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Keine Heiligtümer. Träume eines Musikstudenten

Von Johannes Worms, Bariton und derzeit Student für Klassischen Gesang an der HMT Leipzig
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    LEIPZIGER ZEITUNG/Auszug Ausgabe 74, seit 20. Dezember im HandelLeipzig ist ein Zentrum der sogenannten Hochkultur. Zahlreiche, ihr zugehörige Institutionen prägen das Bild und Image dieser Stadt. Doch die Hochkultur hat ein Problem. Sie träumt nicht genug.

    Ich studiere Klassische Musik in Leipzig. Die HMT Leipzig, das ehemalige Leipziger Konservatorium der Musik (conservo lat.: bewahren), ist eine von neun europäischen Kulturerbstätten der berühmten Musikerorte in Leipzig. Jeden Tag laufe ich durch ein altes Gebäude mit vielen Bronzeköpfen und Bildern von berühmten Männern, die einmal Musik geschrieben oder aufgeführt haben.

    Ihre Werke sind der Grund für meine Liebe zur klassischen Musik. Doch der museale Umgang mit ihnen, unsere Angewohnheit, die Musik als dekoratives Element und nicht als Diskussionsfläche und Brennpunkt zu sehen, kann gefährlich werden. Denn so vergeben wir die Chance, etwas über uns und unsere Gesellschaft herauszufinden.

    Musikstudierende und Kulturschaffende sehen sich oft unter Druck gesetzt. Ihnen wird im Studium beigebracht, wie sie in die klassische Musikwelt passen, wie sie dafür auszusehen haben, wie sie zu klingen haben, wie sie sich verhalten und präsentieren. Die Ausbildungsstätten reagieren so auf den Markt und möchten ihre Studierenden so optimal auf die äußerst schwierigen Bedingungen vorbereiten.

    Das Titelblatt der letzten LZ für 2019. Leipziger Träume zum Jahresschluss. Foto: Screen LZ
    Das Titelblatt der letzten LZ für 2019. Leipziger Träume zum Jahresschluss. Foto: Screen LZ

    Doch in diesem System gibt es ein großes Problem. Studierende messen sich an marktdefinierten Parametern und sprechen nicht mehr über unmittelbare Wirkungen und Ziele ihrer Kunst. Das Träumen wird abgeschafft. Das Schaffen der Studierenden wird heruntergebrochen auf technische Fähigkeiten und zu erreichende Anforderungen. Den Mut, auszuprobieren und Utopien zu leben, haben wenige. Unterstützt wird man dann, wenn man sich schon gut eingefügt hat in diese Welt.

    So wird keinem/keiner Studierenden Kraft und Vertrauen gegeben, die Hochkultur diskursiv zu gestalten. Statt dass wir uns auf die Suche nach Kraft und Wirken unserer Kunst begeben, kriechen wir an diesen Köpfen vorbei, wollen nirgends anecken und damit möglichst erfolgreich sein. Unsere „Heiligtümer“ und Traditionen legitimieren eine solche Herangehensweise anscheinend.

    Doch in der aktuellen Situation entgleitet uns unser Publikum. Denn Menschen berührt es nicht, wenn wir nicht mehr als unser Aussehen und unsere handwerklichen Fertigkeiten teilen. Wir können uns auf die Bühne stellen und uns auf diese Weise begutachten lassen. Doch was teilen wir dann mit dem Publikum? Der Markt aber fordert genau diese Strategie.

    Wir laufen Gefahr, abgeklärte und routinierte Musikergenerationen auszubilden. Sollte Musik bei Zuhörenden und Ausführenden nicht Räume öffnen? Unsere Gesellschaft braucht Musiker/-innen, die Lust haben, das zu tun. Die lernen, sich einzumischen. Musiker/-innen, die sich für die unmittelbaren Herausforderungen des Miteinanders interessieren und sie in ihrer Kunst verarbeiten.

    Ich will aber träumen

    Mein Leben soll sich nicht um unantastbare Heiligtümer drehen. Ich will mich nicht ducken müssen. Ich möchte Musik machen für Menschen, deren Leben und Schicksal ich verstehe. Ich möchte mich großen und kleinen Gefühlen widmen. Ich möchte mit Mut mit meinen Kommiliton/-innen eine Diskussion im Großen angehen.

    Ich möchte an das Wesen meiner Kunst gehen und sie entstehen lassen. Deshalb studiere ich Klassische Musik. Denn sie hat genau das in mir ausgelöst. Ich durfte erleben, wie Musiker/-innen Großartiges entstehen ließen, weil sie sich nicht vor den Werken duckten. Wie sie ihre Kunst befreiten. Wie sie sich angreifbar machten. Wie sie ihr Publikum an die Hand nahmen und ungeahnte Dinge auslösten.

    Ich träume von einer Ausbildung und einem Musikmarkt, die uns ermuntern, uns den Werken so zu stellen, dass wir damit Wände einreißen können. Denn so werden wir zu den Künstlern, die die Menschen an das Menschsein erinnern. Deren gesellschaftlicher Beitrag unersetzlich wird. Die mit öffentlicher Hand reichlich gefördert werden, weil es den Leuten in dieser Stadt wichtig ist, diese Kunst zu erleben.

    Die neue Leipziger Zeitung ist da: Wenn Leipziger/-innen träumen

    Hinweis der Redaktion in eigener Sache (Stand 1. November 2019): Eine steigende Zahl von Artikeln auf unserer L-IZ.de ist leider nicht mehr für alle Leser frei verfügbar. Trotz der hohen Relevanz vieler unter dem Label „Freikäufer“ erscheinender Artikel, Interviews und Betrachtungen in unserem „Leserclub“ (also durch eine Paywall geschützt) können wir diese leider nicht allen online zugänglich machen.

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