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Leipzigs Gerechte unter den Völkern: Die Gedenkstätte Yad Vashem erinnert an Widerstandskämpfer gegen den NS

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    Die Gedenkstätte Yad Vashem steht auf einem felsigen Hügel. Der „Berg der Erinnerung“ beherbergt das Zentrum des Gedenkens an die Opfer des nationalsozialistischen Versuches, die jüdische Bevölkerung vollständig auszulöschen. Gleichwohl wird an das Misslingen dieses Planes gedacht, denn die „Endlösung“, wie es die Nazis euphemistisch betitelten, war keine.

    Einigen wenigen gelang die Flucht, gelang es, sich zu verstecken, unterzutauchen, in den Weltkriegswirren von den Todeslisten zu verschwinden. Vielen wäre diese Flucht nicht gelungen, hätten sie nicht Hilfe gehabt.In Yad Vashem wird auch dieser Menschen gedacht – den „Gerechten unter den Völkern“. Damit sind jene gemeint, die dem moralischen und juristischen Zivilisationsbruch der Nazis unter Gefahr für Leib und Leben entgegengetreten sind. Ihre Motive waren verschiedentlich, doch half ihr Handeln Jüdinnen und Juden, sich der Vernichtungsmaschinerie zu entziehen.

    Der Pater des Dominikanerordens in Leipzig-Wahren, Aurelius Arkenau. Foto: Yad Vashem
    Der Pater des Dominikanerordens in Leipzig-Wahren, Aurelius Arkenau. Foto: Yad Vashem

    In einer Zeit, in der das faschistische Regime übermächtig wirkte und jeden Widerstand unter härteste Strafe stellte. Sieben dieser Menschen wirkten in Leipzig.

    Der Pater des Dominikanerordens in Leipzig-Wahren, Aurelius Arkenau, wurde 1998 zum „Gerechten“ ernannt, doch war er – konservativer Christ – nach der Machtübernahme der Nazis zunächst fasziniert von der Idee einer „nationalen Wiedergeburt“. Als er 1934 in Berlin tätig war, änderte sich seine Einstellung, da auf den Straßen bereits die Auswirkungen der faschistischen Rassenpolitik sichtbar wurden. Die Entscheidung, nicht mehr nur tatenlos dabeizustehen, fiel letztlich auf dem Bahnhof von Magdeburg. Dort wurde er beim Umsteigen Zeuge, wie Menschen zur Deportation „wie ein gemeines Stück Vieh“ abgefertigt wurden.

    Ein weiterer Beleg dafür, dass es für normale Deutsche möglich war, zu begreifen, was es bedeutete, nach „Osten“ geschickt zu werden. Wer wissen wollte, der konnte es wissen. Und Arkenau konnte sich dieser Erkenntnis nicht weiter versperren. Zudem dämmerte ihm, wohl nicht zu Unrecht, dass wenn „einmal das letzte Wort gesprochen ist gegen die Juden, dann kommen wir dran, wir Christen“.

    Er begann, den Verfolgten zu helfen: Er organisierte Verstecke im Kloster und im Pfarrhaus für Dutzende Jüdinnen und Juden, Kommunisten, Fahnenflüchtige und Zwangsarbeiter, vermittelte falsche Pässe, medizinische Hilfe und Lebensmittel. Dass er, unzählige Male von der Gestapo verhört, bis zum Schluss um das KZ herumgekommen ist, sei laut Arkenau nur durch die „Dummheit der Gesprächspartner“ zu begründen und seine (recht unchristliche) Fähigkeit, der bessere Lügner zu sein.

    Die Fokussierung durch Ehrung einzelner Personen mit dem Titel der „Gerechten unter den Völkern“ verleitet dazu, die Impulsgebenden als allein Handelnde zu betrachten. Doch dies war oftmals nicht der Fall. Der Fall der Familie Leopold zeigt, dass oft eine Vielzahl an Menschen an der Hilfe beteiligt waren. Albert und Hilda Leopold gingen 1942 mit ihrer Tochter Anneliese in den Untergrund, um der kurz bevorstehenden Deportation zu entfliehen.

    Insgesamt waren zwölf Personen an der geheimen Unterbringung in verschiedenen Leipziger Wohnungen beteiligt. Der Dozent in der Leipziger Jüdischen Gemeinde und Sozialist Albert Leopold fand Unterschlupf bei befreundeten Antifaschisten, darunter zunächst der Lehrer und fromme Katholik Georg Jünemann.

    Walter und Hilda Leopold mit ihrer Tochter Anneliese Yosafat, die von Georg Jünemann und Josephine Hünerfeld gerettet wurden. Foto: Yad Vashem
    Walter und Hilda Leopold mit ihrer Tochter Anneliese Yosafat, die von Georg Jünemann und Josephine Hünerfeld gerettet wurden. Foto: Yad Vashem

    Die Gestapo betrieb in diesen Tagen intensive Hausdurchsuchungen und fahndete nach Untergetauchten, die versuchten, sich der Deportation zu entziehen. Die Wohnung von Georg Jünemann und seiner Tochter Josephine Hünerfeld wurde sogar einmal von der Gestapo durchsucht, jedoch konnte die Familie Leopold einer Entdeckung entgehen. Die kleine Tochter der Leopolds versteckte sich unter einem Bett, doch die Durchsuchung verlief glücklicherweise ohne sonderliche Gründlichkeit.

