Eine Stadt, die für ihre Offenheit und Herzlichkeit bekannt ist

Für alle LeserLEIPZIGER ZEITUNG/Auszug Ausgabe 74, seit 20. Dezember im HandelMein Wunsch ist, dass Menschen wieder mehr direkt miteinander in Kontakt kommen, sich helfen und unterstützen. Dass wir wieder den Kern unseres Menschseins erkennen und leben. Wir sind Beziehungswesen und bei all den Vorteilen, die eine digitale und kapitalistische Welt mit sich bringt, wirft sie auch einen großen Schatten auf uns.
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Die Menschen begegnen sich weniger. Nicht selten treten sie nur noch im Arbeitskontext oder digital miteinander in Kontakt und vereinsamen. Und niemand bekommt es mit. Wir Menschen brauchen allerdings echte Begegnungen und Gespräche. Echten Austausch. Und darum geht es. Ich wünsche mir, dass Menschen, die sich einsam und allein fühlen, erleben können, dass sie das nicht sein müssen. Dass sich Menschen gegenseitig unterstützen und sich helfen.

Vielleicht klingt dies naiv und verträumt. Doch es scheint mir die schönere, erstrebenswertere Sicht zu sein. Deswegen unterstütze ich den Nachbarschaftsverein Goase seit mittlerweile drei Jahren mit Herz, Zeit und Engagement.

Wenn ich mir die einzelnen Stadtteile in Leipzig betrachte, so ist in einigen schon sehr viel Miteinander der Menschen zu beobachten. Dort sind zahlreiche Cafés und andere Treffpunkte etabliert; dort gibt es kulturelle Veranstaltungen, bei denen Menschen sich begegnen. Schaue ich jedoch nach Zentrum Nord, ändert sich das. Hier gibt es nur wenige Orte, an denen Menschen zusammenkommen. Und das merkt man dem Stadtteil auch an. Es geht ziemlich anonym zu; jeder lebt in seiner Wohnung und kennt vielleicht nicht einmal den Nachbarn.

Das Titelblatt der letzten LZ für 2019. Leipziger Träume zum Jahresschluss. Foto: Screen LZ

Das Titelblatt der letzten LZ für 2019. Leipziger Träume zum Jahresschluss. Foto: Screen LZ

In diese Lücke schlüpft der Verein Goase (hier im Netz). Er möchte Menschen miteinander in Kontakt bringen. Hier arbeiten kreative Menschen mit Herzblut unentgeltlich zusammen. Es geht uns um die Menschen in unserer direkten Umgebung. Wir wollen Begegnungen ermöglichen. Direkt, pur und authentisch.

Das versuchen wir über verschiedenste Wege. Ich kann mich noch an die Anfänge erinnern: Eine Handvoll Leute hatte die Idee, ein Nachbarschaftsfest im Garten der Richterstraße 4/6 zu veranstalten. Dann nahm alles seinen Lauf. Auf einmal wurde eine Bar liebevoll zusammengezimmert, andere machten sich mit Blick fürs Detail an die Dekoration, ein Programm wurde entwickelt und Flyer per Hand gezeichnet.

Das erste Fest war ein voller Erfolg, denn plötzlich kamen junge und ältere Nachbarn zu uns. Viele aus Neugierde, wer wir wohl sind, was wir machen und was das Ganze überhaupt soll. So kamen wir mit den Besuchern und die Menschen untereinander in Kontakt. Und das haben wir uns bewahrt. Bei unseren Festen und Veranstaltungen wird mit Herz und Kreativität geplant und gestaltet. Immer wieder kommen neue Besucher vorbei. Das erfreut uns ungemein, denn es zeigt uns: Unser Konzept funktioniert!

Zentral dafür ist das Haus der Richterstraße 4 & 6. Ein Haus, in dem wir als Mieter den Goase e. V. gegründet haben und das wir lieben. Mit all dem, was es in sich trägt. Und das sind viele Geschichten. Dieses Jahr feierten wir den 95. Geburtstag der „alten Dame“, wie wir das Haus gern nennen. In der dazugehörigen Ausstellung namens „Rolle rückwärts“ wurde Archivmaterial durchforstet, Interviews geführt und künstlerische Arbeiten aufgearbeitet, um die Geschichte des Hauses zu erzählen.

So entstanden zum Beispiel Erzählungen über eine Gartenlaube, zu welcher drei Mietergenerationen unterschiedliche Erinnerungen hatten, bis hin zur Geschichte der gesamten Richterstraße, die ihr Antlitz häufig änderte. In Form von Audio- und Videoinstallationen wurden Interessierte durch den Garten sowie durch das Haus geführt. Die Vergangenheit erlebbar zu machen, war die Idee hinter der Veranstaltung.

Denn ohne Vergangenheit bleibt die Gegenwart bodenlos. Durch dieses Thema versuchten wir alle Menschen zu erreichen und zwar unabhängig vom Alter. Damit diese ihre Erfahrungen und Erzählungen gegenseitig austauschen können.

Wenn Begegnung gelingt, dann äußerst sich das zum Beispiel darin, dass in dem Konsum auf der gegenüberliegenden Straßenseite sich zwei Personen grüßen, die sich kürzlich bei einem Fest von uns kennengelernt haben. Die Menschen kommen aber auch ins Gespräch beim neugierigen Blick in den Tauschschrank.

Oder es wird sich vor dem Essens-Fairteiler gefragt, was das denn sein soll und wofür dieser wohl gut ist. Im besten Fall ist eine andere Person zufällig dabei und kann diese Frage beantworten und den Sinn der Nachhaltigkeit dahinter erkennen. Und natürlich berührt es ungemein, wenn wir einen Zettel im Essens-Fairteiler finden, auf dem sich eine Person dafür bedankt, dass der Fairteiler ihr aufgrund der geringen Rente in großer Not sehr geholfen hat.

Das Schöne ist, dass unser Engagement Früchte trägt und unsere Arbeit gesehen wird. Dieses Jahr haben wir den Publikumspreis des Sozialen Netzwerks für Nachbarn – nebenan.de – gewonnen. Das hat uns alle umgehauen. Dieser Preis ermutigt und motiviert uns in der Vereinsarbeit. Und wir sind dankbar für alle, die uns unterstützen. Der Goase e. V. soll weiter wachsen und wir planen schon fleißig Workshops, Veranstaltungen und anderes.

Das ist unser kleiner Beitrag für die Stadt. Klar ist er nicht riesig weltbewegend. Könnte man meinen. Und irgendwie vielleicht doch. Denn wenn Menschen wieder miteinander in Kontakt kommen und sich (wieder) begegnen, dann könnte es sein, dass sie anderen Menschen offener und freundlicher gegenübertreten.

Das wird dann wieder weitergegeben und so weiter… Und das wünsche ich der Stadt Leipzig, die ich so sehr in mein Herz geschlossen habe. Eine Stadt, die für ihre Offenheit und Herzlichkeit bekannt ist. Wir als Goase e. V. wollen unseren kleinen Beitrag hierzu leisten. Abschließend kann ich somit sagen, dass mein Wunsch im Kleinen schon in Erfüllung gegangen ist.

Zu Gast in der GOASE: Über die Geschichte eines florierenden Nachbarschaftsvereines im Nordosten Leipzigs

Die neue Leipziger Zeitung ist da: Wenn Leipziger/-innen träumen

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