ihn mittlerweile geschoben hat.

Es wäre doch ein schickes und sogar verständliches Modell: Mit der Jugend freundlich umzugehen, Ehre aber den Alten zukommen zu lassen.

Deshalb zum Ende hin: Man kann von der Widersprüchlichkeit im Leben  Kurt Demmlers halten was man will, als Künstler aber, als begnadeter Schreiber feinsinniger Liedtexte hat er uns ein denkwürdiges Vermächtnis hinterlassen. Zeilen, die noch immer beim Finden von Antworten und Richtungen für die kommenden Generationen helfen können. Wie das Lied von den Kranichen zum Beispiel, das als Programmpunkt auf den Jugendweihe-Einladungen vom 21. Mai 1989 im Leipziger Gewandhaus vermerkt war:

Die Kraniche fliegen im Keil,
so trotzen sie besser den Winden.
So teilen sie besser die Kräfte, weil
Die Stärkeren fliegen im vorderen Teil,
und die Schwachen, die fliegen hinten.

Und kommen die Kraniche an
Am Ziel ihrer Reise, dann haben
Die Stärkeren größere Arbeit getan
Und loben die Schwächeren hinten an,
die doch auch ihr Bestes gaben.

Dann essen die Kraniche Fisch
Soviel, wie die Mägen verlangen.
Die Stärkeren, die haben nicht mehr für den Tisch als
Die Schwachen vom guten, silbernen Fisch
In den Teichen am Ziel sich gefangen.

Laßt uns wie die Kraniche sein,
dass wir unser Möglichstes geben:
Die Starken in Groß und die Schwachen in Klein
Und trinken am Abend den gleich teu’ren Wein
Auf ein noch viel besseres Leben.

Fliegen im Keil. Vielleicht die Alternative zu „forever young“.

Kolumne
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