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Virus und Mensch: Wer gewinnt?

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    Bakterien sind böse und Viren erst recht, so eine allgemeine Meinung. Aber ohne diese Mikroorganismen könnten wir Menschen gar nicht leben. Sie sind es, die in ihrer ganzen Vielfalt für unsere Gesundheit und unser Wohlergehen sorgen, ganz im Stillen und Unsichtbaren, sei es auf der Haut oder im Darm oder draußen in der Natur. Sie verdauen unsere Nahrung, zersetzen die vergilbten Blätter und halten den natürlichen Stoffkreislauf in Schwung. Mikroben, dazu zählen vor allem Bakterien, Viren und Pilze, sollten somit unserer besten Freude sein.

    Eben diese kleinen Helfer sorgen auch für die Balance in der Natur, für eine dynamische Ausgewogenheit und damit für Vielfalt. Sie sind es, die ausufernde Massenvermehrungen einzelner Tier- oder Pflanzenarten bremsen können. Das Myxomatose-Virus bei Kaninchen wäre so ein Fall.

    Ganz ähnlich gehen Mikroorganismen mit den vom Menschen geschaffenen Monokulturen in Wäldern, auf Feldern und in Ställen um. Das Baumsterben, der Weizenrost, die Schweine- und Geflügelpest sind nur einige Beispiele, wie Mikroorganismen regulierend eingreifen und den Zusammenbruch einförmiger Ökosysteme auslösen können und einen Neuanfang in ökologischer Vielfalt ermöglichen.

    Vergleicht man die Biomasse zwischen den Wildtieren einerseits und den Haus- und Nutztieren andererseits und schließt den Menschen ein, dann stellt man auch eine Art Monokultur fest:

    Nur noch 3 Prozent entfallen auf Wildarten, 97 Prozent nehmen den Rest ein. Nach dieser Ökobilanz hat sich der Mensch mit seinen Nutztieren überproportional auf unserem Planeten ausgebreitet und die artenreiche Natur in letzte kleine Nischen verbannt. Die menschliche Kultur hat sich somit in eine Mikroben-Falle manövriert: je höher die Dichte der Wirte, umso leichter die Übertragung und Ausbreitung der Gegenspieler, der Mikroben.

    Das Kernproblem ist eine auf Maximalerträge ausgerichtete Agrarindustrie. Sie vernichtet durch die Anlage von Monokulturen weltweit Naturräume mit ihrer eigenen biologischen Vielfalt und züchtet quasi die Schaderreger.

    Seit einigen Jahrzehnten wird versucht, sie mit Giften in Schach zu halten. So haben wir uns daran gewöhnt, dass unsere billige Nahrung mit dem permanenten Einsatz von Giften erzeugt wird, so, als sei es das normalste der Welt. In der massenhaften Schweine- und Geflügelzucht werden Antibiotika gegen bakterielle Krankheitserreger eingesetzt, damit die Tiere nicht dahinsiechen.

    Doch die Natur gibt sich nicht vollends geschlagen. Sowohl auf dem Acker als auch im Stall wehrt sie sich gegen den Gifteinsatz, sie reagiert mit Anpassung, mit Resistenzen. Es gibt zunehmend Insekten und Mikroben, die sich unseren chemischen Waffen widersetzen.

    Neuartige Gifte werden entwickelt und eingesetzt. Es ist ein ewiger Wettlauf mit den „Schädlingen“ und die Nebenwirkungen auf unsere Umwelt und Gesundheit werden immer offensichtlicher: Schadstoffe in Boden, Wasser, Luft und Nahrung bis hin zur Muttermilch.

    Ein überaus häufiges „Tier“ auf unserem Planeten ist der Mensch, ein besonders attraktiver Wirt für Mikroben. Menschen sind nicht nur zahlreich, sondern auch mobil wie keine andere Art auf der Erde. Das macht es bestimmten Viren und Bakterien leicht, sich massenhaft zu vermehren. Ein Virus kann innerhalb von 24 Stunden auf allen Erdteilen Fuß fassen und sich einnisten.

