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Wie die Jagd nach Mittelmaß die Gesprächsbasis unserer Gesellschaft zerstört

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    Worüber haben wir in diesem Jahr nachgedacht? Über Quote natürlich. Und was Quote mit der Gesellschaft anstellt. Und mit den Apparaten, die sich um Quote balgen. Um möglichst hohe Einschaltquote, möglichst viele Leute, die sich gemeint fühlten – Menge, Masse. Volksfernsehen. Da verblüfft schon, dass das „Volk“ ausgerechnet fürs Volksfernsehen nichts mehr bezahlen und die „GEZ“ abschaffen will.

    Dass das „Volk“ eigentlich nicht das Volk ist, sondern eine ziemlich verwöhnte und höhnende Mittelschicht, das war in diesem Jahr auch mehrfach Thema. Wobei es manchmal so einen Stupser von außen braucht, von einem Querdenker wie Georg Seeßlen, der am 17. September in einem längeren Beitrag („Wie das über’s Land kam“) unter anderem auch schrieb: „Denn vielleicht fängt das ja alles schon damit an, dass eben eine Mittelschicht, die Mitte des Volkes oder der Gesellschaft, die Mitte des Einkommens und die Mitte von Bildung und Verblödung, zum eigentlichen Adressaten der demokratischen Politik gemacht wurde. Die Mittelschicht wurde in den Rang des historischen und für eine Zeit auch des posthistorischen Subjekts erhoben.“

    Denn über den Bildungsstand dieser seltsamen gehätschelten Mitte wird eher selten bis nie nachgedacht. In der Mitte schon gar nicht. Und in den staatlichen Institutionen, die Bildung so organisieren, wie die Mittelmäßigen sie brauchen und haben wollen, erst recht nicht.

    Deswegen wundert auch nicht allzu sehr, dass in letzter Zeit das Humboldtsche Bildungsideal so oft beschworen wurde. So, wie man Geister beschwört. Denn eigentlich ist es tot. Dem mittleren Effizienzdenken und dem Gott der Austerität geopfert. Das ist tatsächlich das Gegenteil des viel gepriesenen Bildungsideals, wie es einst Wilhelm von Humboldt anstrebte, in dem es einerseits um die „ganzheitliche Ausbildung“ der jungen Leute ging und zum anderen um die Ausbildung von selbstdenkenden (autonomen), mündigen und ihre Vernunft gebrauchenden Menschen.

    Es steckt noch der ganze Kant drin, von Humboldt in den Anspruch von Lehre übersetzt: junge Menschen zur Autonomie und zum kritischen Gebrauch ihrer Vernunft zu erziehen.

    Erfüllt deutsche Schule den Anspruch heute?

    Gestandene Lehrer versichern uns: Nein. Kann sie gar nicht.

    Schon gar nicht in Sachsen, wo die Angst der Regierenden vorm selbstständigen Gebrauch kritischer Vernunft nicht nur dazu geführt hat, dass die Ausstattung der Schulen mit Lehrern geradezu katastrophal ist. Es hat sich auch ein bürokratischer Apparat entwickelt, der vielen Betroffenen erschreckend vertraut vorkommt und vor allem eines ist (Rolf Henrich lässt grüßen): vormundschaftlicher Staat.

    Hieße der Vormund Wilhelm von Humboldt, könnte man sich ja vielleicht noch damit trösten. Aber einen Wilhelm von Humboldt wird man im gesamten sächsischen Bildungssystem nicht finden. Nicht an der Spitze und nicht in der Mitte. Unten, wo die besten Lehrkräfte verschlissen werden, vielleicht noch – als Fall für den Psychiater.

    Mitte hat ihren Preis. Die Sachsen müssten es eigentlich wissen, wenn sie bereit wären, aufmerksam zu betrachten, was sie anrichten, wenn sie immer wieder nur Mitte und Mittelmaß wählen und jede Veränderung scheuen.

    Schon mal gemerkt? In keinem Bundesland ist die panische Angst vor den Extremen so ausgeprägt wie in Sachsen.

    Das hat Folgen. Wo Mittelmaß regiert, wird Mittelmaß zur Bildungsnorm. Was sich in Sachsen (und bei der Initiative für Neue Soziale Marktwirtschaft) dann Effizienz nennt: Alles, was nicht dem schnellstmöglichen Durchfluss an auf Leistung getrimmtem Mittelmaß genügt, wird abgeschmirgelt, aussortiert, entsorgt.

