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Auszüge aus Francis Neniks „Tagebuch eines Hilflosen“ #38

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    Da ich nicht in Schriftstellerkreisen verkehre und sich weder meine Freunde noch meine Familie sonderlich für mein Geschreibsel interessieren, kommt es nur selten vor, dass ich mit irgendjemandem über dieses Tagebuch rede. Wenn es dann aber doch mal passiert und ich den Leuten aus meinem Dorf erkläre, was ich so mache, sagen die meisten nur „Oh, interessant“ – und erzählen mir dann, wie sehr Donald Trump die USA kaputt gemacht hat und wie schlimm sie das alles finden.

    Ich sage dann immer: „Ein Land kann man nicht so einfach kaputt machen.“ Und: „Das meiste ist bloß Gebrüll.“ Aber das führt nur zu Irritationen. Die Leute schauen mich dann immer an, als hätte ich etwas vollkommen Dämliches gesagt, mühen sich ein „Mhmm“ aus dem Mund und wechseln das Thema. („Sag mal, hast du schon gehört, dass in Seelingstädt ein Mähdrescher abgebrannt ist? Das ganze Feld hat in Flammen gestanden!“)

    Ich überlege dann kurz, ihnen eine wirklich spannende Geschichte über Seelingstädt zu erzählen („Im Dezember 1943 haben Euthanasie-Ärzte aus Leipzig in Seelingstädt…“), entscheide mich dann aber dagegen und teile mir letztendlich selbst mit, dass die Checks and Balances in den USA trotz Trump – oder gerade wegen ihm – eigentlich ganz gut funktionieren und sich die Gewaltenteilung trotz aller Aufweichversuche als ein einigermaßen stabiles Schutzschild erwiesen hat, das den Wahn von der Wirklichkeit trennt.

    Nehmen wir einfach mal die Sache mit dem „Transgender-Bann“. Am 26. Juli 2017 hatte Donald Trump per Twitter erklärt, dass Transmenschen künftig keinen Dienst mehr in der US-Armee leisten dürfen. Damit hatte er – zumindest seiner Meinung nach – eine Entscheidung der Obama-Regierung vom 30. Juni 2016 rückgängig gemacht, die Transmenschen den Einsatz erlaubte.

    Der Einzige, der tatsächlich etwas rückgängig machte, war allerdings der 81-jährige Bundesrichter Marvin Joseph Garbis. Nachdem eine Bürgerrechtsorganisation und diverse Angehörige der Streitkräfte gegen den „Transgender-Bann“ geklagt hatten, erklärte Garbis Trumps „Anordnung“ am 21.11.2017 für gegenstandslos und stellte bei der Gelegenheit auch gleich noch fest, dass eine Twitter-Tirade kein Mittel der Politik sei, denn: „Ein launenhafter, eigenmächtiger und unqualifizierter Tweet über eine neue politische Richtlinie ersetzt nicht den methodischen und systematischen Überprüfungsprozess durch die Anspruchsberechtigten des Militärs, die dazu qualifiziert sind, die Auswirkungen veränderter Richtlinien zu bewerten.“

    Womit dem Twüterich aus dem Weißen Haus mit einem einzigen Satz die Grenzen seines Politikstils aufgezeigt wurden, und dies umso mehr, als dass das „ersetzt nicht“ in der originalen Urteilsbegründung mit „does not trump“ wiedergegeben war – ein mehr als nur versteckter Seitenhieb auf Mr. Methodenlos, dessen einzige Systematik die Launenhaftigkeit ist.

    Was folgte, waren die üblichen juristischen Spitzfindigkeiten und rechtlichen Scharmützel, die aus lauter Einsprüchen, Widersprüchen und Aussprüchen bestanden, von denen einige durchaus auf die berühmten Checks and Balances zielten, etwa wenn die Anwälte der Beschuldigten, zu denen auch Trump gehörte, erklärten, „dass der Präsident kein geeigneter Angeklagter in diesem Verfahren ist“.

    In ihrer Argumentation beriefen sich die Anwälte auf die Gewaltenteilung und die Tatsache, dass man Trump in seiner Funktion als Präsident nicht einfach so vor Gericht bringen könne. Die Seite der Kläger war dagegen der Ansicht, „dass der Präsident kein König ist und gleichsam verklagt werden kann“.

    Kurzum: die Sache fing an, kompliziert zu werden. Fest aber stand: Transmenschen war es auch weiterhin erlaubt, sich beim Militär zu bewerben und in ihm zu dienen, und zwar sowohl in der ursprünglichen als auch in der angenommenen Geschlechtsidentität.

    Ab dem 1. Januar 2018 aber war es damit vorbei. Fortan durften Transmenschen nur noch dann Teil der Streitkräfte werden, wenn sie mindestens 18 Monate lang „eine stabile Geschlechtsidentität“ vorweisen konnten. Aber auch damit war weder die eine noch die andere Seite zufrieden, weshalb es schon bald neue Einsprüche, Gesetzesvorlagen und Twitter-Nachrichten hagelte.

