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Rabbiner Zsolt Balla im Kurzinterview: Leipziger Juden und Jüdinnen wandern aus Angst vor Antisemitismus aus

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    In Leipzig-Gohlis wird eine junge Israelin von ihrer Nachbarin daran gehindert, in das gemeinsame Mietshaus einzutreten. Die Angreiferin schreit sie zunächst an, dass sie Deutschland verlassen solle und die Polizei sie deportieren wird. Im weiteren Verlauf wird sie handgreiflich, versuchte sich gewaltsam Zugang zur Wohnung der jüdischen Person zu verschaffen, klingelte ununterbrochen und rief weiter antisemitische Statements durch den Hausflur.

    Kein/e Nachbar/-in griff ein. Die Angegriffene rief zwei Mal die Polizei. Diese drohte der Nachbarin lediglich, sie bei einem erneuten Anruf mitnehmen zu müssen. Die jüdische Mieterin und ihre Mitbewohnerin haben daraufhin die Wohnung, mittlerweile sogar die Stadt verlassen und trauen sich nicht mehr zurück. Kleine, aber wichtige Anmerkung: Es waren keine Neonazis oder radikale Islamisten – es war die „ganz normale“ Nachbarin, die hier angriff. Dieser Vorfall sowie antisemitische Verschwörungstheorien und Verharmlosungen innerhalb der „Querdenken“-Bewegung, antisemitische Plakate und Parolen auf Pro-Palästina-Kundgebungen, gewaltsame Angriffe auf Juden, Jüdinnen und Synagogen zeigen, wie tief verwurzelt Antisemitismus hierzulande ist und wie alltäglich jüdische Mitbürger/-innen damit konfrontiert werden.

    Gleichzeitig zeigen der Brandanschlag auf die Wuppertaler Synagoge 2014 und ähnliche von Gerichten als „Israelkritik“ und nicht als antisemitische Tat ausgelegte Fälle, dass Antisemitismus auch von Behörden teilweise nicht ernst genommen wird.

    Mit was sich die jüdische Gemeinde in Leipzig, aber auch in ganz Deutschland konfrontiert sieht, erklärt der Rabbiner Zsolt Balla der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig (IRG Leipzig) im Kurzinterview mit der Leipziger Zeitung (LZ).

    Wie betrachten Sie und Ihre Gemeinde die „Querdenken“-Bewegung?

    „Mit großer Sorge. Diese Bewegung enthält viel Sprengkraft, weil hier viel zusammenkommt an rechtsextremen und antisemitischen Verschwörungstheorien, die sich schnell zu einem Brandbeschleuniger entwickeln können und den gesellschaftlichen Zusammenhalt in unserem Land gefährden.

    Besonders betrifft uns, dass einige in dieser kruden Bewegung sich sogar bei Demonstrationen einen Judenstern anheften und sich mit Verfolgten des Nazi-Regimes vergleichen. Diese Vergleiche sind völlig geschichtsvergessen und abscheulich gegenüber allen Opfern dieser barbarischen Nazi-Dikatur, aber vor allem gegenüber den noch Überlebenden der Shoa.

    Ich frage mich: Warum wird das zugelassen? Warum schauen Behörden und Polizei nur so zaghaft zu und entziehen diesen zerstörerischen Kräften nicht den Nährboden?“

    Was machen die derzeit häufig vernehmbare antisemitische Rhetorik und antisemitischen Angriffe mit Ihrer Gemeinde? Welche Gefühle, Gedanken, Sorgen und Ängste haben Sie und die Jüdinnen und Juden Leipzigs?

    „Leider haben judenfeindliche Verschwörungstheorien seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie Hochkonjunktur. Der Jahrtausend Jahre alte Hass auf Juden ist auch im 21. Jahrhundert immer noch unerträglich präsent. Das spüren unseren Gemeinden und Mitglieder ganz klar und in dieser Situation fühlen wir uns zunehmend unsicher.

    Gerade in dem aktuellen Festjahr 1700 Jahre Jüdisches Leben in Deutschland macht uns das traurig, denn bei allen Höhen und Tiefen in der Geschichte – schon so lange sind wir ein fester Bestandteil dieses Landes. Die Frage des Gehen oder Bleibens, also Deutschland zu verlassen oder hier zu bleiben, ist bei einigen Gemeindemitgliedern ein Thema geworden. Das sollte uns alle beschämen, dass es so weit gekommen ist.“

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