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Das Bildungsalphabet – Heute: G wie Gehorsam

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    Gymnasium und Bildung – geht da was zusammen? Provokante Frage. Die Antwort ist so einfach wie kompliziert, so klar und doch so verworren zugleich. Fast alles und fast nichts. Jeder, der sich mit Bildung beschäftigt, weiß es, spürt es – jeden Tag. Bildung zu vermitteln ist Herausforderung und Kunst zugleich. Und was noch viel schlimmer ist: Das Verstehen eines zwar einfach scheinenden, aber kompliziert verlaufenden Prozesses. Denn das Erklären, Begreiflich machen, Emanzipieren – was wir uns alle so sehr wünschen – das sind oftmals auch Teile eines Entmündigungsprozesses.

    Klingt verrückt, ist aber so. Das Bibelwort des Matthäus 22,14 „Viele sind berufen, aber nur wenige sind auserwählt“ passt nirgends besser als zum „Bildungsverantwortlichen“ und ist dennoch ungenau. Bildung erfolgt im Prozess, in der Entwicklung, der Anhäufung unterschiedlicher Situationen. Was gestern wahr war, gilt heute nicht mehr. Dies würde der Physiker spontan bestreiten, der Physiklehrer weiß, wovon ich rede. Von Achtung und Respekt, von Vertrauen und Engagement. Vom „Einfache[n], das schwer zu machen ist“ würde der alte Brecht hinzufügen.

    An dieser Stelle sei ein weiteres Buch erwähnt, bei welchem ich zuerst über den Autorennamen stolperte, dann den Titel umso interessanter fand: Arno Gruen, „Wider den Gehorsam“. (2014) Dort finden sich im Prolog die eigenartigen, meine Schüler würden sagen, „krassen“, analytischen Worte: „Das Resultat unserer rationalisierten, von abstrakten Ideen über unser erwünschtes gehorsames Wesen geformten Zivilisationen sind standardisierte Personen.“ Weiter: „Das Bedürfnis nach Gehorsam ist ein grundlegender Aspekt unserer Kultur.“ Mein lieber Scholli. Deutschland 2015. Wir sind Fußballwelt- und Exportvizeweltmeister, Leitkultur, ein 80-Millionen-Volk mit zwei überstandenen Weltkriegen – und wir haben ein „grundlegendes Bedürfnis nach Gehorsam“? Mit einem gesellschaftlichen Impetus nach „Standardisierung“? So ein Stuss!

    Ich trage diese ersten „gruenen“ Zeilen den gymnasialen „Nachwuchserzeugern“ vor. Sprich, es ist Elternabend der künftigen 11. Klassen. Es ist also Abend. 19:03 Uhr. Ich muss den ersten Satz wiederholen, fällt er doch in das Zuklappen der schweren Aulatür hinein. Eine verlegene Mutti schlüpft noch mit einem „Entschuldigung, dass ich zu spät komme …“ hinzu, auf dass ich den Oberkörper spanne, ihr vergebend die Absolution zulächle und in den Saal frage: „Was halten sie davon?“ Wovon? Hat es schon angefangen? Worum geht’s eigentlich?

    Kurzzeitig denke ich, meine morgendlichen Klasseninteraktionen taugen für ein Konzentrations-Lehrvideo, und die vor mir Sitzenden gehören zur Gruppe der Schwererziehbaren. Genuschelt, getuschelt, geschwatzt – das ganze Spektrum schlechter Betragensnoten habe ich in diesem Moment vor mir. „Das ist Ungehorsam, sehen Sie“ grinst mich ein weissagend aussehender Papa aus der ersten Reihe an. Der ist bestimmt ein abgebrochener Theologiestudent, mutmaße ich. Oder Psychologe. Das kann ja heiter werden.