    Selbst der Oberste Gerichtshof mischte sich ein und sprach sich – der konservativen Mehrheit folgend – am 22. Januar 2019 dafür aus, die Dienstmöglichkeiten von Transmenschen beim Militär einzuschränken. Die Sache wurde allerdings zur finalen Klärung zurück an die Berufungsgerichte verwiesen. Derweil trat am 12. April der sogenannte „Transgender-Bann“ in Kraft.

    Er besagt Folgendes: Transgender-Personen, die schon beim Militär sind und keine geschlechtliche Identitätsstörung („gender dysphoria“) haben, dürfen weitermachen. Wer dagegen an einer solchen „Störung“ leidet, darf ausschließlich unter seinem biologischen Geschlecht weiter beim Militär tätig sein. Wer das nicht will oder nicht kann, bekommt die „separation procedure“ zu spüren, an deren Ende der Ausschluss aus der Truppe steht.

    Wer dagegen noch gar nicht Teil der Truppe ist und sich bei der Armee einschreiben will, kann dies als Transmensch nur ohne nachweisliche Identitätsstörung tun. Liegt eine solche aber vor, so gilt der Bewerber als ungeeignet, es sei denn, ein Arzt stellt fest, dass die betreffende Person mindestens drei Jahre lang mit ihrem biologischen Geschlecht in Einklang gelebt hat. Wer dagegen bereits medizinische Transitionsschritte hin zu einer Geschlechtsanpassung eingeleitet hat, ist komplett raus.

    Trump hat den Kurswechsel damals mit militärischen Unsicherheiten begründet. Außerdem hat er die hohen Kosten ins Feld geführt, die durch Transmenschen entstünden. Dabei ist selbst die rechtskonservative RAND-Corporation 2016 in einer empirischen Studie zu dem Ergebnis gekommen, dass Transgender Personen im Militär „nur einen kleinen oder gar keinen Einfluss haben, wenn es um Fragen des Zusammenhalts einer Einheit, der militärischen Effektivität und der Kampfbereitschaft geht.“ Laut der Studie ist die genaue Zahl der Transmenschen, die sich im aktiven Militärdienst befinden, zwar nicht bekannt, dürfte aber irgendwo zwischen 1.300 und 6.600 liegen.

    Sehr wohl bekannt ist dagegen die Zahl derjenigen Militärangehörigen, die in der Vergangenheit medizinische Betreuung in Anspruch genommen haben, die direkt oder indirekt mit ihrer Transgender-Identität in Verbindung stand. Im Schnitt waren das siebzig Personen pro Jahr. Die Gesamtkosten dafür betrugen rund vier Millionen Dollar jährlich. Bei einem Militäretat von aktuell 718,7 Milliarden Dollar sind das 0,0005 %.

    Kurzum: Weder das Argument der militärischen Unsicherheit noch das der hohen Kosten war (und ist) in irgendeiner Weise stichhaltig. Selbst Trump hat das gemerkt bzw. wurde von seinen Beratern darauf aufmerksam gemacht. Jedenfalls ist er im Laufe der Zeit dazu übergegangen, seine Ablehnung von Transmenschen beim Militär mit den „großen Mengen an Medikamenten“ zu begründen, die diese Leute angeblich einnehmen. Medikamente aber, so Trump, sind beim Militär nicht erlaubt.

    Dass das US-Verteidigungsministerium Geld für Viagra und andere Potenzmittel ausgibt, scheinen ihm seine Berater verschwiegen zu haben. Im Jahr 2014, aus dem die letzte mir bekannte Statistik stammt, waren es über 84 Millionen Dollar. Das ist 21 Mal mehr als die medizinische Betreuung und Behandlung von Transmenschen die U.S.-Armee kostet. Aber wie gesagt, die Sache mit den Kosten war (und ist) kein Argument mehr. Und die militärischen Unsicherheiten werden auch nicht mehr erwähnt.

    Sonst würde nämlich klarwerden, dass nicht die Transmenschen ein Unsicherheitsfaktor sind, sondern jene Militärangehörige, die Viagra als Begleitmedikament zur Bekämpfung ihrer psychischen Probleme einnehmen. Und das sind nicht wenige. Im Jahr 2014 haben allein die im aktiven Dienst stehenden Soldaten zur Behandlung psychischer Erkrankungen über 50.000 Mal Potenzmittel verschrieben bekommen.

    Aber ich schweife ab – wie ein Mähdrescher, dem die Steuereinheit fürs GPS-Signal durchgebrannt ist. Was ich jedenfalls zu sagen versuche, ist Folgendes: Zwischen Trumps vollmundigem Ankündigungsgeschrei und seiner tatsächlichen Umsetzung liegen oft Welten. Und das betrifft längst nicht nur den „Transgender-Bann“. Das betrifft auch Dutzende andere Brüllaffen-Verdikte. Wenn man sich nur mal anschaut, was aus der dick und breit angekündigten (und leider viel zu oft auch so dick und breit rezipierten) „Verbannung“ geworden ist, dann sieht die Sache ziemlich dünne aus.

