Es wurde ja eine Menge gewählt in letzter Zeit. Und alle möglichen Leute, die eigentlich wissen, was Geschichten sind, haben wie das Schwein ins Uhrwerk geschaut und sind bis heute ratlos: „Wie konnte es nur dazu kommen?“ Renzi abgewählt, Brexit gewählt, Hillary verliert gegen Donald ... Gibt’s jetzt einen Erdrutsch? Ist das westliche Demokratiemodell im Eimer? Ist das 21. Jahrhundert jetzt vorbei?

Was ja zumindest unser kommender Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier so behauptet hat am Wochenende. „Mit der Wahl Donald Trumps ist die alte Welt des 20. Jahrhundert endgültig vorüber“, erzählte er der „Bild am Sonntag“. „Welche Ordnungsvorstellungen sich im 21. Jahrhundert durchsetzen werden, wie die Welt von morgen aussehen wird, ist nicht ausgemacht, ist völlig offen.“

Das muss man nicht glauben. Denn Trumps Welt ähnelt ja erstaunlich der Welt in der alten Fernsehserie „Dallas“, der dieser narzisstische Milliardär direkt entstiegen zu sein scheint.

Was heißt das eigentlich für diese „Welt von Morgen“, die Frank-Walter Steinmeier benennt?

Es heißt, dass sie viel mehr den schlimmsten Fernsehserien ähneln wird, die tagtäglich Milliarden Menschen vor die Bildschirme locken. Die meisten Politiker scheinen das einfach zu ignorieren, dass ein Medium wie das Fernsehen mit seiner Gier nach Reichweite und Quote nicht nur fast die komplette freie Zeit vieler Menschen füllt – und zwar gerade der Abgehängten, Arglosen und Hilflosen. Wenn es diese Zeit füllt, dann prägt es auch die Art, wie diese Menschen die Welt wahrnehmen und begreifen.

Fernsehen ist das größte Geschichten-erzähl-Medium unserer Zeit. Da kommt das Internet lange nicht mit, denn das braucht in der Regel noch so etwas wie Eigeninitiative. Aber den großen Anteil an Meinungsbildung produziert das Fernsehen. Auch in Deutschland. Und wer ein bisschen herumhorcht in seiner Umgebung, der merkt, wie Fernsehen all das prägt, was Leute über Realität, Politik und Zukunft denken.

Das Thema Zukunft heben wir uns noch auf. Denn wer im TV so eine Art Projektion der Zukunft finden will, landet fatalerweise mitten in den grausamen 1970er Jahren – bei Dallas und Donald Trump.

Unser Bild von der Welt ist kein selbst gemachtes. Sogar Lehrer wissen das oft nicht und stehen hilflos vor Klassen, die mit den Geschichten aufgewachsen sind, die das Fernsehen über die Welt erzählt.

Pan narrans

Der Mensch ist – siehe Cohen / Stewart / Pratchett – ein geschichtenerzählender Affe, pan narrans. Also der dritte Schimpanse (neben Schimpanse und Bonobo). Die anderen beiden sind zwar hochentwickelt, teilen mit dem Menschen 99 Prozent der Gene, benutzen auch primitive Werkzeuge und können sogar malen und etliche Dinge nachahmen, die mensch ihnen vormacht.

Aber sie können keine Geschichten erzählen. Das ist das, was den Menschen von allen anderen Tieren unterscheidet. Und ihn damit in die Lage versetzt, die Welt besser zu begreifen, einige Gesetzmäßigkeiten zu verstehen, Erfindungen zu machen und vor allem auch so etwas zu schaffen wie Geschichte. DIE Geschichte.

Denn normalerweise lebt auch der Mensch in einer Welt, die er nicht begreifen kann. Sie ist zu komplex. Tiere leben total im Hier und Jetzt. Sie kümmern sich um die simplen Dinge: Fressen, Schlafen, Nachwuchs zeugen, gegen Fressfeinde kämpfen, Weglaufen. Alles ist jetzt. Tiere erzählen keine Geschichten.

