Gastkommentar von Christian Wolff: Bemerkungen zu Ulrich Körtners Kommentar zu den „Elf Leitsätzen“ der EKD

Für alle LeserKeine Frage: Die „Elf Leitsätze für eine aufgeschlossene Kirche“ des sog. Z-Teams der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) sind sprachlich wie inhaltlich ein Zeugnis einer horrenden Armseligkeit kirchenleitenden Handelns. Werden diese Leitsätze tatsächlich auf der EKD-Synode verhandelt oder gar verabschiedet, so käme dies einer Bankrotterklärung der evangelischen Kirche gleich.
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Doch nicht jede Kritik an den „Elf Leitsätzen“ trifft den Kern des Problems – schon gar nicht, wenn sie offensichtlich dazu beitragen will, den theologischen und gesellschaftspolitischen Diskurs weiter nach rechts zu verlagern. So verhält es sich mit den Einlassungen des Wiener Theologen Ulrich Körtner. Er ist schon lange unterwegs mit seiner Polemik gegen die „moralisierende Auslegung des Evangeliums“, gegen die Wahrnehmung des prophetischen Wächteramtes der Kirche bzw. ihre gesellschaftspolitische Positionierung.

So warf Körtner der evangelischen Kirche vor, die Flüchtlingspolitik von Angela Merkel „moralisch überhöht“ zu haben (https://www.evangelisch.de/inhalte/147250/30-11-2017/theologe-koertner-afd-mit-realpolitik-konfrontieren). Das wiederholt er in seinem Gastkommentar in „Christ & Welt“ (https://epaper.zeit.de/article/c54cf3198464e168d7ef8419fb6bfced9126271b5da91e2ad955c6939c79ceb9)

Unter der Überschrift „Gott nur als Chiffre“ bemängelt Körtner, dass in den Leitsätzen zentrale Inhalte wie Tod und Auferstehung Jesu und ihre Heilsbedeutung, Sünde und Vergebung, zerrüttete Gottesbeziehung und Gottesferne ausgeklammert werden. Er wirft den Autoren vor, die Kirche zu einer „sozialen Bewegung“ umbauen zu wollen – ganz im Sinne des „kulturprotestantische(n) Liberalismus und eine(r) linksliberale(n) politische(n) Theologie“. Da kann der Vorwurf nicht überraschen, dass die Kirche nur noch als „Hintergrundorganisation der Diakonie“ agiere.

Verdächtig an Körtners Argumentation ist allerdings, dass er die Diakonie lediglich als „Aushängeschild der Kirche“ und nicht etwa als entscheidende Lebensäußerung der Kirche und des Glaubens betrachtet. Spätestens da wird deutlich, dass Körtner wie so viele andere mit den falschen Alternativen arbeitet. Letztlich macht er dasselbe, was er vollkommen berechtigt den Autor/innen der „Elf Leitsätze“ vorwirft. Denn er reißt auseinander, was zusammengehört: Glaube und Leben, Kontemplation und Aktion; „Beten und Tun des Gerechten“ (Dietrich Bonhoeffer).

Körtner ist zuzustimmen, wenn er in den „Elf Leitsätzen“ biblische Bezüge und zentrale Glaubensaussagen vermisst. Aber daraus zu schließen, dass es den Autor/innen ausschließlich um „sozialpolitisches Handeln“ geht, ist allein schon deswegen vermessen, weil es daran im kirchlichen Alltag eher mangelt, als dass es ein Zuviel gibt. Mit anderen Worten: Mit der Alternative Glaube versus Diakonie kommt keiner weiter. Es geht um die Verbindung, die Einheit von GlaubensBildung und konkretem Handeln vor Ort. Das entspricht der prophetischen Botschaft und der Verkündigung Jesu.

