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Warum man nicht Bob Dylan auflegen, sondern William Gibson lesen sollte

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    Vielleicht geht es Ihnen auch so. Eigentlich haben Sie einen Berg Aufgaben auf dem Tisch liegen, die sie nur eine nach der anderen abarbeiten müssen. Und dann kommt – Pling! – wieder so eine Meldung aus der virtuellen Realität in ihren Alltag geschneit. So eine wie dieses schöne Interview auf „Zeit Online“ mit dem Autor William Gibson. Und wenn Sie jetzt William Gibson noch nicht kennen, dann sollten Sie das wirklich schleunigst nachholen.

    Der Mann ist einer der Grunde dafür, warum wir die ganzen Preisträgerküren deutscher Literatur-Jurys (und mittlerweile auch der Jury für den Literaturnobelpreis) für völlig närrisch halten. Da sitzen Leute, die eine regelrechte Angst vor wirklich kluger Literatur haben müssen, Schaumschläger und Elfenbeinturmbewohner. Vier Autoren stehen für mich schon seit Jahren ganz oben auf der Kandidatenliste für den Literaturnobelpreis: Haruki Murakami, Julian Barnes, Robert Harriss und – William Gibson.

    Und wen wählen die?

    Bob Dylan!

    Das ist ein Witz. Die haben die kompletten letzten 30 Jahre in der Literatur verschlafen.

    Oder sie haben eine panische Angst vor der wirklichen Wirklichkeit, diesem Stoff Literatur, der sich tatsächlich mit unseren echten Ängsten, Träumen und Alpträumen beschäftigt. Dem, worüber William Gibson in seiner „Neuromancer“-Trilogie geschrieben hat, die ab 1984 in den USA erschien. Nicht ganz unbekannt das Jahr, stimmt’s? Andere griffen da zum ersten Mal in ihrem Leben tatsächlich zu Orwells „1984“ – und taten hinterher dicke, weil das so nicht eingetreten ist.

    Heute wissen wir, dass es noch viel schlimmer eingetreten ist. Und der Erste, der geschrieben hat, wie es kommen wird, war Gibson. Auch weil er nicht davon ausging, dass es irgendwelche durchgeknallten Stalinisten sein werden, die die Zukunft machen, sondern Leute, die ihren Hirnschmalz darauf verwenden, alles Mögliche zu erfinden, was sie für machbar halten. Leute, die daran glauben, dass Technologie unser Leben besser macht und dass Technologie klüger sein wird als der Mensch. Dumm nur, dass der Mensch, wenn er kluge Technologie in die Hände bekommt (die Narren nennen es ja sogar „künstliche Intelligenz“ (KI)), das Zeug auch kauft, anwendet und überall einbaut. Bis genau so eine Welt entsteht, wie sie Gibson beschreibt. Unter anderem. Es ist ja nicht das einzige Feld, das er literarisch beackert. Und das tut er nicht mit einer großen Wahrsagerkugel auf dem Tisch, sondern einfach mit nüchterner und sehr skeptischer Betrachtung dessen, was Menschen so tun (genauso wie die anderen drei Autoren, die auch nie den Literaturnobelpreis bekommen werden).

    Gute Literatur ist immer Extrapolation: Die Beschreibung des Möglichen. Dessen, was wir Menschen wirklich sind. Was mich an einen erinnert, der auch nie den Nobelpreis bekommen hat und genauso in diese Riege gehört: Kurt Vonnegut.

    Was mich aber auch daran erinnert, dass auch die meisten Journalisten nie gelernt haben, die Menschen und ihr Tun mit skeptischem Blick zu betrachten und das Mögliche zumindest versuchen zu denken. Auch das ist ein Grund, warum wir heute in einem riesigen Schlamassel sitzen, unsere Erde sich gerade in einen gewaltigen Müllhaufen verwandelt und wir gerade dafür sorgen, dass unsere Enkel keine Elefanten, keine Tiger, keine Urwälder mehr kennenlernen werden. Was auch damit zu tun hat, dass solche Warnungen als unschicklich betrachtet werden. Einige Leute fühlen sich davon beleidigt, weil ihr kurzsichtiges Tun dabei als so grunddumm erscheint. Denn wir zerstören ja unsere Lebensgrundlagen, weil wir hier im noch sicheren Mitteleuropa so ungebremst und blind draufloskonsumieren, weit, weit über unsere Verhältnisse – über die unseres Planeten sowieso.

    Deswegen schreiben wir so oft über Nachhaltigkeit in der L-IZ. Das hat alles Gründe. Nein, nicht die Welt da draußen muss sich ändern, nicht China und nicht Indien. Wir müssen es. Wir müssen lernen, Zukunft bei allem mitzudenken, was wir tun. Und wir müssen es schaffen, diese nicht wirklich große Stadt Leipzig und das gar nicht große Fleckchen Sachsen zukunftsfähig zu machen, so umzubauen, dass beide funktionieren, ohne dass die Welt da draußen mit den Folgen unseres Tuns belastet und verwüstet wird.