Aber irgendwann vor vielen tausend Jahren hat der Mensch begonnen, ĂĽber die Dinge um sich herum Geschichten zu erzählen. Kleine Geschichten, die den Dingen einen Sinn geben, ein Anfang und ein Ende haben. Und damit etwas, was es im Leben der Tiere nicht gibt: einen wahrgenommenen Zeitverlauf von „Es war einmal“ bis „… und wenn sie nicht gestorben sind“.

Ich erzähle jetzt nicht, was dieses Geschichtenerzählen noch so alles mit sich gebracht hat. Dazu lesen Sie am besten die ganzen Bände der „Gelehrten der Scheibenwelt“. Sie werden Ihren Spaß dabei haben. Und viele Aha-Efekte.

Auch ĂĽber das, was uns jetzt gerade passiert.

Denn auch das, was wir heute als DIE Geschichte begreifen, ist ja nur der Versuch vieler Historiker, das ganze chaotische Drüber und Drunter, das uns in den letzten paar tausend Jahren passiert ist, in sinnvolle Geschichten zu packen. Dazu gehören auch lauter Geschichten über die stetige Aufwärts-Entwicklung der Menschen oder über die Unausweichlichkeit der Entwicklung. Manche Historiker sind ja felsenfest davon überzeugt, dass Geschichte immer nur geradeaus und aufwärts verläuft, sozusagen den Aufstieg des Menschen aus der Tierwelt immer weiter fortschreibt. Zu etwas Höherem.

Na ja. Ein Zeitgenosse Caligulas würde wohl sagen: Bis auf eure technischen Spielereien habt ihr nicht viel zustande gebracht. Ihr haut euch ja immer noch die Köpfe ein. Und wählt, wenn er mal antritt, gleich beim ersten Mal Caligula.

Die Story macht den Wahlerfolg

Aber warum wählen wir dann solche Typen, die sich benehmen wie Elefanten im Porzellanladen? Sind wir lebensmüde? Wollen wir unbedingt wissen, was passiert, wenn Caligula mal Präsident ist?

Oder haben wir etwas ĂĽbersehen? Noch immer. Denn augenscheinlich reden jetzt viele schreibende Kollegen endlich mal davon, dass es in den westlichen Gesellschaften eine Menge Leute gibt, die sich als Verlierer der letzten 40 Jahre empfinden. Wird ja mal Zeit. Das ist viel zu lange nicht passiert.

Und nun?

Warum wählen diese Leute dann ausgerechnet das Großmaul und nicht die strenge Frau, der man so viel politische Professionalität attestiert?

Umschalten. Fernsehen an. Warum wohl?

Weil Hillary Clinton bei allem, was wir hier wahrnehmen konnten, keine faszinierende Geschichte zu erzählen hatte. Nichts. Nicht mal das schöne „Yes, we can“ von Barack Obama. Alles wirkte wie: „Natürlich kann ich. Aber warum soll ich darum großen Wind machen?“

Fehler.

Politik braucht Pointen

Aber den Fehler machen sie seit Jahren alle, egal, ob liberal, links, demokratisch oder brav konservativ. Deswegen kommt ja auch ein Steinmeier auf die Schnapsidee, jetzt das 21. Jahrhundert für beendet erklären zu wollen. Stünde der Mann für mich zur Wahl, ich würde ihn nicht wählen. Er weiß nicht einmal, was gute Pointen sind.

Das 21. Jahrhundert ging selbst nach Ansicht der besten Historiker in den Jahren 1989/1990 zu Ende. Manche nennen es das „Jahrhundert der Extreme“.

Der Politikwissenschaftler Francis Fukuyama (jawohl: Politikwissenschaftler, KEIN Historiker) hat es damals auch nicht begriffen: Ein besonders geprägtes Zeitalter ging zu Ende, eines mit einigen wirklich blutigen Geschichten. Aber die Geschichte endet nicht. Weil sie nichts Naturgegebenes ist, sondern (ich hoffe, die angehenden Historiker lernen das in ihrem Studium auch) eine Interpretation dessen, was uns als Menschen so passiert ist. Geschichte passiert einfach – ziemlich chaotisch. Und später kommen ein paar gute Geschichtenerzähler und versuchen, dem ganzen Kladderadatsch eine gute Fabel zu verpassen.