    Wenn dazu auch noch die natürlichen Abwehrkräfte im menschlichen Organismus nachlassen, sei es durch Armut, durch einen falschen Lebensstil, durch schlechte Ernährung oder durch Schadstoffe in der Umwelt, dann ist für die unsichtbaren Akteure Partyzeit angebrochen. Kontakteinschränkung und Impfen sind dann angesagt. Das ist vernünftig. Doch die Mikroben sind einfallsreich, sie können unendlich viele Mutanten und Varianten herausbilden, die den Schutz unterlaufen.

    Je weiter der Mensch in Naturräume vordringt, sie zerstört oder Tiere industriell ausbeutet, umso größer ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass völlig neuartige Erreger vom Tier auf den Menschen überspringen, gegen die der menschliche Organismus erst einmal wehrlos ist. Das passiert, rückblickend betrachtet, in immer engeren Zeitabständen.

    Darunter befinden sich die Erreger von AIDS, Zika, Ebola, Rinderwahn, SARS und MERS.  Das jüngste Beispiel ist das Coronavirus, dessen natürliche Wirte höhlenbewohnende Fledermäuse sind. Die ausgelöste Corona-Pandemie kann nur gestoppt werden, wenn sich alle potenziellen Wirte, mehr als 7 Milliarden Menschen, gleichzeitig sehr gut gegen Infektionen schützen und keine Infektionen mehr stattfinden.

    Wir Menschen glaubten lange Zeit, die Natur sei ein grenzenloser Selbstbedienungsladen ohne Kasse. Wir haben uns geirrt. Wir können nicht dauerhaft gegen die Natur wirtschaften, sie endlos ausbeuten, um immer mehr zu konsumieren. Wildtiere wie Wölfe, Bären und Tiger könnte der Mensch gänzlich ausrotten, Viren und Bakterien nicht.

    Wir müssen Natur neu lernen und Demut üben. Naturgesetze sind nicht verhandelbar. Natur verlangt Artenvielfalt und Ausgewogenheit. Wenn wir dagegen verstoßen, übernehmen Viren und Bakterien die Kontrolle. Sie sind die Polizei, die über die Einhaltung der ungeschriebenen Gesetze wacht.

    Was uns bleibt, ist kluge Vorsorge: Neuartige, gefährliche Viren müssen an der Quelle gestoppt werden, wenn sie im Umlauf sind, ist es zu spät: Achtsamer mit der Natur umgehen, Raubbau und Überkonsum beenden und ökologische Vielfalt zulassen.

    Wie bei der Klimakrise werden bei Pandemien vor allem die Schwachen in der Gesellschaft in Mitleidenschaft gezogen, jene Menschen also, die am wenigsten konsumieren und die Krisen am wenigsten verursachen.

    Gefragt ist solidarisches Verhalten, Abbau der Ungleichheit, mehr Gerechtigkeit. Gesucht wird das verträgliche Maß, das Gesundheit für die Natur und für uns selbst verspricht und die planetaren Grenzen nachhaltig respektiert. Jeder Mensch hierzulande kann seinen Beitrag leisten. Jetzt ist die Gelegenheit zum Handeln, jetzt.

    Herrn Prof. Dr. med. Gernot Geginat vom Universitätsklinikum Magdeburg danke ich für seine Unterstützung.

    ***

    Der Autor: Ernst Paul Dörfler, geboren 1950 in Kemberg bei Lutherstadt Wittenberg, ist promovierter Ökochemiker, Autor und Publizist. Sein Buch „Zurück zur Natur?“ (1986) wurde zum Kultbuch der ostdeutschen Umweltbewegung. 1989 gehörte er zu den Gründungsmitgliedern der Grünen Partei in der DDR, anschließend wurde er Abgeordneter der Volkskammer und des Bundestages.

    Er wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, darunter mit dem EURONATUR-Preis der Stiftung Europäisches Naturerbe. 2021 erschien im Hanser-Verlag München sein Buch „Aufs Land. Wege aus Klimakrise, Monokultur und Konsumzwang“.

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