Wie der MDR sich immer noch darüber wundert, dass sich Ostdeutsche als Ostdeutsche fühlen

Für alle Leser„Tag der deutschen Ignoranz“, so darf man das wohl nennen, was da am 3. Oktober teilweise wieder zelebriert wurde mit falschen Erklärungen zur Deutschen Einheit. Oder Wiedervereinigung. Egal, wie man das nennt. Das war schon 1990 eine Schimäre, ein bloßer bürokratischer Akt mit einer unheimlichen nationalistischen Note. Man klatscht nicht mit nationalen Mythen zusammen, was sich das Gemeinsame erst erarbeiten muss.

Aber genau so wurde es 1990 gemacht. Weil es schnell gehen sollte. Und ganz einfach. Und weil man regelrecht besoffen war von dem Spruch, den die ersten Demonstranten im November 1989 um den Ring schleppten: „Wir sind ein Volk“. Das weckte alte Mythen und vergessene Gefühle. Dass es eine völlige Verschiebung dessen war, was ursprünglich mit „Wir sind das Volk“ gemeint war, ist nicht mal den heutigen Demonstranten bewusst. Man denkt nicht mal drüber nach. Warum auch, wo es doch nicht mal die sonntagsredenden Politiker tun.

Denn dann würden sie darüber stolpern, dass wir zwar 1990 alle zu einem Staatsvolk geworden sind, aber ganz bestimmt nicht zu dem, was die Träumer aus den Zeitungskommentaren die ganze Zeit herbeigesehnt haben und was in Schillers „ein einig Volk von Brüdern“ anklang. („Rütlischwur“ im „Wilhelm Tell“). Brüderlich waren die Deutschen zueinander noch nie. Deswegen überrascht es auch nicht, wenn der MDR nun ausgerechnet zum „Tag der Deutschen Einheit“ feststellt, dass die Ostdeutschen augenscheinlich zwei Identitäten in der Brust haben. Oder im Kopf oder im Herzen.

Die Pointe, die der MDR findet, verwirrt geradezu: „Und sie zeigt vor allem eines: 27 Jahre nach der Wiedervereinigung fühlen sich über 90 Prozent der Befragten als Bundesbürger und als ehemalige Bürger der DDR. Entgegen früherer Annahmen der Wissenschaftler bleibt eine gewisse ostdeutsche Identität erhalten.“

Das grenzt schon an Leser- und Zuschauerverklapse. Eher wäre es ein zwingend medizinischer Befund, wenn sich die Ostdeutschen nicht mehr als Ostdeutsche und/oder ehemalige Bürger der DDR fühlen würden.

Die Studie, in der das erfasst wird, beschäftigt sich übrigens mit 100 Prozent ehemaliger DDR-Bürger. Es ist die sogenannte „Sächsische Längsschnittstudie“, die seit 1987 rund jeweils 400 junge Menschen des Jahrgangs 1972 begleitet – noch unter DDR-Bedingungen angefangen und dann mit viel persönlichem Einsatz bis heute fortgesetzt. Das Besondere an der Studie ist: Sie beschäftigt sich mit Menschen, die 1990 allesamt jung waren und eigentlich alle Voraussetzungen hatten, sich im neuen, gemeinsamen Deutschland zu etablieren und ihre Chancen nutzen zu können.

Wahrscheinlich war es das desaströse Wahlergebnis zur Bundestagswahl am 24. September, das den MDR nun zu der oben genannten Diagnose brachte. Ganz so, als hätte man erst jetzt so richtig mitgekriegt, dass viele Ostdeutsche das dumme Gefühl haben, dass die „Einheit“ nur eine Banane war, eine schöne Verheißung, die so von der Wirklichkeit nicht eingelöst wurde.

Was übrigens nicht erst 2017 festgestellt wurde.

Denselben Befund konnte die „Sächsische Längsschnittstudie“ schon 2007 erstellen: „Die Vereinigungsfolgen für Ostdeutschland werden noch immer überwiegend ambivalent bewertet. Der vermutete Zeitpunkt für die Herstellung der wirtschaftlichen und der inneren Einheit wurde von Jahr zu Jahr weiter in die Zukunft hinausgeschoben, sie wird für sie mehr und mehr zu einer Utopie – Widerspiegelung erheblicher Enttäuschungen von den Realitäten des Vereinigungsprozesses“, hieß es damals. Was auch mit den persönlichen Berufserfahrungen der Befragten zu tun hat.

