Gastkommentar von Christian Wolff: #FridaysforFuture und der Freitag des Todes

Für alle LeserZu einem dramatischeren, schmerzlicheren Kontrast konnte es an diesem Freitag, 15. März 2019, nicht kommen: In Christchurch/Neuseeland ein verheerender Terroranschlag von rechtsradikalen Rassisten auf zwei Moscheen, bei dem während des Freitaggebetes 49 Menschen ermordet und Dutzende zum Teil schwer verletzt wurden. In über 100 Staaten, in Deutschland in über 200 Städten junge Menschen, vor allem Schüler/innen, demonstrierend auf der Straße, die um ihre, um unsere gemeinsame lebenswerte Zukunft kämpfen und von der an den politischen Schalthebeln sitzenden Generation ein sofortiges Ende der kollektiven Verantwortungslosigkeit fordern.

Auf der einen Seite also die schreckliche Botschaft einer todbringenden Zerstörungswut, auf der anderen Seite der hoffnungsvolle Schrei nach Zukunft. Spätestens seit dem grauenhaften Geschehen in Christchurch kann jede/r erkennen, was Nationalismus, Waffengewalt, Rassenhass erzeugen: Zukunft wird zerstört, wenn Menschen sich anmaßen, das Lebensrecht anderer willkürlich und gewalttätig zu beschneiden. Wo aber der Mensch sich zum gottähnlichen Rächer aufschwingt, ist kein Platz mehr für Menschlichkeit, Empathie, Vielfalt, Solidarität.

Nun kann jeder sehen, wohin das Gerede von der „Umvolkung“, vom „Bevölkerungsaustausch“, von der „Islamisierung des Abendlandes“, das auch bei uns die Rechtsnationalisten (und leider nicht nur sie) Tag für Tag durch das Netz jagen, führt: zu blasphemisch-hybrider terroristischer Gewalt gegen die, die man dafür meint verantwortlich machen zu müssen, aber vor allem gegen Muslime selbst. Am Ende des Rechtsnationalismus steht fast zwangsläufig der Terror gegen alle, die dem Rassismus nicht folgen wollen. Das allerdings ist keine neue Erkenntnis. Das ist die bittere Lehre aus dem real existierenden Faschismus im 20. Jahrhundert in Mitteleuropa, vor allem in Deutschland. Der Furor des Nationalismus endet im Kugelhagel der Terroristen.

Darum ist es so wichtig, dass wir entschlossen, klar und ohne jeden falschen Kompromiss allen entgegentreten, die die Mär von der „Umvolkung“ verbreiten, die den Islam als Religion verteufeln, die allein auf nationale Identität setzen, darin verirren und sich bei uns ausschließlich in Deutschtümelei ergehen, wenn es um die Grundwerte des Zusammenlebens geht.

Das ist das Meta-Programm von Pegida/AfD

Björn Höcke hat es schon zu Papier gebracht. Das Massaker von Christchurch ist ein Fanal. Die ideologischen Rückbindungen der mutmaßlichen Täter zeigen an: die gewalttätige, rechtsradikale Szene hat sich international längst vernetzt. Am anderen Ende der Welt wird die Ermordung von Angela Merkel gefordert, und der Terrorist Anders Behring Breivik wird als Held und Vorbild gefeiert.

Dazu und zeitversetzt der absolute Kontrast: Zehntausende junge Menschen, vor allem Schülerinnen und Schüler, klagen ihre Zukunft ein – allein in Leipzig über 2.000. Sie setzen nicht auf Zerstörung, sondern auf Bewahrung der Schöpfung. Sie lassen sich nicht national verblenden, sondern sehen den Klimaschutz als globale Aufgabe. Sie gehen nicht den bequemen Weg folgenloser Gespräche in gepflegter Atmosphäre, sondern zeigen den Leugnern des Klimawandels die rote Karte. Sie mischen mit ihrem Schulstreik das politische Alltagsgeschäft auf und wenden damit die Strategie an, die am Anfang jeder Reformbewegung stehen (muss): die begrenzte Regelverletzung ohne jede Gewalt.

Sie provozieren damit eine Güterabwägung zwischen preußischer Gesetzestreue und Leben erhaltender Aktion. Früher sagte man: Deutschland hat deswegen keine erfolgreiche Revolution zustande gebracht, weil der Deutsche keinen Bahnsteig betritt, ohne die Bahnsteigkarte zu lösen. Jedoch: Ohne den Schulstreik, keine Aufmerksamkeit, keine Bewegung. Die Schüler/innen haben es geschafft, die Klimapolitik zum zentralen Thema werden zu lassen. Sie halten uns den Spiegel vor. Auf einem Plakat war zu lesen: „Würde das Klima Banken heißen, wäre es schon längst gerettet.“

Die Schüler/innen wehren sich gegen die politische Verlangsamung der notwendigen Interventionen. Sie fordern jetzt Entscheidungen – insbesondere den Kohleausstieg und das Ende der Braunkohleförderung. Die Botschaft des erzwungenen Unterrichtsausfall ist deutlich: Was nutzt uns Bildung, wenn sie heute von den schon Ausgebildeten nicht angewendet und damit unsere Zukunft verbaut wird? Sie lenken den Blick weg von den Standardentschuldigungen wie den Arbeitsplätzen, die erhalten werden müssen, hin zu dem, was für die Zukunft verheißt: Ausstieg der Kohleverstromung und -förderung, Ausbau der erneuerbaren Energiegewinnung, Entwicklung des ländlichen Raums unter Einschluss autonomer Energieversorgung, Mobilität auf ÖVNP- und E-Basis.

An diesem Freitag ist deutlich geworden, worum es bei den Wahlentscheidungen in diesem Jahr geht: Zukunftszerstörung durch nationalistische Abschottung, durch Leugnung des Klimawandels und Kampf gegen kulturelle Vielfalt und demokratische Freiheiten; oder Zukunftsgestaltung durch demokratische Prozesse im gesellschaftspolitischen Diskurs, um so die politischen Entscheidungsträger zu verantwortlichem Handeln zu ermutigen.

Jeder ist aufgerufen, sich nicht nur an den Wahlen zu beteiligen, sondern schon jetzt und durchaus bewusst Grenzen überschreitend an der Erneuerung politisch-demokratischer Prozesse zu beteiligen. Dass dabei jeder Einzelne aufgerufen ist, seinen persönlichen Beitrag zum Klimaschutz beizutragen und dass wir uns dabei oft genug in eigenen Widersprüchen verheddern, ist kein Grund zur Häme, sondern allenfalls Schutz vor Überheblichkeit und Ansporn, nicht nachzulassen.

Jedenfalls pochen die Schüler/innen zu Recht darauf, dass jetzt die Zeit für Entscheidungen ist.

Fridays for Future in Leipzig: „Wer nicht hüpft, der ist ein Auto“ + Video & Bildergalerie

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