    Seit April 2019 wurde laut eines aktuellen Berichts des Pentagon bei 197 Militärangehörigen eine „geschlechtliche Identitätsstörung“ festgestellt. 185 von ihnen sind weiter im Dienst, wobei davon auszugehen ist, dass sie unter ihrem biologischen Geschlecht dienen. Die zwölf anderen wurden dem „Disability Evaluation System“ des Pentagon gemeldet, wo geprüft wird, ob die Soldaten zurück zum Dienst gehen können, aus medizinischen Gründen entlassen oder in den Ruhestand geschickt werden. Von den zwölf wurden drei von ihren Einheiten abgezogen. Zwei von ihnen haben eine Ausnahmegenehmigung beantragt, um weiter Dienst tun zu können. Eine Person hat die Ausnahmegenehmigung bereits bekommen.

    Sie kann ihren Dienst unter dem von ihr gewählten Geschlecht fortführen. Bleibt also nur eine Person, die vom „Transgender-Bann“ tatsächlich betroffen ist, wobei sich Trumps Wunsch nach einem Ausscheiden aus dem Armeedienst auch in diesem Fall (noch) nicht erfüllt hat, denn die Person ist offiziell nach wie vor im Dienst, denn nach Angaben des Pentagon ist bisher kein Transmensch aus dem Militär entlassen worden.

    An dieser Stelle könnte man sich zurücklehnen und durch die offenstehenden Fenster ein zufriedenes „Ich hab’s ja gesagt, alles nur heiße Luft!“ in die sommerliche Hitze rausrufen. Aber das hieße, die Wirkmöglichkeiten des Wahns zu unterschätzen. Denn Trump und seine Getreuen geben nicht auf. Obwohl der Oberste Gerichtshof der USA die Rechte von Transgender-Personen erst kürzlich gestärkt hat, fährt die Regierung bereits den nächsten Angriff.

    Am 24. Juli hat das Ministerium für Wohnungsbau und Stadtentwicklung eine Verordnung erlassen, die es Obdachlosenheimen, die nur Männer oder Frauen aufnehmen, unter bestimmten Umständen erlaubt, Transgender-Personen den Zutritt zu untersagen. So kann zum Beispiel ein Haus, das nur Frauen beherbergt, „Menschen, die sich selbst als Frau betrachten, aber biologisch gesehen ein Mann sind, die Übernachtung verwehren“.

    Das Bildungsministerium hatte bereits 2017 Ähnliches getan und Transmenschen die Möglichkeit genommen, selbst zu entscheiden, ob sie die Sanitäreinrichtungen von Männern oder Frauen benutzen wollen. Auch hier war es eine entsprechende Regelung aus der Obama-Zeit, die jenem allgemeinen Rollback zum Opfer fiel, den sich Trump schon im Wahlkampf auf die Fahnen geschrieben hatte und den seine Regierung seit nunmehr dreieinhalb Jahren vollzieht.

    Auch das Gesundheitsministerium macht bei der reaktionären Rückwärtsrollerei mit. So wurde im Juni dieses Jahres eine Regelung der Obama-Regierung zurückgenommen, die es Transmenschen ermöglichte, bei Arztbesuchen und Klinikaufenthalten eine andere Geschlechtsidentität als die biologische anzugeben.

    Die Betroffenen sehen darin eine Gefahr, dass die Demütigungen zunehmen und Ausgrenzung wieder zur Normalität wird. Ihre Angst vor wachsender Diskriminierung und gesellschaftlicher Ablehnung ist nicht unbegründet. Die Intensität und das Ausmaß dieser Angst aber begreift man erst, wenn man sich klarmacht, dass viele Transmenschen auch so schon mit sich und ihrer Umwelt zu kämpfen haben und selbst unter vermeintlich liberalen Regierungen vielfach auf Ablehnung stoßen und offenen Anfeindungen ausgesetzt sind.

    Die vor wenigen Tagen veröffentlichten Zahlen aus der National Survey on LGBTQ Youth Mental Health geben einen Eindruck von diesem täglichen Kampf. Basis sind Aussagen von mehr als 40.000 Betroffenen zwischen 13 und 24 Jahren. Sie zeigen, dass Transmenschen innerhalb der LGBTQ-Community besonders gefährdet sind. Mehr als die Hälfte von ihnen hat in den zurückliegenden zwölf Monaten ernsthaft über Selbstmord nachgedacht. 60 Prozent berichten von autoaggressivem Verhalten.

    Und mehr als drei Viertel weisen generalisierte Angststörungen auf. Die Angst aber ist es, die die Identität dieser Menschen kaputt macht, sie auffrisst. Ein ganzes Land mag man so nicht zerstören können. Eine Vielzahl an Menschen dagegen schon. Da braucht es nicht mal großes Gebrüll und einen militärischen Ton. Da reicht schon die lautlose Geiselhaft der Gesetze, das Verriegeln und Verregeln des Ich-Bewusstseins, das elende Entweder-Oder.

    Alle Auszüge aus dem „Tagebuch eines Hilflosen“.

    Direkt zum „Tagebuch eines Hilflosen“.

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