Was damals formuliert wurde, dürfte so manchem aus gegenwärtigen Tagen sehr vertraut vorkommen: „Stark beeinflusst wird dieser Prozess durch die äußerst kritische Sicht der 34-Jährigen auf die politische Klasse und die Wirtschaftsführer. Die meisten meinen, dass die heute herrschenden Politiker in erster Linie die Politik der Reichen und Mächtigen vertreten, im Hinblick auf Ehrlichkeit gegenüber den Bürgern werden sie auf eine Stufe mit den Politikern in der DDR gestellt. Vertrauen zur Regierung haben 2007 lediglich 15 %, 85 % äußern das Gegenteil. Politik und Vertrauen schließen sich für sie offenbar immer mehr aus.“

Damals also war schon die heute offenkundige Entfremdung nachweisbar. Nur wurde das in Sachsen immer wieder mit schönen Reden über Heimat und „Sachsenstolz“ zugetüncht.

Wenn Ministerpräsident Stanislaw Tillich behauptet, er wisse, was „die Leute“ denken, dann schwindelt er. Oder er redet immer nur mit braven Parteisoldaten.

Die Aussagen von 2007 waren schon eindeutig: „Angst vor der Zukunft in dieser Gesellschaft wurde zu einem Grundgefühl auch dieser jungen Leute. Vor allem die psychisch stark belastenden existenziellen Ängste vor einer weiteren Verteuerung des Lebens, vor eigener Arbeitslosigkeit und Eintreten einer persönlichen Notlage (fast von der Wende an erfasst), vor den Auswirkungen von ‚Hartz IV‘ sowie vor weiteren Reformen der Regierung haben erheblichen Anteil an der bestehenden Unzufriedenheit mit dem gegenwärtigen System, an einer verbreiteten Angst vor dem heutigen Kapitalismus. Bei sehr vielen ist über Jahre hinweg ein ‚Stau‘ negativer Gefühle entstanden. Ein besonderes Alarmsignal ist, dass rund zwei Drittel der jungen Erwachsenen sich bereits im Alter von 34 Jahren von Armut im Alter bedroht fühlen!“

Was Gründe hat. Denn auf politischer Ebene wurde in all den Jahren kaum wahrgenommen, wie stark eigentlich die Ostdeutschen in der Transformationszeit (die praktisch erst 2011 so langsam zu Ende ging) von heftigen Umbrüchen im Berufsleben betroffen waren: „Entscheidender Einflussfaktor ist die Grunderfahrung Arbeitslosigkeit, die immer mehr dieser jungen Ostdeutschen machen müssen, bis 2007 bereits 71 % von ihnen gemacht haben! Der Anteil derer, die bereits mehrfach Arbeitslosigkeit erlebt haben und bei denen ihre ernsten negativen Auswirkungen besonders deutlich sichtbar werden, hat sich zwischen 1996 und 2007 von 17 % auf 40 % mehr als verdoppelt. Die Arbeitslosigkeit, von führenden, volksverbundenen Politikern und Politikerinnen in der Bundesrepublik schon längst als ‚größte Wunde der Gesellschaft‘ erkannt (Bundespräsident Johannes Rau, 2004), oder als Situation, die ähnlich wirkt wie eine Haft (Regine Hildebrandt, 1992), geht wie ein Riss durch die gesamte Population. Sie nährt Ängste gegenüber dem gegenwärtigen kapitalistisch verfassten System, bestärkt Zweifel an seiner Zukunftsfähigkeit und erhöht die Protestbereitschaft, hat aber auch erhebliche negative Folgen für die physische und psychische Gesundheit der TeilnehmerInnen.“

Und da nehmen wir jetzt einfach mal die Abkürzung zu einem anderen Thema, das in den Köpfen der meisten Politiker einfach keinen Platz findet: Wie eigentlich Bevölkerungsrückgänge entstehen und Menschen aufhören, für die Zukunft zu planen. Oh ja, hier geht es jetzt um das heilige Stichwort Familie und Kinder, beides bei vielen jungen Ostdeutschen völlig unter die Räder gekommen.

