Nachdenken über ... Fokussieren und Framing

Warum eine Umfrage zum Sicherheitsempfinden nur von rosa Elefanten erzählt

Für alle Leser„Der Artikel über den Fragebogen enthält mehr Vorurteile als der Fragebogen selbst....wie sicher fühlen sie sich in ihrem Umfeld....was ist an dieser Frage unwissenschaftlich?“, fragte uns Leser/-in „peku“ unter unserem ersten Bericht dazu. Zu Recht. Weil diese Frage den Blick auf das richtet, was an dieser Umfrage schon im Ansatz nicht stimmt. Der Fragebogen macht einen Frame auf, einen Rahmen. Oder noch genauer: Er verengt den Fokus. Damit wird er unwissenschaftlich.

Was übrigens schon am Denkansatz des vom Bund initiierten Projektes „Sicherheit im Bahnhofsviertel“ (SiBa) liegt. Das soll eigentlich viel weiter greifen und auch die städtebauliche Gestaltung und das Thema Gentrifizierung erfassen. Davon kommt in diesem Fragebogen aber nichts vor. Der fokussiert ganz allein auf das Thema „Sicherheitsgefühl“.

Spätestens da wird es seltsam. Auch wenn viele Leute davon reden, sie würden sich irgendwo „sicher fühlen“.

Aber es gibt in uns kein Sicherheitsgefühl. Das wäre – evolutionär betrachtet – sogar tödlich. Wenn es mal Tierarten gegeben haben sollte, die ein „Sicherheitsgefühl“ hatten, dann sind sie allesamt ausgestorben. Aufgefressen von Tieren, die solche speziellen Blindgänger der Evolution besonders gern gefressen haben.

Genetisch angelegt ist nur das Gegenteil: Die Aufmerksamkeit auf bedrohliche Muster, Veränderungen, Gefahren. Unser Gehirn reagiert auf solche Störungen in unserer Wahrnehmung sofort – nämlich mit der Ausschüttung von Adrenalin: der Blutdruck steigt, die Herzfrequenz steigt – das Lebewesen wird binnen Sekundenbruchteilen fluchtbereit.

Der Fluchtreflex rettet ihm im Ernstfall das Leben. Oder – wenn es ein Lebewesen ist, das auch Abwehrstrategien zur Verfügung hat – es macht sich zur Attacke bereit und mobilisiert alle Kräfte, den möglichen Feind anzugreifen.

Ich habe die Fragestellung jetzt erst auf die wissenschaftliche Ebene gehoben. Wo sie hingehört. Denn erst dann wird sichtbar, dass das Thema „Bahnhofsviertel“ unser ganzes Leben durchzieht.

Die meisten Herzattacken passieren aufgrund emporschnellenden Blutdrucks aber nicht auf unseren Bahnhöfen, weil wir dort sogar innerlich darauf vorbereit sind, dass uns erhöhter Stress erwartet (Schlangen am Automaten, Gedrängel auf dem Bahnsteig, Gerangel beim Einsteigen, kein Sitzplatz mehr, Kindergeschrei, Telefonjunkies … ehrlich? Das alles macht mehr Stress als alle „ethnische und soziale Heterogenität“ im Bahnhofsumfeld, wie es im Arbeitsposter zum Projekt „Sicherheit in Bahnhofsvierteln“ heißt).

Bahnhöfe sind Knotenpunkte. Hier muss Mobilität funktionieren. Möglichst reibungslos. Für viele Menschen. Aber so sind sie fast alle nicht gebaut, auch der Leipziger Hauptbahnhof nicht. Durchgänge sind verengt, Hindernisse in den Weg gebaut, Umsteigemöglichkeiten versperrt. Genauso wie es „Claudia“ im Kommentar unter dem ersten Bericht „Menschenverachtung zum Ankreuzen“ auf der L-IZ.de dazu beschreibt.

Wobei mit „Bahnhofsviertel“ nicht nur der Hauptbahnhof in Düsseldorf, München oder Leipzig gemeint ist, wo diese Befragung parallel stattfand, sondern das Umfeld, in dem es tatsächlich zu einigen vermehrten Kriminalitätsarten kommt. Drogenumschlag rund um den Schwanenteich ist zum Beispiel ein Problem. Aber es ist auch typisch für einen Bahnhof: Denn nirgendwo finden nun einmal Händler und Käufer leichter zueinander. Warum werden beim Dealen immer die Käufer vergessen?

Aber zurück zum Frame. Der blendet die eigentlichen Stressoren und Probleme rund um den Bahnhof nämlich zu 99 Prozent aus. Jedenfalls in dieser Befragung findet man keine einzige Frage zum Städtebaulichen, zu Wegen, Bahnsteigen, Aufenthaltsräumen, Konfliktstellen, gar Gentrifizierung. Nichts.

Aber jede Menge abgefragtes „Sicherheitsgefühl“. Was übrigens auch schon 2016 so ähnlich in der Leipziger Bürgerbefragung zur Sicherheit so abgefragt wurde: „Wie sicher fühlen Sie sich in ihrem Wohngebiet?“ So eine Frage fokussiert. Sie sorgt erst dafür, dass der Befragte sich überhaupt erst die Frage stellt: Fühle ich mich sicher?

„Natürlich nicht!“, würde Oliver Welke aus der „heute show“ an so einer Stelle fröhlich in die Kamera rufen, erst recht, wenn dann ganze Fragekomplexe folgen, in denen man sich über Kellereinbrüche, Junkies, Prügeleien auf der Straße, Vergewaltigungen, laute Jugendliche, Handtaschendiebstahl, Betrunkene und so weiter Gedanken machen soll.

Denken Sie jetzt bitte nicht an den dicken rosa Elefanten.

