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Gastmanns Kolumne: Denkmal!

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    Am Fuße des Leipziger Neuen Rathauses findet der aufmerksame Spaziergänger ein eigenwilliges Denkmal, eine Art Stufenschacht, der von einer Arena beschrifteter Steine umrundet ist – das Goerdeler-Denkmal. Die Zitate auf den Steinen stammen aus den Reden, Texten und Briefen Carl von Goerdelers. Goerdeler war in den Jahren zwischen 1930 und 1937 Oberbürgermeister von Leipzig.

    Leipziger Bürgermeister zu sein, ist sicher zu keinen Zeiten ausschließlich vergnügungssteuerverdächtig gewesen, in jenen Jahren aber muss es bekanntlich gebrodelt haben wie in einem Vulkan. Ätna-Feeling at its best. Beängstigend viel erinnert an die augenblickliche Stimmung hier im Land.

    Goerdeler hat auf die Zeiten auf seine Weise reagiert: von seinem Amt aus Protest gegen die nationalsozialistische Politik trat er zurück, seine innere Haltung richtete sich an der Freiheit des Denkens und Handelns auf. Und dies in Zeiten, als Widerspruch fast gänzlich zum Verstummen gebracht worden war. Später wird er für seine Mitwirkung bei dem Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944 hingerichtet werden.

    Der 20. Juli – das ist nun wiederum MEIN innerer Nationalfeiertag und das weiß Gott nicht erst, seit Tom Cruise hierzulande mit der „Operation Walküre“ herumzudilettieren wusste.

    Stauffenbergs Tat verdient höchste Verehrung, Respekt, Bewunderung, er selbst ein Leuchtturm, keine Frage. Aber wir wissen es doch: Es hingen doch so viele andere auch an den Vorbereitungen für den 20. Juli. Es kann uns doch auch nicht allein nur um dieses Datum gehen, um diesen Kulminationspunkt dieses Putschversuchs. Es kann uns doch nicht darum gehen, heute ein paar Feierlichkeiten abzuhalten – alles in bester Absicht selbstverständlich oder um ein paar bewundernde Facebook-Postings abzusondern. Oder eben ein Denkmal hinzustellen. Denkmal braucht ein Ausrufezeichen. Immer.

    Was dahinter steht – das ist das Faszinierende und Überdenkenswerte – ist eine HALTUNG, eine Art des Denkens, die gar keinen anderen Weg sieht als zu handeln aus innerer Notwendigkeit. Innerlich zumindest zu ahnen, was gut, was richtig ist, weil man sich an klassischen, humanistischen Maßstäben orientiert, ja … mit diesen möglicherweise aufgewachsen ist.

    Was hat das alles mit uns und der heutigen Zeit zu tun?

    Alles. Es hat alles mit uns zu tun. Es ist von solcher brennender Aktualität, dass es täglich auf der Titelseite der Gazetten stehen müsste.

    Mein Gefühl aber ist ein elender, kleiner, kümmerlicher Pessimist und sagt mir: Wie man aber zu einer solchen Haltung gelangt, ist heute nicht nur vielen schleierhaft, sondern auch in keiner Weise wichtig. Wirklich: Mich erschreckt diese Duldsamkeit der Menschen, mit der sie die auch heute schreiende Ungerechtigkeit der Welt ertragen, ignorieren, irgendwie eingerichtet sind. Natürlich wird eine omnipräsente, vollkommene Gerechtigkeit niemals herzustellen sein, aber heißt das gleichzeitig, dass man damit aufhören sollte, zumindest für mehr Gerechtigkeit einzutreten?

    „Reichtumstoleranz“, „Schönheitsfehler in Kauf nehmen“…. all das waren doch schon Schlagworte, die bereits zu Hitlers Zeiten einlullend vor sich hergeschoben wurden, damit man es bequem hat vielleicht oder weil man schlichtweg nicht mehr durchgeblickt hat.

    Es ist möglicherweise eine fatale Melange aus Ignorant-Halten und Zerstreuung der Massen, das gekonnte Abzielen auf deren niedere Interessen von einigen wenigen mit noch niederen Interessen, aber einer gewissen Restraffinesse, die ganze Zeitalter in den Untergang führten.