Denn: „Entscheidend ist, dass diese negativen Auswirkungen mit wachsender Gesamtdauer der Arbeitslosigkeit des einzelnen Betroffenen in vieler Hinsicht nachweislich kumulativ zunehmen, eine Tatsache, die nur aus langfristig erhobenen individuellen Daten, nicht jedoch aus den amtlichen Statistiken ablesbar ist. Besonders hier liegt auch der Neuigkeitswert unserer Ergebnisse. So geht mit zunehmender Dauer eigener Arbeitslosigkeit kontinuierlich die Zukunftszuversicht der jungen Erwachsenen zurück und steigt ihre Angst vor einer persönlichen Notlage stark an. Auch die Bejahung der Wende und selbst die Zahl der gewünschten Kinder nimmt signifikant ab! Diese latenten psychosozialen Folgen werden von der Politik völlig unterschätzt, kleingeredet oder kaschiert.“

So viel zum Wunsch nach Sicherheit, den ich hinter Pegida und AfD-Wahl durchaus sehe. Aber nicht wie Stanislaw Tillich, der immer noch glaubt, die empörten Sachsen würden sich einen „stärkeren Staat“ wünschen. Die meisten wünschen sich nur mal ein bisschen Sicherheit im eigenen Leben, so ein bisschen festen Grund, auf dem man bauen und planen kann.

Eigentlich gibt die Studie selbst zu, dass die Fragestellung falsch ist, wenn man die ganze Zeit fragt, wie sehr sich die Ostdeutschen nun eigentlich als Bundesbürger fühlen und mit den Werten der Bundesrepublik identifizieren. Die nun einmal erst sekundäre Werte sind, wenn es erst einmal um die ganz persönliche Sicherheit und den Erfolg im eigenen Leben geht. Wenn der auch nach 27 Jahren nur aus lauter Unsicherheit besteht, ist die Diagnose eigentlich nicht so überraschend.

Wie gesagt: 2007 war das schon das Ergebnis der „Sächsischen Längsschnittstudie“.

In den Folgejahren besserten sich die Einschätzungen wieder. Ab 2009 spürten auch diese Jahrgänge, dass Sachsen wirtschaftlich wieder Tritt fasste – was dann auch die Zufriedenheit mit der Politik spürbar erhöhte.

Ein ganz wichtiger Faktor dabei – so der vom MDR befragte Dresdner Psychologie-Professor Hendrick Berth – sind die Zuversichtswerte. Und die hängen nun einmal direkt am (verlässlichen) Erwerbseinkommen, an der somit erreichten wirtschaftlichen Souveränität im eigenen Leben. Damit stieg dann auch der Anteil derer, die sich als „Wendegewinner“ verstehen, auf über 60 Prozent an. Aber es gibt nach wie vor jene, die sich – trotz aller Bemühungen – als Verlierer verstehen.

Als Ostdeutsche und ehemalige DDR-Bürger verstehen sich fast alle. Denn das ist nun einmal kein abwertendes Kriterium (wie es oft in den 1990er Jahren verwendet wurde). Es ist schlicht eine geschichtliche Erfahrung und damit ein Erfahrungsbereich, den nun einmal die West- und Süddeutschen nicht haben. Und gerade weil das den Vergleich ermöglicht, ist das ein positiver Erfahrungsschatz.

„Entgegen früherer Annahmen der Wissenschaftler bleibt eine gewisse ostdeutsche Identität erhalten“, meint der MDR.

Na so was? Da sind wir aber überrascht. Erstaunlich, dass die Ostdeutschen eine eigene Geschichte haben. Das verblüfft uns doch jeden Tag wieder aufs Neue.

Aber wo der MDR noch herumwundert, hat zumindest der Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier mitgekriegt, dass da was war und was ist, das eben mit der schönen Deutschen Einheit nie abgegolten war: „Wenn ein Ostdeutscher erzählt, wie seine Heimat in der DDR sich nach der Wende radikal verändert hat – dass die neue Freiheit nicht nur Ziel von Sehnsucht, sondern auch eine Zumutung war, dass im Wandel vieles verloren ging, was man halten wollte – dann gehört auch das zu unseren deutschen Geschichten. Die Herstellung der Einheit war ein gewaltiges Werk. Natürlich wurden auch Fehler gemacht in den Jahren nach 1990 – und es gibt keinen Grund, darüber zu schweigen. Ostdeutsche haben nach der Wiedervereinigung Brüche erlebt, wie sie unsere Generation im Westen nie kannte. Und dennoch sind diese ostdeutschen Geschichten kein solch fester Bestandteil unseres ‚Wir‘ geworden wie die des Westens. Ich finde: es ist an der Zeit, dass sie es werden.“

So zu lesen in seiner Rede zum Tag der Deutschen Einheit.

Demokratie braucht mehr …: Die deutsche Einheit ist Waage

Deutsche Einheit
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