So geht Fokussierung.

Und eine Partei beherrscht diesen Mechanismus exzellent: die AfD. Ganz zu schweigen von hunderten Medien, die genau diesen Mechanismus ebenfalls benutzen, um Aufmerksamkeit zu bekommen. Denn wer über möglichst schlimme kriminelle Ereignisse immer wieder breit berichtet, weckt unser Aufmerksamkeitssystem, jenes Areal im Gehirn, das auf bedrohliche Signale sofort reagiert. Was ein Grund dafür ist, dass immer mehr Menschen glauben, auf unseren Straßen ginge es immer krimineller und gefährlicher zu.

Und – der Frame der AfD: „die Ausländer sind schuld“. Was dann meist die Gleichung ergibt: „Ausländer = Gefahr“. Genau so ist der Fragebogen gestrickt. Er postuliert ein „Unsicherheitsgefühl“ und fokussiert dann gleich mal auf die Menschengruppen, die man aus Ordnungsamtssicht als Störgruppen betrachtet, als unerwünscht.

Da fehlt nur ein Schritt, und es kleben wieder Schilder überall: „Diesen und jenen ist der Aufenthalt verboten.“

Indem aber der Frame „Sicherheitsgefühl“ aufgemacht wird, wird eine Erfassung des Gesamtraums/Stadtraums Bahnhofsviertel unmöglich. Die Ausfüller des Fragebogens werden gar nicht erst gefragt, wie sie einen bestimmten Stadtraum wahrnehmen.

Selbst den Bahnhof und sein Umfeld nimmt jeder anders wahr. Manche fühlen sich hier wohl – gerade weil hier auch andere Menschen sind. Ein Bahnhof ist ja kein homogener Ort. Im Gegenteil: Mit seinen unterschiedlichen Angeboten bietet er selbst unterschiedlichsten Menschen einen als positiv empfundenen Aufenthalt.

Von den Cafés über die Lese-Lounge bis hin zu den – na ja – etwas rustikalen Wartebänken auf den Bahnsteigen. Wer den Komplex Bahnhof genauer betrachtet, merkt, dass es einige Engpässe gibt, wo sich die Konflikte ballen. Und sie ballen sich auch, weil es kaum Ausweichmöglichkeiten gibt.

Wenn der Mensch aber nicht ausweichen kann … Sie merken schon. Das ist keine Aufgabe für die Polizei, sondern für die Stadtplaner.

Und das ist nur der Bahnhof, nicht der Platz davor, dessen höchstes Sicherheitsrisiko nicht von den Menschen ausgeht, sondern von einer unübersichtlichen Verkehrsorganisation. Wer den Obdachlosen vor den Eingangstüren begegnet, der hat schon ein Dutzend echter Schreckmomente hinter sich – dessen Adrenalinspiegel ist sowieso schon ganz oben.

Das ist wie der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt. Und da muss ich die verrammelten Türen zu den Eingangshallen gar nicht erwähnen und die ganzen Drängeleien und Kraftakte, um die Türen mit schwerem Reisegepäck aufzustemmen und dann in beide Richtungen irgendwie durchzukommen.

Ehrlich? – Der Leipziger Hauptbahnhof ist eine Zumutung. Und auch hier steht das Bild Bahnhof wieder für unser Gesamterleben. Unsere ganze Gesellschaft ist mit dem Aufkommen der digitalen Medien noch aggressiver geworden. Immer mehr Menschen sind sowieso schon mit einem enormen Stresspotenzial unterwegs. Die latente Aggression in unseren Straßenbahnen, die man manchmal erlebt, erzählt davon.

Und da sehe ich dann in der Regel weit und breit keinen farbigen Nordafrikaner oder anderen gesellschaftlichen Außenseiter. Dafür jede Menge Menschen, die den Blick nicht mehr von ihrem Smartphone bekommen, übergewichtige Zeitgenossen, die gleich mal Doppelbänke für sich und ihren Sportbeutel in Beschlag nehmen, Trauben von Eiligen, die gleich in der Tür stehen bleiben und das Ein- und Aussteigen zum Parcours machen. Usw.

Sie merken schon: Das Bild wird völlig anders und viel facettenreicher, wenn man tatsächlich erst einmal an die Bestandsanalyse geht und nicht gleich von Anfang an die gerahmte Sicht von Innenministern, Ordnungsbürgermeistern und Polizisten übernimmt. Die sehen nämlich wirklich nur die „Problemgruppen“. Genauso wie die „besorgten Bürger“, die sich Tag für Tag die blutigen Nachrichten aus aller Welt reinziehen und diese Gespenster in ihren Alltag mitschleppen. Und die vor allem darauf fokussiert sind, „Schuldige“ zu finden.

Aber Bahnhofsviertel sind nicht so, wie sie sind, weil ein paar „Problemmenschen“ dort andocken, sondern weil sich hier menschliche Geschäftigkeit bündelt und überlagert. Und weil Architekten, Betreiber und Verkehrsplaner falsch gebaut und geplant haben.

Ich schätze: Wenn das „SiBa“-Projekt so weitergeht, wird wieder nichts dabei herauskommen, als wieder nur die alten Vorurteile, die nun auch gleich mal durch „Problemmenschen“-Listen bestätigt werden. Und hinterher werden uns ahnungslose Ordnungsbürgermeister erzählen, dass man ja nun eine „wissenschaftliche“ Grundlage habe, wenn man gegen bestimmte Menschen „präventiv“ vorgehen würde. Die Befragung habe das ja bestätigt.

Die Serie „Nachdenken über …“

Ein Leipziger Fragebogen mit Menschenverachtung zum Ankreuzen

 

Nachdenken über ...
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Foto: L-IZ.de

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