    Wir denken hier in Kürze auch mal über das Sorgen und Entsorgen nach.

    Aber eigentlich geht es um Quote.

    Denn nicht nur im Schulsystem sieht man, wohin der absolute Wille zum mittleren Maß (und die Verachtung für das Abweichende) führt. Man sieht es auch am öffentlich-rechtlichen Rundfunk, den wir der Kürze halber durchaus Volksfernsehen nennen könnten. Jüngst stritt man sich ja im Sächsischen Landtag darüber, weil die neue Partei der besorgten Mitte, die AfD, die Kündigung aller Rundfunkstaatsverträge beantragt hatte. Sogar Linke und Grüne verteidigten dann couragiert diese Staatsverträge, obwohl unübersehbar ist, wie wenig Qualität und echte Leistung man von diesem Riesensendeapparat der opportunen Mittelmäßigkeit bekommt.

    Es ist sogar ein echter Irrtum der besorgten Bürger aus dem mittleren Segment, dass ausgerechnet im öffentlich-rechtlichen Rundfunk nicht das zu sehen sei, was sie sich wünschen. Gerade weil es dort fast ausschließlich zu sehen ist, ist dieses Programmangebot so unterirdisch. Falk Neubert, Sprecher der Linksfraktion für Medienpolitik, glaubte die Sache damit verteidigen zu können, dass er die ARD verteidigte und auf Dutzende gigantische Medienkonzerne verwies, die sich heute schon den Umsatzkuchen im Mediengeschäft sichern.

    Was ein ganz anderes Thema anreißt: Wer setzt heute eigentlich die Themen im internationalen Nachrichtengeschäft? Ein anderes Mal mehr dazu.

    Denn so unschuldig sind ARD und Freunde nicht.

    Vor Jahren haben die Beamten in den Senderleitungen beschlossen, dass sie weder ein kluges noch ein kritisches noch ein anspruchsvolles Fernsehprogramm machen wollen.

    Sie haben beschlossen, dass sie ein Programm machen wollen, mit dem sie möglichst den größten Teil der Fernsehzuschauer erreichen wollen. Sie haben bei der Konkurrenz geschaut, die genau das auch will und ihre Formate genau so und genau deshalb so gemacht hat. Und sie hatten nicht den Mumm, es anders zu machen. Opportunismus ist bis heute eine der besten Qualifikationen, um in deutschen Institutionen Karriere zu machen.

    Das Ergebnis ist seit der späten Kohl-Ära zu beobachten: Die Senderformate sind sich zusehends ähnlicher geworden. Bis zum Verwechseln. Erkennbar auch daran, dass die überbezahlten Herren Vorzeige-Moderatoren austauschbar sind. Wer kein Profil und keinen Charakter hat, der kann überall plaudern. Und der muss auch nicht beweisen, dass er Ahnung hat von dem, was er anrichtet.

    Wir haben uns in vielen kleinen Nebensätzen über diverse Talkshows und deren Veranstalter geärgert. Aus gutem Grund. Entweder macht man Talkshows wie im Privatfernsehen, lässt jeden Schwindler und Prahlhans erzählen, wozu der gerade lustig ist, und übernimmt für das, was diese ausgestrahlte Werbeveranstaltung fürs dumme Geplauder anrichtet in der Welt, keine Verantwortung.

    Oder man übernimmt inhaltliche Verantwortung für das, was da passiert. (Früher dachte auch ich, dass das eigentlich im deutschen Qualitätsfernsehen die Grundlage wäre.) Claudia Maicher, medienpolitische Sprecherin der Grünen, sprach in ihrer Landtagsrede sogar von „Qualitätsjournalismus in den öffentlich-rechtlichen“ Medien. Aber wer ihn sucht, muss entweder eine Nachteule sein oder sich bei der kritischen Beschäftigung mit den Malaisen unserer Gesellschaft gern mit Brosamen begnügen.

    Denn die paar verbliebenen Formate, in denen das noch passieren durfte, wurden über die Jahre immer weiter hinausverbannt nicht nur aus der sogenannten „Hauptsendezeit“, sondern aus jeglicher normalen Tages- und Abendzeit, an der mensch sich normalerweise dem Mediengebrauch widmet.

