Selbst ungehobelten Menschen ist der Name des Freiherrn von Knigge ein Begriff, auch wenn sie sich dann trotzdem rücksichtslos benehmen und sich über die Anstandsregeln, die andere verinnerlicht haben, lustig machen. Und dann leider auch entsprechende Spuren der Verwüstung hinterlassen, auch und gerade da, wo die Deutschen so gern Urlaub machen.

„Als deutscher Tourist im Ausland steht man vor der Frage, ob man sich anständig benehmen muss oder ob schon deutsche Touristen dagewesen sind“, zitiert Frauke Weigand im angehängten Kapitel „Wie sieht man Deutsche im Ausland und was sollte man im Ausland beachten“ ein leider falsches Zitat von Kurt Tucholsky.

Dass der Spruch tatsächlich aus der Verfilmung „Schloss Gripsholm“ von Herbert Reinecker von 1963 stammt, kann man auf dem Falschezitate-Blog nachlesen.

Ja, tut mir leid. Aber diese Unart muss eigentlich aufhören, einfach die Sprüche von den allseits beliebten Zitate-Seiten im Internet zu nehmen, ohne deren Quellen zu prüfen. Das geht einfach nicht.

Und das hätte auch Adolph Franz Friedrich Ludwig Freiherr Knigge so gesagt, der ja zeitlebens und erst recht nach seinem Tod nur zu oft kopiert, fehlinterpretiert und verfälscht wurde, sodass eine Menge Leute heute allen möglichen Blödsinn zu Knigge im Kopf haben.

Als die Wirtschaftswunderländler zu Massentouristen wurden

Aber bleiben wir beim falschen Zitat, das 1963 bestens in die Zeit passte, denn mit dem „Wirtschaftswunder“ entstand ja tatsächlich erst jener deutsche (Massen-)Tourismus in die europäischen Nachbarländer, den Reinecker mit dem Spruch aufgespießt hat.

Zu Tucholskys Zeiten gab es diesen exotischen Reisetourismus noch nicht. Die meisten Deutschen konnten ihn sich damals gar nicht leisten. Die Meisten waren froh, wenn sie sich einen Wanderurlaub in heimischen Mittelgebirgen leisten konnten.

Auslandsreisen waren für die meisten unerschwinglich und vor allem ein Vergnügen der Oberschichten. Ganz zu schweigen davon, dass Fremdsprachen nur an Gymnasien vermittelt wurden.

Und das hatte und hat eben Folgen. Bis heute. Denn damit hat sich, als die Deutschen dann genug verdiente D-Mark in den Taschen hatten, auch ein Reiseverhalten etabliert, das auf die Sitten und Gepflogenheiten der Urlaubsländer nicht viel Rücksicht nahm.

Und den Deutschen (ganz ähnlich wie den Engländern) einen Ruf verschafft hat, der nicht wirklich besonders gut ist. Denn der Mensch, der scheinbar eine starke Währung in der Tasche hat, tut eben auch gern so, als wäre er deshalb ein wichtigerer Mensch und jeder, der von ihm ein Trinkgeld bekommt, müsste seine raubeinigen Verhaltensweisen tolerieren.

Respekt im Umgang mit allen Menschen

Das hat sich leider nicht geändert. Denn kein Reiseunternehmen verlangt von den Käufern seiner Pauschalangebote den Nachweis, wenigstens ein paar Brocken der Landessprache zu beherrschen und wenigstens die wichtigsten Regeln zu Kleiderordnung, Essverhalten und Umgang mit den Einheimischen zu kennen.

Was dann für jede Menge Konflikte sorgt, unangenehme Situationen für beide Seiten. Und so ist Weigands neues Knigge-Büchlein vor allem eine kleine Hilfestellung für all jene, die sich dieses Problems wenigstens bewusst sind und am Ferienort nicht unbedingt als rücksichtsloser Tollpatsch betrachtet werden möchten.

Ganz zu schweigen, dass die 1788 von Knigge formulierten Regeln eben nicht nur für den Umgang mit Menschen daheim gilt, wo der Verhaltenskodex schon sehr deutlich darüber entscheidet, ob man in bestimmten Gesellschaftskreisen überhaupt akzeptiert wird.

Die wichtigsten Regeln gelten überall, im Umgang mit allen Menschen und vor allem im Umgang mit Menschen, die man nicht kennt und mit denen man eigentlich auch nur ein paar Tage gut zurechtkommen möchte.