Zwei Zitate für viele andere: „Nicht die Starken bedürfen des Arztes, sondern die Kranken. Geht aber hin und lernt, was das heißt (Hosea 6,6): ‚Barmherzigkeit will ich und nicht Opfer.‘ Ich bin nicht gekommen, Gerechte zu rufen, sondern Sünder.“ (Die Bibel: Matthäus 9,12.13) und natürlich das Doppelgebot der Liebe: „Das höchste Gebot ist das: ‚Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein, 30und du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deiner Kraft‘ (5. Mose 6,4-5). Das andre ist dies: ‚Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst‘ (3. Mose 19,18). Es ist kein anderes Gebot größer als diese.“ (Die Bibel: Markus 12,29-31).

Kirche kann nie genug tun für ein moralisch gebundenes Leben, für ein „ethisches Programm der Humanität“. Wer das kritisiert, muss sagen, was denn an einer human agierenden Kirche schlecht sein soll und wie denn anders Zeugnis vom auferstandenen Christus abgelegt werden kann, als gegen die Todesmächte in dieser Welt aufzustehen oder auf dem Friedhof anzusingen. Wir können doch froh und dankbar dafür sein, dass die Botschaft Jesu zutiefst moralisch, human, den einzelnen Menschen achtend und ihn in seiner Not aufbauend ist. Leider hinkt jede/r von uns diesem Anspruch hinterher.

Allerdings beinhaltet die biblische Botschaft noch sehr viel mehr: sie achtet jeden Menschen als Geschöpf Gottes; sie entlarvt ihn als fehlbares Wesen, das im Widerspruch zu Gott steht; sie stellt einen Zusammenhang zwischen Ungerechtigkeiten in der Gesellschaft und mangelndem Gottvertrauen her, sie verbindet Gottes- und Menschendienst als Einheit, sie lässt uns durch die Gute Nachricht von der Auferstehung Jesu nicht abfinden mit den realen Verhältnissen; sie entlastet uns von der tödlichen Versuchung, in einen letzten Entscheidungskampf einzutreten, indem sie die Hoffnung auf Gottes neue Welt eröffnet und uns dadurch die Grenzen der Endlichkeit anerkennen lässt.

Davon ist weder in den „Elf Leitsätzen“ noch in der Kritik von Ulrich Körtner die Rede. Daher rührt dann auch, dass weder die Leitsätze noch Körtner etwas Wesentliches beitragen können zu dem, was Kirche vor allem ausmacht: die sich vor Ort versammelnde Gemeinde und der Gottesdienst als Quelle von Gewissheit, um Glauben im Alltag zu leben.

Während die „Elf Leitsätze“ beides zur Disposition stellen, beschränkt sich Körtner auf die saloppe Bemerkung, dass in den Leitsätzen „das traditionelle Gemeinde- und Gottesdienstleben im Geiste moderner Unternehmensberatung einer Kosten-Nutzen-Rechnung unterzogen“ wird. Da kann ich nur sagen: Wenn wir uns einer solchen (selbst-)kritischen Prüfung wenigstens einmal stellen würden! Wenn wir wenigstens entschlossen darangingen, die kirchliche Kernarbeit – Gemeindeaufbau und Gottesdienst – zu qualifizieren! Wenn wir endlich unsere Alleinstellungsmarkmale wertschätzen und uns auch durch Zahlen ehrlich machen, wäre schon viel gewonnen!

Das aber entbindet niemanden von der Aufgabe, klar zu benennen, was zum Wesen der Kirche unbedingt dazu gehört: Gemeinde vor Ort zu bauen, Gottesdienst zu feiern, Glauben zu bilden und zu stärken und auf diesem Fundament sich den Menschen zuzuwenden. Mögen die Autor/innen der „Elf Leitsätze“ „Gott nur als Chiffre“ gebrauchen – es überzeugt wenig, wenn in Körtners Kommentar Gott als Chiffre für neurechtes, theologisches Denken herhalten muss.

Gastkommentar von Christian Wolff: Kirche auf gutem Grund? Eher nicht

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