    Was bekommt er stattdessen?

    Lauter Sendungen, die nur für eins gemacht werden: Quote. Und Quote heißt hier immer noch: möglichst viele Leute dazu bringen, diesen speziellen Sendekanal anzuschalten. Und da es die öffentlich Rechtlichen genauso machen wie die Privaten, entsteht zwangsläufig ein Effekt der zunehmenden Gleichförmigkeit, Verwechselbarkeit, Banalität und Inhaltslosigkeit. Man produziert, befeuert durch das gegenseitige Rennen nach größtmöglicher Quote, den Drang zum mittleren Maß, der Anstoßlosigkeit und der Feigheit.

    Denn wenn Produzenten und Redakteure mit mutigen Novitäten „die Quote nicht schaffen“, fliegen sie raus. Auch und gerade im Volksfernsehen.

    Und mit diesem mehrfach gesicherten Bestätigungsprogramm kommt man natürlich dahin, dass man nicht nur Mittelmaß zeigt, sondern auch das Denken und Meinen der Mittelmäßigen bestärkt. Mit gravierenden Folgen. Eine ist zum Beispiel der entstehende Trugschluss, die Welt sei komplexer geworden und deshalb nicht mehr zu verstehen.

    Ist sie aber gar nicht.

    Aber ihre Darstellung ist strukturloser geworden. Mit der Quotengläubigkeit ist auch die Angst vor der Komplexität in die deutschen Sender eingezogen. Man will ja die Zuschauer nicht erschrecken oder gar verunsichern. Die Nachrichtenschnipsel stehen ganz unverbunden neben unterkomplexen Liebes-, Heimat-, Ärzte- und Kriminalfilmen. Über die anderntags ebenso einfältige Redakteure schreiben, als hätten die Fernsehmacher gerade einen Geniestreich der Kultur vollbracht.

    Und dann passiert noch etwas, das Georg Seeßlen in einem Interview für die Zeitschrift „konkret“ andeutet, wenn er vom Eindringen des „kontrafaktischen Brüllens“ in die öffentliche und demokratische Debatte spricht. Es unterläuft und zerstört den demokratischen Diskurs. Und zwar öffentlich. In „GEZ“-bezahlten Talkshows. Und natürlich gewinnen die Diskursverweigerer diese Inszenierungen: Wer sich für den (mittleren) Nabel der Welt hält und sein ganzes Denken und Sagen für das Einziggültige, der hat den Konsens der demokratischen Auseinandersetzung schon verlassen. Der überfährt die Anderen nur noch. Oder brüllt sie nieder, kommt auch vor.

    Aber nicht ein einziges Mal wurde erlebt, dass einer dieser Moderatoren den Mumm gehabt hätte, die Gesprächsregeln einzufordern und die Herren und Damen Störenfriede zur Akzeptanz der Regeln zu mahnen. Ist das nur Feigheit? Oder ist das Schmieren um Quote? Frei nach dem Motto: „Je lauter und schmutziger, umso mehr Zuschauer?“

    Wer so Fernsehen macht, arbeitet selbst mit an der Zerstörung der öffentlichen Debatte.

    Wir haben ein opportunistisches öffentliches Fernsehen in Deutschland. Eines, das Quote für wichtiger hält als kluge und wahrnehmbare Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit. Und was die Herren und Damen Sendermacher schlicht ignorieren, ist das, was diese Art medialer Gesellschaftsdebatte mit der Gesellschaft anrichtet: wie sie die Wahrnehmung der Mittelmäßigen verändert und bestärkt und damit die zunehmende Verlagerung des öffentlichen Sprechens. Weg vom vernünftigen Gespräch hin zum Behaupten, Unterstellen und lustvollen Zerstören des Gesprächs, ohne das Demokratie nicht funktioniert.

    Aber das wissen die Gesprächszerstörer erstaunlicherweise – und die Möchtegern-Profis aus den Sendeanstalten wissen es nicht. Das verblüfft schon. Vielleicht aber auch nicht. Denn wenn Mittelmaß die Bedingung für Karriere ist, dann ist auch die Struktur der Sendeanstalten irgendwann geronnenes Mittelmaß. Und wie sollte das sich selbst erkennen, wenn es doch so unvergleichlich und unersetzlich ist?

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