Obwohl natürlich ein souveräner Auftritt im Urlaub auch Türen zu Bekanntschaften, Freundschaften und Einladungen öffnen kann. Denn Ausländer sind nun einmal genauso wie Inländer zuallererst einmal gastfreundliche Menschen. Das gilt für alle Länder.

Und für die Lieblingsurlaubsländer der Deutschen, denen Weigand in diesem Buch kleine Kapitel widmet, erst recht. Man kennt zwar die Touristen aus Deutschland dort mittlerweile sehr gut und hat sich auch mit den touristischen Angeboten auf sie eingerichtet. Aber das heißt nicht, dass man sich dort trotzdem benehmen kann, als würde man mit dem Überschreiten der Grenze jeden Anstand und Respekt zu Hause lassen dürfen.

Der Ton macht die Musik

Frauke Weigand fächert den Bogen von Ägypten bis zu den USA, geht auch auf die derzeitig geltenden Einschränkungen durch die Pandemie ein, die man auch beim Auslandsurlaub beachten sollte.

Aber schon die Tipps zur Kleiderfrage, zum Respekt vor der Religion der Einheimischen und zu den Regeln im Restaurant dürften für so manchen Reisenden wertvoll sein, weil man schon mit einigen vor der Reise beherzigten Wissensbausteinen dafür sorgen kann, dass man am Urlaubsort nicht wie ein Elefant im Porzellanladen auftritt und sich dadurch auch etwas verbaut, was möglicherweise tatsächlich das Wertvollste an so einer Reise ist: den freundlichen Kontakt mit den Menschen, mit denen man es zu tun bekommt.

Denn wenn man die Regeln im Gastland kennt, bekommt man das natürlich zurückgespiegelt. Man wird nicht wie ein polternder Eroberer empfunden, der einfach kraft seiner Kaufkraft den dicken Massa spielt oder der sein Genörgel und Genöle von daheim ausbreitet, als müsste alle Welt ihm oder ihr zu Diensten sein.

Gerade das letzte Kapitelchen macht ja deutlich, dass einige Reisende aus Germanien sich leider genau so benehmen und regelrecht verbrannte Erde hinterlassen. Oder zumindest einen Berg von Vorurteilen, mit dem sich dann alle nachfolgenden Reisenden herumschlagen müssen.

Die Tipps, die Weigand gibt, helfen jedenfalls, eine Menge peinlicher Situationen zu vermeiden, den Respekt der Einheimischen nicht zu verlieren und damit auch jene Gelassenheit im Urlaub zu erleben, die einmal das Kennenlernen des fremden Landes und einer letztlich doch fremden Kultur überhaupt ermöglicht.

Und ein paar Grundlagen helfen natürlich dabei, überhaupt mit Respekt zu reisen, egal in welches Land, und überall auf freundliches Begegnen rechnen zu dürfen.

Es beginnt schon mit Reisen in Deutschland

Was einen auf diesen Knigge zurückkommen lässt, der eben wusste, dass man genau das auch schon hierzulande erlebt, wenn man nur in andere Nester, andere Gesellschaften und andere Kreise kommt, wo man zumindest Aufgeschlossenheit zeigt, wenn man die Grundregeln der Höflichkeit beherrscht und eben nicht davon ausgeht, dass sich alle anderen nach einem richten müssen.

Aber das ist ja, wie wir wissen, schon bei Reisen innerhalb Deutschlands für so Manchen ein Problem. Nicht nur für Bayern oder Preußen. Auch für Schwaben, Berliner und Sachsen. Nichts hätte Knigge so sehr abgelehnt wie diese eingebildete Haltung von „Mir san mir“, denn so benehmen sich Bauern im Hinterwald, aber keine Leute, die weltläufig unterwegs sein möchten und Neugier auf andere Menschen und Länder mit Respekt verbinden.

Was nun wirklich oft genug keine deutsche Tugend war. Aber lernen kann man das. Und wer es lernt, merkt dann schnell, wie Türen aufgehen und Menschen einem viel freundlicher begegnen.

Wer natürlich gern alle seine Vorurteile bestätigt haben möchte, der reist natürlich als dickfelliger Barbar in die Welt. Und kommt dann wieder und hat nichts gesehen, was er daheim am Kneipentisch nicht auch hätte erleben können.

Frauke Weigand Kleiner Auslandsknigge, Buchverlag für die Frau, Leipzig 2022, 5 Euro.

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