Gute Historiker sind gute Geschichtenerzähler

Das müsste man auch den Kindern in der Schule erzählen: Was Geschichte für uns ist, hängt immer davon ab, welchen Sinn wir den Ereignissen im Nachhinein geben. Und ob diese Fabel auch wirklich so gut ist, dass sie einiges erklärt. Und uns vielleicht sogar einen Fingerzeig gibt, was wir besser machen können.

Deswegen wäre leider auch Angela Merkel für mich nicht wählbar: Wer für seine Politik das Wort „alternativlos“ in den Mund nimmt, hat die falsche Berufswahl getroffen.

Die Leute wissen es. Selbst im Fernsehen sehen sie es: Für alles, was wir tun, gibt es immer Millionen verschiedener Handlungsoptionen. Sie wissen, dass Geschichte NICHT vorbestimmt ist. Sie muss nicht zwangsläufig so fließen, wie es die Narren des Neoliberalismus („There is no alternative“) nun seit 40 Jahren erzählen.

Sie kann auch anders.

Und genau das wird viele Wähler in den USA an Donald Trump fasziniert haben. Er hat ja im Grunde nur eine wirkliche Botschaft gehabt: Die aktuell erzählte Version von Geschichte passt mir nicht, ich will eine bessere Story und „Amerika wieder groß machen“. (Nichts gegen die herrlichen Assoziationen, die dieser Spruch in der deutschen Übersetzung hat.) Er will alles Mögliche machen. Sehr anschaulich, wie den Mauerbau zu Mexiko. Die Leute hatten etwas zum Anfassen. Und das war: eine saftige Geschichte mit vielen Pointen.

Das Versprechen, dass etwas passiert.

Denn unsere westlichen Gesellschaften leben ja eigentlich in der permanenten Erwartung, dass „etwas passiert“. So funktionieren Filme, so hält das Fernsehen seine Zuschauer vor der Glotze.

Und dann geht eine begabte Politikerin in den Wahlkampf und – hat keine Geschichte zu erzählen.

Wir haben uns in Europa so sehr daran gewöhnt, dass sich Politiker regelrecht hüten, im Wahlkampf richtig saftige Geschichten zu erzählen, dass wir jetzt ziemlich verdutzt aus der Wäsche gucken: Da muss nur so ein Alt-Siebziger kommen und den Leuten echte Lügenmärchen erzählen – und sie wählen ihn.

Ruhe ist das dĂĽmmste politische Rezept

Wahrscheinlich genau deshalb: Weil Menschen wollen, dass etwas passiert. Sie halten „eine Reihe von schönen Tagen“ (Goethe) einfach nicht aus. Erst recht nicht, wenn in ihrer Gegend nichts mehr passiert: Fabrik stillgelegt, Kinder verschwunden, Theater dicht, Bus eingestellt, keine Jobs außer ab und zu mal Handlanger, die eigene Lebensgeschichte festgefahren – ohne Pointe, ohne Happy End.

Das halten Menschen nicht aus.

Wahlen sind nicht deshalb so toll, weil sich tolle Parteien mit tollen Konzepten und telegenen Posterboys zur Wahl stellen, sondern weil 99 Prozent der Wähler die mögliche Geschichte ihrer Zukunft wählen wollen.

Sie wollen wissen, was in den nächsten vier Jahren vielleicht passieren kann.

Und dann bekommen sie selbst von den Linken nur lauter Rezepte fĂĽr ein paar Prozente mehr oder weniger zur Wahl. Was sind das fĂĽr Linke? Haben die wirklich keine Projekte mehr? Was wollen die dann in der Politik?

Es stimmt schon, was Mancher nun diesem schrillen Präsidentendarsteller zugesteht: Der Mann hat den Leuten einfach lauter gut erzählte Storys verkauft. Wahrscheinlich lauter Stoff, der sich bestenfalls für schlechte Groschenromane eignen würde, aber immerhin.

Geschichte hat kein Ende

Und welche Story stand dagegen im Wettbewerb? Welche Story hat unsere geliebte Hillary angeboten?

Das ist die Frage, die bei jeder Wahl steht. Wir haben das nur seit 26 Jahren vergessen, uns von den Fukuyamas einlullen lasen, die uns die ganze Zeit erzählen wollen: „Mehr Geschichte gibt es nicht. Gebt euch mit dem zufrieden, was ihr habt.“

Aber dann wären wir keine Menschen mehr. Sondern bekloppte, trantütige Elois, die sogar noch glücklich sind, wenn sie von den Morlocks gefressen werden.