    Das Gute (oder Schlechte?) daran: Es dauert jetzt vielleicht noch ein Weilchen … Vielleicht aber auch nicht.

    Von Bonhoeffers, einer Familie, die allgemein bekannt ist als äußerst verstrickt in die Taten des 20. Juli, nicht nur durch Dietrich, ist zum Beispiel von Emmi Bonhoeffer (geb. Delbrück, Frau von Dietrichs Bruder Klaus Bonhoeffer, verhaftet im August 1944, 1945 zum Tode verurteilt) eine kleine Episode überliefert, die ich im Folgenden wiedergebe. Warum? Weil sie diese Haltung, die ich meine, verdeutlicht, und nicht zuletzt, weil sie mich anrührt und mir außerordentlich gefällt:

    „Weder Bonhoeffers noch Delbrücks hatten irgendwelchen gesellschaftlichen Ehrgeiz. Die luden sich Leute ein, mit denen sie sich gern unterhalten wollten. Einladungen, bloß um mit diesem oder jenen zu verkehren, gab es nicht. Es gibt eine charakteristische Geschichte von Vater Bonhoeffer. Die drei Jungen, von denen zwei verlobt waren – Karl Friedrich mit Grete v. Dohnanyi und Klaus mit mir – wanderten abends um den großen Esstisch und stritten darüber, ob die Frau in der Ehe eigentlich mehr hilft oder mehr stört. Diese Unterhaltung war so lebhaft, dass Vater Bonhoeffer, der dies in seinem Arbeitszimmer hörte, dazukam und fragte: „Worüber streitet ihr eigentlich?“ – „Wir können uns nicht darüber einigen, ob die Frau in der Ehe mehr hilft oder mehr stört.“ Sagte der Alte lächelnd: „Frau soll stören“, und ging wieder hinaus. Bei Bonhoeffers war die Erziehung primär auf Wahrhaftigkeit gerichtet; alles, was aufgemacht war oder vormachen oder imponieren wollte, wurde belächelt. (…)
    Natürlich war man auch in unserer Familie kritisch. So erinnere ich mich, dass mein Vater es nicht mochte, wenn wir Kinder 1914/15, wie es damals Sitte war, mit Papierfähnchen durch die Straßen liefen und hurra schrieen, um irgendeinen Sieg zu feiern. Das mochte er nicht, und er erzählte uns von den alten Griechen, die gelehrt haben: „Du sollst bei einem Siege stehen, wie bei einer Trauerfeier.“ Nun, so sind wir eben erzogen worden, und dann kann man nicht mit Hitler sympathisieren …“

    Diese wenigen Zeilen sagen so viel über ganz modern erscheinende, aktuelle Fragen unserer Zeit, sie werfen einen alles darbietenden Lichtkegel auf Gaucho-Tänzeleien, auf die Bussi-Bussi-Gesellschaft, auf Marketing-Fuzzis, auf unser Bildungssystem und auf glattgebügelte Fernseh-Unterhaltung und emotionale Verwahrlosung so vieler Menschen.

    Alles Probleme, keine Frage, die sich allerdings in einem bündeln:

    „Das größte Problem ist die Wiederherstellung des einfachen, menschlichen Anstandes.“ (Carl Friedrich Goerdeler)

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    1 KOMMENTAR

    1. Dieser ganzen Mythos um Stauffenberg und seine Gang als Widerstandskämpfer… ich versteh es nicht. Dieses Bild des aufrechten Wehrmachtssoldaten. Historisch belegt ist, dass das spätere Attentat sich auf Spannungen zwischen Teilen der Wehrmachtsführung und Hitler zurückführen lässt. Letztendlich waren das aber alles -zumindest lange Zeit- stramme Nazis und haben diese Politik auch mitgetragen. Das Attentat war am 20.Juli 44 und damit sehr spät… zu spät für so viele Menschen. Natürlich sollte man jedem zugestehen, dass er sich ändern kann. Aber es gab viele andere Widerstandskämpfer die sicherlich ebensoviel und eigentlich mehr Aufmerksamkeit verdient hätten als ein Stauffenberg.

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