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Gibt es tatsächlich kein Rezept gegen die Zerstörung des gesellschaftlichen Gesprächs?

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    Für FreikäuferWir leben in einer Zeit, in der, wie es scheint, der Stinkefinger überall zur üblichen Kommunikation wird. Scheinbar. Ich betone es, weil das Sich-dran-Gewöhnen schon seit einigen Jahren um sich gegriffen hat. Und weil es Ursachen hat. Mehrere. Und weil dahinter etwas steckt, was auch im hohen Haus von „Spiegel“ nicht begriffen wurde, sonst hätte man dort Hasnain Kazims Kommentar zur Österreich-Wahl nicht veröffentlicht.

    „Rechtspopulismus und dumpfe Parolen sind gesellschaftsfähig geworden und finden große Zustimmung. Das ist das Ergebnis der Wahl in Österreich. Das Beunruhigende: Es gibt kein Rezept dagegen“, heißt es im Anreißer des Artikels. Und das für „Spiegel Online“-Leser schon lange nicht mehr Überraschende ist: Da kommt dann nichts mehr. Das war’s schon. Kazim – bei „Spiegel“ eher für die Wirtschaft zuständig – kommt über die Feststellung des augenfälligen Widerspruchs nicht hinaus: Österreich geht es wirtschaftlich gut, selbst die Flüchtlingsintegration hat man gut gemeistert. Und trotzdem triumphieren bei der Wahl zwei rechtspopulistische Parteien. Denn Sebastian Kurz hat ja die ÖVP zu einer rechtspopulistischen Partei gemacht, indem er den fremdenfeindlichen Lärm der FPÖ einfach übernommen hat.

    Und die Linken waren völlig zersplittert und drangen nicht durch. Schon vor der Wahl attestierten Beobachter Österreich einen beispiellos schmutzigen Wahlkampf, in dem all die wichtigen Themen des Landes nicht durchdrangen. Die Themensetzung der Rechtspopulisten dominierte ganz allein. Sie drückten der politischen Konkurrenz nicht nur ihr Thema auf – sie sorgten auch mit medialem und mentalem Druck dafür, dass nichts anderes mehr gleichrangig diskutiert wurde.

    Was eigentlich Punkt 1 ist, wo man im „Spiegel“-Kommentar mehr Inhalt erwartet hätte. Denn diese Art der Okkupation der öffentlichen Diskussion ist ja symptomatisch für die Rechten und Neurechten. Das haben sie in den letzten 20 Jahren europaweit systematisiert und professionalisiert. Sie haben dafür Think Tanks gegründet und Marketingagenturen angeheuert. Sie haben die modernsten Strategien der Werbung konsequent auf ihre Selbstdarstellung und den Wahlkampf angewendet.

    Was sie übrigens auch in allen anderen Ländern tun, wo sie aktiv sind, auch in Deutschland.

    Sie haben etwas gemacht, was den klassischen Parteien immer zu popelig war: Sie haben professionelle Strategien der Marktdurchdringung angewendet. Sie haben Homophobie wie ein modernes Produkt platziert und dafür gesorgt, dass es in den Supermarktregalen der heutigen Meinungsbildung gleich in Augenhöhe steht, unübersehbar für alle Kunden.

    Während – und das ist die zweite Linie, die mir in dem Kommentar fehlt – die Supermarktbetreiber tatsächlich in aller Willfährigkeit die konkurrierenden Produkte (Bildung zum Beispiel, Klima, Umwelt, Demografie und wie sie alle heißen) in die untersten Regalfächer geräumt haben.

    Wer öfter bei uns liest, kennt unsere Kritik an den deutschen Fernsehanstalten, die mit einem Aufmerksamkeitsanteil von 60 Prozent die eigentliche Meinungsmacht innehaben. In Deutschland ist es genauso wie im Nachbarland, auch wenn sich die Gutbezahlten im TV immer so klein machen und behaupten, sie würden im gesellschaftlichen Diskurs gar nicht die große Rolle spielen, das täten eher die großen Zeitungen.

    Aber Fernsehsender erreichen nicht nur das größte Publikum – sie verstärken und besetzen auch Themen. Sie sorgen dafür, wie der normale Bewohner des Landes die Sortierung im Supermarktregal der gesellschaftlichen Meinungsbildung wahrnimmt. Der österreichische Wahlkampf hat gezeigt, wie das funktioniert. Und wie eine einzige Partei alle anderen dazu bringen kann, nur noch über ihr Thema und ihre Argumente zu reden.

    Ganz ähnliche Kritik wurde auch an deutschen Talkshows laut. Und ich denke: Die Kritiker haben Recht.

    Gerade weil sich unsere Fernsehmacher so naiv stellen und so tun, als würden sie doch nur widerspiegeln, was sowieso diskutiert wird.

    Sie haben nicht einmal begriffen, wie sie als Filter und Verstärker funktionieren. Gerade weil sie auf Quoten und „Marktanteile“ schielen. Und gerade weil ihnen Skandal-Themen wichtiger sind als die wirklich harten, mühsamen Themen der Ebene.

    Was übrigens aus Leipziger Perspektive sehr schön zu beobachten ist: Bei den wichtigen Themen schickt kein überregionaler Sender einen Kameramann. Bei Skandalthemen aber treten sie sich gegenseitig auf die Füße. Unsere Fernsehmacher haben noch nicht mal begriffen, was sie anstellen und wie sie mit ihrer Art Berichterstattung das gesellschaftliche Klima bestimmen und verändern.

