25 Jahre MJA Leipzig e.V. - 25 Thesen aus der Praxis

These #2: Ghettoisierung gefährdet den sozialen Frieden

VerlosungFür alle LeserSeit Menschengedenken gibt es Ghettos, denn bereits in der Antike gab es abgetrennte Wohnbezirke für Juden. Laut Duden werden als Ghettos abgesonderte Wohnviertel bezeichnet. Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass der Begriff aus dem Italienischen stammt und Gießerei bedeutet. Denn als 1516 in Venedig ein Gesetz erlassen wurde, das jüdische Einwohner*innen auf das Gheto Nuovo (neue Gießerei) beschränkte, festigte sich der Begriff.

Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde begonnen, jüdische Menschen in Ghettos zu sperren und abzuriegeln, damit sie die Ghettos nicht mehr verlassen konnten. In Osteuropa entstanden in der Zeit zwischen 1939 und 1944 um die 1.000 Ghettos. Als eines der größten galt das Warschauer Ghetto in der polnischen Hauptstadt. Das Leben im Ghetto war gekennzeichnet durch Hunger, Krankheiten und Unterernährung.

Heutzutage steht der Begriff als Synonym für Ausgrenzung auf der ganzen Welt. Umgangssprachlich werden jene Stadtviertel als Ghetto bezeichnet, in denen überwiegend Angehörige bestimmter Ethnien (Segregation) und/ oder sozialer Randgruppen leben. Nicht zu Unrecht wird im Duden der Begriff Ghettoisierung als eine zunehmende Isolierung verstanden.

Vor gut 10 Jahren habe ich begonnen, als Streetworkerin bei der Mobilen Jugendarbeit in Leipzig-Grünau zu arbeiten. Grünau ist die größte Plattenbausiedlung Sachsens und besteht aus acht in Plattenbauweise errichteten Wohnkomplexen. Zu DDR-Zeiten waren hier die Wohnungen begehrt, nach der Wende wurden Hochhäuser aufgrund von Wohnungsleerstand und Abwanderung abgerissen.

„Gefährlicher Ort“ in Grünau

In den letzten Jahren erlebte Grünau einen Wohnungsbauaufschwung, da es wieder mehr Menschen nach Grünau zog bzw. die Mieten im Leipziger Vergleich hier am niedrigsten sind. Das führte allerdings auch dazu, dass es insbesondere Transfergeldbezieher*innen nach Grünau zog, da Wohnraum in Leipzig in den letzten Jahren knapp und teilweise für bestimmte sozial benachteiligte Menschen unbezahlbar wurde bzw. es zunehmend unzureichenden bezahlbaren Wohnraum gibt.

Grünau gilt als sozialer Brennpunkt, was als Synonym für Problemviertel steht. So hat das Wohngebiet z.B. mit einer hohen Arbeitslosenquote, Einkommensarmut, einer hohen Schulabgängerquote, einer hohen Jugendkriminalität sowie mit Integrationsschwächen zu kämpfen. Im Rahmen meiner Tätigkeiten als Streetworkerin war ich in den letzten Jahren regelmäßig auf den Straßen Grünaus unterwegs.

Ein Schwerpunkte unserer täglichen Arbeit ist Grünau-Mitte. Seit April 2017 wird die Stuttgarter Allee und der dazugehörige Marktplatz als „gefährlicher Ort“ eingestuft. Drogenhandel, Diebstähle, Bandenkriminalität, Ruhestörung und Überfälle auf einzelne Menschen sind einige Stichworte in diesem Zusammenhang.

Wenn man bedenkt, dass es in dieser Gegend mittlerweile ein paar Wohnblocks gibt, in welche selbst die Polizei nur ungern hineingeht, wird das Bild etwas klarer. Immer wieder höre ich von jungen Menschen, dass sie sich nur noch bewaffnet auf die Straße trauen. Nicht zuletzt, weil es in Grünau-Mitte in den letzten Jahren mehr als ein Tötungsdelikt gab. Beim Betrachten der 16-Geschosser wird einem schon etwas mulmig, vor allem wenn man einen Blick nach innen wagt.

Studie bestätigt Zunahme der Ghettoisierung in Großstädten

Hier wohnen Menschen auf sehr engem Raum zusammen, die oft aus bildungsfernen Familien stammen, viele beziehen HartzIV. Andererseits leben hier auch zahlreiche Menschen aus anderen Herkunftsländern, was ebenfalls zu Konflikten führen kann. Schnell wird deutlich, dass in diesen Blocks überwiegend Menschen leben, die mehr oder weniger von der gesellschaftlichen Mitte abgehängt sind. Welche Rolle dabei die Wohnungswirtschaft spielt und inwiefern sie mit in die Verantwortung genommen werden sollte, muss an anderen Stelle diskutiert werden.

Längst haben Studien deutlich gemacht, zuletzt die vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB, „Arm und Reich, Jung und Alt: immer seltener Tür an Tür“, Mai 2018), dass die soziale Schere in Deutschland (vor allem in Ostdeutschland) immer größer zu werden droht, die Stadtbevölkerung sich immer weniger durchmischt und die Ghettoisierung in Großstädten zunimmt. Am Ende sind vor allem Kinder die Leidtragenden, denn wenn sie in einem schwierigen sozialen Wohnumfeld aufwachsen, haben sie in der Regel schlechtere Perspektiven als jene, die in gehobeneren Gegenden aufwachsen.

Fakt ist, wenn in Zukunft die Entwicklung weiter in diese Richtung geht, drohen die sozialen Verhältnisse zu verhärten. Deshalb muss schnellstmöglich auf die sich verändernde Bevölkerungszusammensetzung reagiert werden. Doch welche stadtentwicklungspolitischen Maßnahmen müssten unternommen werden, um diesem Trend entgegenzuwirken?

Infos zur Thesen-Aktion: Anlässlich seines 25-jährigen Bestehens hat der Mobile Jugendarbeit Leipzig e.V. einen Kalender mit 25 Thesen aus der Praxis zusammengestellt. Diese beziehen sich auf aktuelle Gegebenheiten und Entwicklung in Gesellschaft und Jugendarbeit, auf die die Streetworker des Vereins in ihrer täglichen Arbeit stoßen. Die Thesen sollen zum Nachdenken und zur Diskussion anregen – und im Idealfall den Anstoß für einen Veränderungsprozess geben.

L-IZ-Leser haben die Möglichkeit, einen Thesen-Kalender der Mobilen Jugendarbeit Leipzig für die Jahre 2019/ 2020 im A3-Format zu gewinnen. Ein Kommentar mit einer kurzen Meldung „Ja, ich will“ unter dem Artikel genügt, um an der Verlosung teilzunehmen. Der Rechtsweg ist wie immer ausgeschlossen, die Auswahl der Gewinner erfolgt nach dem Ende der Verlosung am 31. Januar 2019, 12 Uhr. Die Gewinner werden per Mail benachrichtigt, der Kalender anschließend an die angegebene Adresse verschickt.

Mehr Infos zur Mobilen Jugendarbeit Leipzig e.V.
www.kuebelonline.de

These #1: Mobile Jugendarbeit ist kein Sprint, sondern ein Marathon

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