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Gastmanns Kolumne: Wie viel ist genug?

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    Gestern Nachmittag saß ich ein bisschen im Garten und inhalierte eine große Brise September. Auf Lunge. Der Spätsommer ließ sich wahrlich nicht lumpen. Unmissverständlich machte er klar, dass ihm der Posten des Art Directors unter den Jahreszeiten zustehe. Ich saß also da und nahm einfach wahr. Die Sonne tat noch einmal so, als sei sie siebzehn, friedlich vor sich hinbrummende Hummeln brachten filigrane Kleepflänzchen ins Wanken, am Apfelbaum wölbte sich unverfroren exhibitionistisch ein rötlich-gelber Apple-Store.

    Im Haus war alles still, ich hatte das irrationale Gefühl, aus dem geöffneten Fenster im Erdgeschoss müsste gleich meine Großmutter schauen. Nebenan im Garten klapperte man leise mit Geschirr, verführerische Schwaden von Kaffeeduft wehten herüber, auf einem Tablett entdeckte ich ein Kanne mit einer Tülle. Ja, einer Tülle. Herrlich. Allein schon das Wort. Überdies ein Phänomen, das uns die richtige Dosis garantiert.

    Die richtige Dosis

    Das war schon immer ein schwerlich Ding. Man weiß im Leben eben perfiderweise nie hundertprozentig, wann etwas genug ist. Wie weit ist vorbei? Und wie schnell ist sofort? Wie viel Minuten Sport soll man treiben, um in die Fettverbrennungszone zu kommen, wie viel Kaffee soll man zum Beispiel trinken, ohne als Muselman zu gelten, der „das nicht lassen kann“. Wie viele Flüchtlinge kann man dem deutschen Durchschnittsbürger pro Jahr zumuten? 800.000? Eine Million? Wie viele Stunden der Nacht kann man sich um die Ohren schlagen, ohne anderntags wie ein gereiztes Gorillamännchen seine Umwelt zu belästigen?

    Wenn man ausgeschlafen ist allerdings und es einem hervorragend geht, wird man wiederum argwöhnisch und beginnt umgehend zu grübeln, ob das auch richtig sei, dass es einem so gut geht. Ein Teufelskreis.

    Leute mit Kindern sind da oft ein bisschen besser dran. Sie sind abgelenkter, denn so ein Kind will ja immer was: Es will essen, es will mit einem spielen, es will mit einem um die Wette laufen oder Verstecken spielen, es will eine Geschichte, es will eine Bratwurst (kriegt es), es will ein Eis (kriegt es), es will einen rosaglasierten Donut (Hat es eine Meise? Jetzt ist aber Schluss! …), es will nicht ins Bett, es sieht etwas, was du nicht siehst … Die Liste ließe sich ohne Not bis zur polnischen Grenze fortsetzen.

    Irgendwann aber schläft auch das renitenteste Kind. Wenn man dann jedoch anfängt, die Nase in die Zeitungen von letzter Woche zu stecken, ist sie sofort wieder da – die Frage nach dem richtigen Maß. Nicht selten sogar verbunden mit einer ordentlichen Portion Schuldgefühl, weil man ob der Informationsflut und der nicht dazu passenden persönlichen Pflichten, nie up to date bleibt in seinem Informiertsein. Als zeitgenössischer Zeitungsleser steht man schon vor der Lektüre auf längst verlorenem Posten, denn ungewollt entwickelt man Gefühle aufgrund des Gelesenen. Man ist so gestrickt. Dann guckt man sich selber streng von der Seite an, weil man sich übel nimmt, dass man mit diesen Gefühlen vielleicht ganz schön spät dran ist. Andere sind einem vermutlich schon voraus, haben schon Bedenken gehabt, während man selbst noch verzückt dem heranschleichenden Herbst beim „Auf-die-Leiter-Klettern“ zugeguckt hat. Mist!

    Früher hat man noch gedacht, man kriegt das alles hin mit den Informationen und dem kritischen Abwägen. Mit dem daraus resultierenden persönlichen Widerstand ohnehin. Als zutage trat, dass eine Zweiklassenmedizin im Land längst etabliert war zum Beispiel oder als man immer mehr Menschen mit Zeitverträgen, Leiharbeit und Lebensplanung im maximal Zweijahresrhythmus seltsam in einen Unruhezustand zu sedieren versuchte. Da wollte man noch dahintersteigen und sich auflehnen. Es wurde schwieriger, als man weiterlas:

    Die Entmündigung Arbeitsloser über Hartz IV,  Menschen, die man in sinnlose und demütigende Umschulungsmaßnahmen verschoben hatte, psychologische Einstufungstests im Arbeitsamt. Man begann wirklich zu erlahmen, als Großstadtmieten dazu angetan waren, selbst halbwegs begüterte Mittelklassefamilien an ihre Grenzen bringen, als man die Prozentzahlen der funktionalen Analphabeten im Lande wahrnahm.

    Man schafft es schier nicht mehr

    Man schafft es nicht mehr, aus diesem Wust an Information die richtigen Schlüsse abzuleiten. Die Lokalpresse bejubelt indes arglos weiter die Ankunft eines Billigware verramschenden, westeuropäischen Stores, in dem sich vorrangig Jugendliche ein neues Einmal-Tragen-Shirt für das Clubbing-Wochenende holen. Ein paar Seiten weiter kann man lesen, dass etwa 700 – auch vorrangig junge – Deutsche sich bislang für den IS nach der Wurst strecken. Und selbst wenn man darin einen geheimnisvollen Zusammenhang zu erkennen meint: Was kann man tun …? Was, verdammt, kann man eigentlich tun?!

    Man kann vielleicht aufhören, über die richtige Dosis nachzudenken. Maßhalten bei sich, wo Maßhalten geboten ist und ausschütten, was das Zeug hält, wenn man dem Mitmenschen etwas Gutes tun kann. Ganz egal. Es kann niemals ZU VIEL an wie auch immer gearteter Liebe geben, nie zu viel Mitgefühl, nie zu viel menschlicher Wärme. Niemals darf so etwas als „falscher Anreiz“ verunglimpft werden.

    Aber eine helfende Tülle würde ich mir wünschen. Für unsere durchaus prall gefüllten Kannen an Tatendrang und Nächstenliebe. Schütten wir diese in einem eleganten, wohlüberlegt angesetzten und gut zielenden Bogen aus, sonst läuft so viel vergeudend sinnlos herunter an den Rändern der Gesellschaft.

    Ja, eine Tülle für gute Taten würde jetzt helfen.

    Wer aber wird diese erfinden, so lange die Politik fast ausschließlich noch mit Tropfenfängern agiert?

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