    Dagegen können wir als kleine Regionalzeitung nicht anstinken.

    Stimmt.

    Der „Spiegel“ kann es übrigens auch nicht. So weit könnte man der Aussage „Es gibt kein Rezept dagegen“ vielleicht noch zustimmen.

    Aber in dieser Absolutheit ist die Aussage trotzdem falsch. Das zeigt gerade das Dilemma der Linken im österreichischen Wahlkampf: Sie haben sich in die Ecke drängen lassen und sich gefallen lassen, dass die Rechten das einzige Wahlkampfthema setzten. Der „Frame“ hat vollkommen funktioniert – und alle sind drauf reingefallen.

    Und die Rechten haben das Thema Flüchtlingspolitik natürlich in ihrem – in einem menschenverachtenden – Sinn besetzt. Das kam noch dazu. Sie haben aus der politischen Debatte eine Schlammschlacht gemacht, in der sich am Ende alle nur noch gegenseitig symbolisch als Ärsche beschimpften, sich ganz persönlich runtermachten. Was natürlich die Eskalation und das Sensationslevel erhöhte, aber erst recht den ganzen Raum zubrüllte, so dass über die ernsthaft anstehenden politischen Themen nicht mehr diskutiert wurde.

    Ergebnis solcher Entwicklungen ist natürlich auch, dass Politiker dadurch ganz anders wahrgenommen werden. Als verlogen zum Beispiel, wie Leser „Garle“ kommentierte. Und „verlogene Politiker“ darf man ja wohl einen Arsch nennen.

    Und das hat wieder mit Kazims Kommentar zu tun. Denn natürlich gibt es Rezepte gegen die rechtspopulistische Verlotterung der Sitten. Solche Rezepte findet man in einem der berühmtesten (und am seltensten gelesenen) Bücher der deutschen Literatur: Adolph Franz Friedrich Ludwig Knigges 1788 erschienenem „Über den Umgang mit Menschen“. Was eine Menge Leute für ein Benimm-Buch halten. Aber es ist tatsächlich eines der wichtigsten Bücher der deutschen Aufklärung. Knigge erläutert darin nämlich beispielhaft, wie man vernünftigerweise mit anderen Menschen verschiedener Geschlechter, Stände und Ansichten respektvoll umgeht.

    Im Grunde hat er damit Kants Kategorischen Imperativ (Schauen Sie ruhig nach, was das ist.) anschaulich als gesellschaftliche Lebenspraxis erläutert. Ganz zentrale Begriffe bei Knigge sind „Gewalt über heftige Leidenschaften, Wachsamkeit auf sich selber und Heiterkeit des immer gleich gestimmten Gemüts“.

    Denn alle diese Dinge, auf die unsere Rechtspopulisten immer so stolz tun (Manieren!!!) und die sie dann in ihrem öffentlichen Auftreten mit Füßen treten, die sind wichtige Grundlagen für eine vernünftige Gesellschaft, in der Menschen einander tatsächlich noch respektvoll zuhören, Verständnis entwickeln und versuchen, den Gegenüber nicht durch Rüpelei zu verletzen. Wohl wissend – und bei Knigge nachlesbar – dass das Verweigern des Respekts genau dazu führt: dass ein gleichberechtigter gesellschaftlicher Umgang nicht mehr möglich ist.

    Dann konzentriert sich die ganze Aufmerksamkeit nämlich nur noch auf den Störenfried, die Stimmung eskaliert und zum Schluss brüllen sich alle nur noch an: Du Arsch!

    Eigentlich eine Beschreibung, die schon zeigt, dass es natürlich Rezepte gibt, die so etwas verhindern. Eines lautet immer: Respekt. Den man von jedem Anderen einfordern darf, den man aber auch selbst zollen soll. Nur wer seine Gesprächspartner wie Menschen behandelt (und eben nicht wie Ärsche), kann noch auf ein vernünftiges Gespräch rechnen.

    Das hat alles noch viele Implikationen. Bis hin zu der Frage: Wie gehen Medien mit dieser zunehmenden Respektlosigkeit um? Akzeptieren sie diese und berichten darüber, als sei das völlig normal? Oder machen sie die Respektlosigkeit (die sich ja bei unseren Rechtspopulisten mit massiver Menschenverachtung verbindet) selbst zum Thema? Machen sich also kompetent in Sachen „Moral und Weltklugheit“ (Knigge) und kritisieren die öffentlichen Rüpel in ihrem sichtbaren Fehlverhalten: Als Zerstörer einer respektvollen demokratischen Diskussion?

    Ich denke, dafür ist es höchste Zeit.

    Und weil mir gleich noch die nächsten zehn Implikationen einfallen, setze ich hier einfach einen Punkt. Sonst wird’s zu lang.

    Die ganze Serie „Nachdenken über …“

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      1 KOMMENTAR

      1. Ich muss gestehen, ich fühle mich grad ein bisschen ertappt. Sowohl bei der oft zu schnellen (gedanklichen) Aggression als auch bei dem reinfallen auf die Themensetzung der Rechten. Wenn ich im Nachhinein so drüber nachdenke – so ein bisschen haben die tatsächlich auch in meinem Kopf die Wahlkampfrichtung bestimmt. Mist.

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