Zeit zum Aufwachen, wĂĽrde ich sagen.

Zeit fĂĽr wirklich gute Geschichten.

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Es gibt 2 Kommentare

So schnell, geht es. Hut ab vor Gabriel.
Durchaus möglich, daß die Storys jetzt besser werden. Aber ob Schulz so gut ist, das auszumerzen, was seine Vorgänger der SPD eingebrockt haben?

“Unsere geliebte Hillary Clinton…”?!
Das war sie wohl eher nicht. Glaubt man den Beschreibungen, war das der teuerste Wahlkampf fĂĽr die am wenigsten gewollten Kandidaten. Hillary Clinton war schlicht das kleinere Ăśbel. Spannend wäre die Auseinandersetzung mit Bernie Sanders gewesen. Die Arroganz hat gesiegt – und verloren.

Möglicherweise haben Trumps Wähler den Slogan auch auf sich bezogen? Vielleicht war das der Grund, ihn zu wählen? Wenn Amerika wieder groĂź wird, vielleicht wird der einzelne Wähler dann auch ein biĂźchen größer – sprich, es wird ihm etwas besser gehen? Oder doch zumindest nicht schlechter?
Denn das ist doch auch in Amerika die bittere Erkenntnis einer ungeregelten, ungerechten, Globalisierung? Es gibt keine Aufstiegschancen. Das Leben wird immer unberechenbarer. Selbst für amerikanische Verhältnisse.

Nun kommt vielleicht sogar noch etwas hinzu, das die meisten politischen Beobachter, die ja auch das Wahlergebnis so deutlich verfehlt haben, nicht auf dem Schirm hatten – Trump macht, was er vorher angekĂĽmdigt hat! Zunächst völlig wertfrei.

Staunend wird beobachtet, daĂź Trump nicht vom Wahlkampf- in den (bekannten und verachteten) Politikmodus verfällt. Er setzt tatsächlich das um, was er vorher gesagt hat. Staunende Mäuler allenthalben. Weil erwartet wurde, was nach jeder Wahl passiert – Wahlversprechen sind genau das: Versprechen, die gemacht werden, eine Wahl zu gewinnen. Keine Versprechen ĂĽber die nach der Wahl tatsächlich zu vollziehende Politik. Trump enttäuscht diese Erwartung. Allein diese Tatsache wird im Gedächtnis bleiben. Und hoffentlich ein Ansporn fĂĽr nachfolgende Kandidaten werden. Egal wo.
Aber “man” zerfetzt sich ĂĽber die LĂĽge der Zahl derer, die an der Inauguration teilgenommen haben…. Das sind aber nicht die Bilder, die hängen bleiben. Es sind die anderen Bilder. Die, die Trump mit den Bossen zeigen. Er ihnen erklärt, was er erwartet. Dann das erste Freihandelsabkommen kĂĽndigt, um sich danach mit den Gewerkschaften zu treffen.
Ein Gag, natĂĽrlich. Doch genau das bleibt hängen. Trump macht das, was er vorher angekĂĽndigt hat…

Hier können sich Parteien mit Koalitionsgesprächen rauslavieren. Man wollte ja und hätte doch so gerne. Aber der Koalitionspartner hat leider, leider verhindert. Bla und Blubb. Ganz schlimm die Sozialdemokraten. Was die bis heute nicht verstehen. (MĂĽntefering, Clement, Schröder, die “Stones”, Scholz)
Sicher kommt das bei Trump auch noch. Der Zwang, Kompromisse einzugehen. Wenn er sich mit dem Kongress und dort mit seinen eigenen Leuten einigen muĂź. Dann kann er allerdings immer ein wesentliches Argument anfĂĽhren: das Establishment verhindert seine Politik! Vermutlich auch noch im Interesse der GroĂźkonzerne. Diejenigen, gegen die er die Wahl gewonnen hat. Ist doch eine super Lage?!
Und er kann weiter Geschichten erzählen…

Währenddessen wir uns Stones-Storys anhören “dĂĽrfen”. Denen der abgemagerte Gabriel attestiert.

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