    „Zu Ihren Kindern sage ich am Morgen ‚Ich weiß, es ist sehr früh, um sich zu konzentrieren.‘ Ich habe den Eindruck, ich muss jetzt nur das temporale Prädikativum tauschen.“ Spärliches Lächeln auf den Gesichtern, mickriger Applaus. „Gestehen Sie Ihren Kindern, Mitarbeitern, Mitmenschen dieses Recht zu, welches Sie sich gerade nehmen?“ Das hat einigermaßen gesessen. Das kratzte an der Musketierehre der vormundschaftlichen Ritter des Abendlandes. Getroffen. Ich bereite schon den folgenden Fangschuss für das erlegte Saalwild vor, da tönt es aus irgendeiner hinteren Sitzreihe: „Halten Sie uns keine philosophischen Vorträge, sagen Sie uns lieber, was wichtig ist für unsere Kinder. Die nächsten zwei Jahre.“ Obgleich Veranstaltungsleiter, darf ich niemanden aus dem Saal werfen, knurre ich in mich hinein. „Was ist denn wichtig?“ frage ich zurück. „Na wie viel Arbeiten sie pro Halbjahr schreiben und wie so zensiert wird.“ Wieso? Ach nein, wie so zensiert wird. „Da gibt es keine Standards, das entscheidet jeder Lehrer selbst. Nach seinem pädagogischen Ermessen.“ Neue Aufregung im Elterndschungel. Was? Keine einheitlichen Standards? Und wo bleibt dann die Vergleichbarkeit? Die Allgemeingültigkeit? Und jetzt der Superlativ: Die Gerechtigkeit! Ich vermute, gleich stehen sie auf und singen die Nationalhymne.

    „Was wir wollen, ist der selbständig denkende, autonom verhaltende und nicht alles mitmachende Mensch. Wir wollen neben der Vermittlung des Wissens auch erziehen. Verstehen Sie?“ Schon klar, nicken sie. Und wie wir das machen, fragen sie. Wie wir das bewerten wollen, bohren sie nach. Das kann schwerlich in einem Satz gesagt werden. Das verstehen sie. Wenn Bildung nicht „ankommt“, nützt sie nichts, ergänzt jetzt ein belebter Diskutant. Richtig. Deswegen setzen wir auf das Verstehen, mit individueller Zuwendung, sofern das möglich ist. Was wir brauchen, sind niedrigere Klassen- und Kursstärken, ergänzt mein Kollege. (Dieser Wunsch ist uns allerdings selbst in der Vorweihnachtszeit unerfüllt geblieben. Obwohl er jedes Jahr auf dem Wunschzettel von Personalräten, Gewerkschaftsvertretern usw. vermerkt wird. Bestimmt ist er im Bildungsministerium immer wieder vergessen worden.)

    „Bildung ist dann erst wirklich vorhanden, wenn sie auf Persönlichkeiten, die selbst ihr Schicksal in die Hand nehmen, trifft. Die auch mal abweichen von der Norm, Kreativität suchen, individuell stark sind und gemeinschaftliches Engagement anstreben.“ In Gruens Buch „Wider den Gehorsam“ findet sich ein Gedicht von Theodor Fontane, mit welchem man ein Schuljahr durchaus eröffnen kann. Und das nicht nur im Deutschunterricht.

    Die Ehre dieser Welt
    Es kann die Ehre dieser Welt
    Dir keine Ehre geben,
    Was dich in Wahrheit hebt und hält,
    Muss in dir selber leben.

    Wenn’s deinem Innersten gebricht
    An echten Stolzes Stütze,
    Ob dann die Welt dir Beifall spricht,
    Ist all dir wenig nütze.

    Das flücht’ge Lob, des Tages Ruhm
    Magst du dem Eitlen gönnen;
    Das aber sei dein Heiligtum:
    Vor dir bestehen können.

    Das Bildungsalphabet erschien in der LEIPZIGER ZEITUNG. Hier von A-Z an dieser Stelle zum Nachlesen auch für L-IZ.de-Leser mit freundlicher Genehmigung des Autors.

     

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