Aktivisten fordern ein selbstverwaltetes soziales Zentrum

Ein Haus, in dem alle Menschen leben, diskutieren und entscheiden können - selbstverwaltet, ohne Einfluss der Behörden. Unter dem Eindruck der massenhaften Unterbringung von Geflüchteten in Turn- und Messehallen fordern Aktivisten nun ein „Social Center“ in Leipzig.
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Das Versagen des Staates in der sogenannten Flüchtlingskrise zeigte sich in den vergangenen Monaten nirgendwo so deutlich wie in Berlin. Vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales, kurz Lageso, campieren jede Nacht mehrere hundert Geflüchtete, darunter Babys und Alte – hungrig, durstig, krank und frierend. Sie warten darauf, endlich ihren Asylantrag stellen zu dürfen. Doch die Behörde scheint hoffnungslos überfordert.

Berliner Aktivisten reagierten auf diese Situation und wollten den Wartenden eine Notunterkunft zur Verfügung stellen. Anfang September besetzten sie deshalb ein leer stehendes Haus, um dort ein „Social Center“ zu gründen. Bereits nach wenigen Stunden räumte die Polizei das Gebäude wieder, mehrere Besetzer wurden vorübergehend festgenommen. Menschen in anderen Städten wie Münster, Lübeck und Göttingen folgten dem Beispiel.

In Leipzig ist die Lage nicht so prekär, dass Geflohene die Nächte im Freien verbringen müssen. Dennoch ist nun auch hier eine Kampagne gestartet, die es sich zum Ziel gesetzt hat, ein „Social Center“ zu errichten. Dies soll ein Ort sein, an dem Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen selbstverwaltet leben, diskutieren und teilhaben können. Damit sind nicht nur Geflüchtete, sondern zum Beispiel auch Menschen ohne Arbeit und Wohnung gemeint.

Der Start der Kampagne wirkt gut vorbereitet. Fast zeitgleich gingen am Montagvormittag Kanäle auf Facebook und Twitter sowie eine Homepage online. Diese enthält bereits mehrere Infotexte und einen Aufruf in fünf verschiedenen Sprachen sowie eine Version, die auf allzu komplexe Zusammenhänge verzichtet und sich speziell an Minderjährige richtet.

„Wir wollen nicht nur kurzfristig Aufmerksamkeit schaffen, sondern dieses Projekt langfristig etablieren“, erklärt Sophie, eine der Mitwirkenden. Die Idee geisterte bereits seit Monaten durch verschiedene Leipziger Gruppen und Initiativen. Als auch in Leipzig Geflüchtete erstmals in Sport- und Messehallen einquartiert wurden, nahmen die Planungen Konturen an. Zu den aktuell neun Unterstützergruppen gehören neben der „Refugee Law Clinic“ und dem „Initiativkreis: Menschen.Würdig“ mehrere linke Organisationen, die nicht nur zum Flüchtlingsthema arbeiten. Auch die Gruppe „Atari on Sunday“, ein Zusammenschluss geflüchteter und anderer Menschen, engagiert sich für das geplante „Social Center“.

Warum insbesondere Geflüchtete ein solches Zentrum benötigen, erklären die Unterstützer in ihrem Aufruf. Darin ist von mangelnder Verpflegung und medizinischer Versorgung in den Massenunterkünften die Rede, in denen die Menschen isoliert von der restlichen Bevölkerung leben müssten. Und weiter: „Ohne jede Möglichkeit die Sprache zu lernen, zu arbeiten oder ihre Zeit selbst zu gestalten, verbringen sie ihre Zeit in Lagern, die sie sowohl seelisch als auch körperlich zermürben und krank machen.“

Diesen Zuständen möchte das „Social Center“ etwas entgegensetzen. Man habe bereits mehrere Häuser im Blick, die in Betracht kämen. „In naher Zukunft werden wir konkrete Objekte benennen“, kündigt Sophie an.

Auch Baharak von der „Asylum Seekers Movement“ macht sich für ein solches Zentrum stark. „Es soll jede Person willkommen heißen, ein besseres Verständnis füreinander schaffen und dabei helfen, Differenzen zu überwinden“, erklärt die junge Frau, die vor zweieinhalb Jahren nach Deutschland geflohen ist. „Es soll auch dazu dienen, die eigenen Interessen selbstbestimmt vertreten zu können und Hemmnisse für politische Partizipation abzubauen.“

Ob das Vorhaben in der derzeitigen Gemengelage zwischen wöchentlichen Legida-Demos und ebenso regelmäßigen Neubelegungen von Erstaufnahmelagern auf breite Zustimmung stößt, werden die nächsten Tage zeigen. „Wir haben das Gefühl, dass uns viele Personen und Initiativen unterstützen möchten“, erzählt Sophie. Die Stadt habe bislang noch keine Reaktion gezeigt. „Diese wollen wir aber am Donnerstag einfordern.“ Dann treffen sich die Aktivisten parallel zur Ratsversammlung vor dem Neuen Rathaus und diskutieren dort im Rahmen des ersten „Utopia Workshops“ darüber, wie die bislang noch recht abstrakten Ideen mit konkreten Inhalten gefüllt werden können.

Eine Anfrage der L-IZ ließ die Stadt bislang unbeantwortet – aus Zeitgründen, wie es aus dem Rathaus heißt. Falls auch das Anliegen der Aktivisten in den kommenden Wochen auf wenig Resonanz stoßen sollte, scheint absehbar, was passiert. So heißt es am Ende des Aufrufs: „Dann nehmen wir die Sache selbst in die Hand!“

Bedeutet: In letzter Konsequenz würde man wohl ein Haus besetzen. Dazu erklärt Sophie: „Hunderte, zum Teil traumatisierte, Menschen zusammen in einer Turnhalle einzupferchen, ist legal, aber nicht legitim. Angesichts der humanitären Katastrophe und der gesellschaftlichen Situation halten wir es für legitim, uns notfalls ein Haus anzueignen, wenngleich wir wissen, dass es vielleicht nicht legal ist.“

FlüchtlingshilfeAktivisten
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