    Im Juni 1943 wurde die Familie vom Ehepaar Erich und Ilse Lauche aufgenommen, vermittelt über einen Geschäftsfreund Erich Lauches, und mit Lebensmitteln versorgt, indem sie ihre eigenen Rationen mit der Familie teilten. Als am 4. Dezember 1943 die schwersten Luftangriffe der Alliierten auf Leipzig erfolgten, wurde das Wohnhaus zerstört und die Familie Leopold konnte sich mit der Begründung, alle Ausweisdokumente seien verbrannt, eine neue Identität bei den Behörden beschaffen. Sie reisten daraufhin in die Alpen, wo Albert Leopold eine Anstellung als Verwaltungsbeamter erlangte und die Familie der Verfolgung durch die Nazis entgehen konnte.

    Erst nach Kriegsende wurden die Leopolds wieder Opfer von antisemitischen Anfeindungen, als ihre jüdische Identität bekannt wurde. Doch sie hatten den Krieg und die Verfolgung überlebt. Erich und Ilse Lauche sowie Josephine Hünerfeld und ihr Vater Georg Jünemann wurden 2005 zu Gerechten unter den Völkern ernannt.

    Der zuletzt ernannte Gerechte aus Leipzig (in 2013), war der Protestant Theodor Kranz, der als Ehemann einer Jüdin bereits genug Gründe hatte, die Nazis für ihre Politik zu verachten. Er versteckte zusammen mit seiner Frau Beate die Familie Frankenstein in ihrer Wohnung. In diesem Fall spielten familiäre Verbindungen eine zentrale Rolle, denn Beate Kranz war die Mutter von Leonie Frankenstein, die zusammen mit Mann und Kind aus Berlin nach Leipzig geflüchtet war, um im Februar 1943 den Verhaftungen der letzten in Berlin verbliebenen jüdischen Bevölkerung zu entgehen.

    Theodor und Beate Kranz im Jahr 1941. Foto: Yad Vashem
    Theodor und Beate Kranz im Jahr 1941. Foto: Yad Vashem

    Die Frankensteins überlebten den Krieg in Verstecken in Leipzig und Berlin (auch hier halfen „Gerechte“ bei der Unterbringung). Beate Kranz hingegen wurde im August 1943 festgenommen, weil sie den für Jüdinnen verpflichtend im Ausweis zu führenden Vornamen „Sara“ nicht vermerkt hatte. Sie wurde deportiert und in Auschwitz ermordet.

    Jener Helfer in Leipzig, der den Tag der Befreiung nicht mehr erleben sollte, war Hans von Dohnanyi. Er ist gleichwohl die ambivalenteste Persönlichkeit unter den Leipziger Gerechten: Ab Mai 1933 war er, als exzellenter Jurist, ins Reichsjustizministerium berufen worden und stieg schnell zum Büroleiter des Ministers auf. Jedoch war Dohnanyi mitnichten ein karrieristischer Mitläufer. Nicht nur legte er bereits ab 1934 eine „Skandalchronik“ zur späteren Verwendung in Prozessen gegen die Nazis an, sondern er verhalf auch 14 Personen zur Flucht in die Schweiz.

    Dazu nutzte er seine Kontakte zum Widerstand innerhalb des militärischen Geheimdienstes der Wehrmacht. Er tarnte die jüdischen Flüchtlinge als „Agenten“, die vorgeblich in Südamerika für den Dienst arbeiten sollten, versorgte sie mit 100.000 Dollar aus der Staatskasse und verschaffte ihnen Zuflucht in der Schweiz. Im Zuge des Hitlerattentats 1944 wurde er festgenommen und in den letzten Tagen des Krieges im KZ Sachsenhausen von der SS hingerichtet. Die 14 Geretteten überlebten den Krieg.

    Die Bandbreite der Persönlichkeiten – Lehrer, Priester, Barbiere, hohe Ministerialbeamte – zeigt, dass Widerstand gegen den totalitären Nationalsozialismus nicht nur durch verschiedenste Motive und Anlässe getätigt wurde, sondern auch unabhängig von Stand und Position möglich war. In einem Meer aus Mitläufern, glühenden Anhängern und Gleichgültigen haben die „Gerechten unter den Völkern“ Beispiele geliefert, dass ein Handeln gegen den Nationalsozialismus möglich war. Zweifelsohne waren die Möglichkeiten, der Vernichtung Einhalt zu gebieten, enorm begrenzt.

    Die insgesamt 638 „gerechten“ Deutschen mögen im Vergleich mit all den Toten, die das Terrorregime produziert hat, quantitativ nur eine Marginalie sein. Doch strahlt ihr Mut und ihre Bereitschaft, letztlich selbst Opfer der Nazis zu werden, weit über die bloße Aufrechnung der Geretteten hinaus. Im Talmud heißt es: „Wer ein Leben zerstört, zerstört eine ganze Welt, und wer ein Leben rettet, rettet die ganze Welt.“ Die Taten der Gerechten beweisen es.

    „Ein Blick in die Programme von CDU, Linke, SPD, Grüne und FDP“ erschien erstmals am 28. Mai 2021 in der aktuellen Printausgabe der LEIPZIGER ZEITUNG.

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