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Gastmanns Kolumne: Erholen ohne Einzuholen

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    "Einen schönen Urlaub wünsche ich Ihnen!", "Gute Erholung!" und "Schalten Sie mal ab!" All das gängige Urlaubswünsche, die man in Anbetracht des gerade zaghaft an die Tür klopfenden Sommers und der damit einhergehenden Urlaubszeit wieder öfter zu hören bekommt. Wen es ganz hart trifft, der hat es sogar im Arbeitsvertrag stehen: "Der Arbeitnehmer hat dafür Sorge zu tragen, den Urlaub zur Wiederherstellung seiner Arbeitsfähigkeit einzusetzen."

    Ehrlich gesagt, ich weiß gar nicht, wie das gehen soll: einfach mal abschalten. Ich kann mich nicht einfach „abschalten“ oder „ausschalten“. Ich kann gar nichts auf Knopfdruck. Weder kann ich auf Knopfdruck lustig oder entfesselt sein, also bin ich kein Typ für Karneval. Noch vermag ich auf Knopfdruck ernst sein oder Dinge ernst nehmen, tauge also auch nicht für die Führungsetage. Ich habe Gedanken und Gefühle. Die sind immer da. Mal sehr präsent, mal im Hintergrund. Aber immer da. Stimmungen nennt man es, die einen dann und wann leiten oder dominieren.

    Dennoch: Ich bin immer nur ich und immer gleich. Ob ich in Leipzig-Großzschocher sitze oder in einem Konferenz-Raum des vielgeschossigen Park-Inns am Berliner Alexanderplatz oder am Strand vom Paradies oder im Bett eines russischen Großwesirs. Letzteres nehme ich zumindest an.

    Aus diesem Grunde erscheint es mir nicht nur unmachbar, gefälligst in der Urlaubszeit höchstmögliche Regeneration zu erzielen, sondern auch vollkommen unangemessen, dass der Mensch sich nur Erholung zu gönnen hat, auf dass er alsbald erneut das ordnungsgemäß rotierende Rädchen im Getriebe einer sehr unerholt aussehenden Gesellschaftsordnung sei.

    Auch andere haben mit der Erholung auf Startschuss so ihre Probleme.

    Besonders jene, die diesen Startschuss zu wörtlich nehmen und schon kurz nach dem Check-In bereits über die eigenen Ansprüche stolpern. Da werfen einen ein zweitägiger Wasserausfall in Bulgarien, drei ausgewachsene Geckos im Hotelzimmer in Kenia, Pilzbefall im mexikanischen Himmelbett und ein paar freilaufende Affen oder Russen in der türkischen Hotelanlage, also alles Dinge, die vor Ort durchaus als „landestypisch“ gelten, schon mal um Längen auf der Erholungsauftrags-Skala zurück.

    Nein, vermutlich ist es nicht der vorrangige Zweck des Verreisens, Menschen wieder so aufzuladen, dass sie dem Duracellhasen gleich nach der Rückkehr wieder Monat für Monat den Sound des Utilitarismus trommeln. Es handelt sich viel mehr um Lebenslust, deren Stellenwert man vermutlich um einiges höher einstufen sollte, als es zurzeit Usus zu sein scheint. Auch in Nicht-Urlaubszeiten.

    Lebenslust aber ist mit Kraft verbunden. Und das Haushalten mit dieser braucht Zeit, keine Freizeit. Freizeit ist oft nur ein Tarnbegriff für leicht abgewandelte Arbeit. Wer jemals einem vollständig neongrün eingeschnürten Freizeitradler erst auf die Radlerhose und dann ins Gesicht geblickt hat, der weiß vielleicht, was ich meine. Das ist nicht ästhetisch fragwürdig, sondern auch durch den von vornherein definierten Zweck der (Frei-)zeit falsch, womit sich die Katze der totalitären Arbeitsgesellschaft einmal mehr offenkundig in den Schwanz beißt.

    Nein, das Gegenteil von Arbeit heißt Muße, nicht Freizeit.

    Der Tyrann verhindert die Muße, sagt Aristoteles. Und wenn wir vor diesem Hintergrund zwar einen Arbeitsminister im Kabinett haben, aber keinen für zweckbefreite Tätigkeiten, dann müssen wir uns nicht wundern über uns. Nicht wundern über Burnout-Diagnosen, nicht wundern über aktuelle Studien, dass sich bereits eine gehörige Zahl an Schulkindern gestresst und überfordert fühlt.

    Und das, obwohl der griechische Begriff „scholae“ ausgerechnet unserem deutschen Wort „Schule“ zugrunde liegt. Scholae, Muße, ein Zustand also, in dem unsere Sinne wach und gelassen sind, und wir aufnahmebereit für sowohl Sinnvolles als auch Sinnfreies sind, ist demnach ein regelmäßig zu schaffender Zustand – in der Schule als deren ureigenste Aufgabe, ein Ort zu sein, in der nicht ein neuer Reiz den vorherigen ablöst, sondern wo Gedanken geboren, entwickelt und eventuell sogar wieder verworfen werden dürfen. Was tatsächlich heute oft in Schulen so los ist, muss hier wohl nicht kontrastiert werden. Vom Arbeitsleben eines Erwachsenen ganz zu schweigen.

    Aus diesem Grund freue ich mich völlig ziellos auf den Sommer. Kein Ab- noch Aus-, noch Gleichschalten. Ich fühle mich mit der Welt verbunden – immer. Aber auf ein bisschen Muße freue ich mich. Auf Zeiten von Erkenntnis ohne jede Zielorientierung. In solchen Momenten soll es zuweilen geschehen, dass das Göttliche den Menschen berührt.

    Und wenn nicht, dann wäre es tröstlicher Weise immerhin noch landestypisch.

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