    Deswegen ist das auch das Mega-Thema für die Stadtpolitik. Denn was wir tun, reicht nicht. Wir verstecken uns immer hinter anderen – hinter denen in Dresden, Berlin, Paris oder sonstwo.

    Aber Fakt ist: Leipzig hat keine Vision für eine nachhaltige Zukunft.

    Nichts. Nullkommanichts.

    Seit 2005 stagnieren alle Parameter, bewegt sich nichts mehr, steigt der CO2-Ausstoß sogar wieder, nimmt der Autoverkehr zu, hängt die Lösung für unsere Müllentsorgung in der Luft usw. Auch, weil den meisten Akteuren die Phantasie fehlt, wie wir das schaffen könnten, was alles dazugehört, wenn eine Stadt mit 2 Tonnen CO2-Ausstoß pro Kopf und Jahr funktionieren soll. Immerhin irgendwie die Zielmarke. Aktuell sind es 6 Tonnen. Und auch das ist gemogelt, denn das Kohlekraftwerk Lippendorf, das die Stadt mit Strom und Fernwärme versorgt, ist nicht mit erfasst. Das steht ja im Landkreis Leipzig.

    Aber politisch steuern kann man nur, wenn man weiß, wo man hin will. Und wenn man weiß, wie der Weg sein könnte da hin.

    Das weiß niemand. Davor scheuen alle zurück.

    Zukunft ist immer schon da, wie Gibson zu Recht feststellt. Aber wenn man anderen Leuten (zum Beispiel den technischen Knallchargen im Silicon Valley) überlässt, den Weg zu pflastern, dann kommt mit ziemlicher Sicherheit eine technische Dystopie dabei heraus – mit einer zerstörten Artenvielfalt, zerstörten Sozialwelten und der anonymen Präsenz riesiger Konzernkonglomerate, die nicht nur alle Daten haben, sondern über die Daten auch die Macht über alles, was Menschen tun. Selbst bei der FAZ hat man schon mitbekommen, dass da etwas Seltsames im Gange ist. Denn wenn weltweit das Bargeld abgeschafft wird, wird auch noch der letzte finanzielle Schritt jedes Menschen nachvollziehbar. Kontrollierbar.

    Man wird sehr hellhörig. Denn was heißt es, wenn gigantische Maschinen alles wissen, was Menschen tun? Und Algorithmen beginnen, Informationsflüsse zu bestimmen (wie es im Präsidentschaftswahlkampf der USA schon sichtbar war), also auch bestimmen, welche Informationen überhaupt noch zu den Menschen vordringen, welche in den Vordergrund rücken und welche aussortiert werden, weil sie keine „Relevanz“ haben?

    Das Problem der heutigen Medien sind nicht die Krachbolde, die da „Lügenpresse“ schreien, sondern die Roboter und Algorithmen, die gerade dabei sind, Journalismus überflüssig machen zu wollen (oder zu sollen). Journalisten sind die Ersten, die erfahren, wie ihre Arbeit entwertet wird, weil riesige Communities sich von der realen Welt abkoppeln. Und die Menschen machen das mit. Und schaffen damit auch die finanzielle Schwungmasse, die einigen wenigen Medienkonzernen (wie Facebook einer ist) eine unheimliche Macht über Gesellschaften und politische Diskurse verleiht.

    Für Gibson-Leser ist das alles nicht neu. Sie sind damit seit 30 Jahren aufgewachsen. Oder seit 26, seit auch im Osten endlich auch die guten Buchtitel aus dem Westen erhältlich waren.

    Das lassen wir hier auch einfach stehen. Das hat alles Konsequenzen.

    Oder um mal einen der schönen Gibson-Sätze zu zitieren: „Was wir heute sehen, ist eine neue Art von globaler politischer Disruption, und zwar in dem Sinne, wie die Möchtegern-Unternehmer des Silicon Valley den Begriff benutzen: Du suchst dir ein bestehendes Modell, das du zerstören kannst. Die Leute in Trumps Kabinett sind so gewählt, dass sie ebenjenes System zerstören, das die von ihnen zitierten guten Zahlen produziert. Wenn Trumps Wahl eine gewöhnliche Wahl ist, ist Uber eine gewöhnliche Taxifirma.“

    In eigener Sache: Lokaler Journalismus in Leipzig sucht Unterstützer

    https://www.l-iz.de/bildung/medien/2017/01/in-eigener-sache-wir-knacken-gemeinsam-die-250-kaufen-den-melder-frei-154108

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