Göttingen hat es vorgemacht: Seit Anfang Mai dürfen in den städtischen Schwimmbädern alle Menschen oben ohne baden. Der Göttinger Sportausschuss fasste diesen Beschluss, nachdem es im August 2021 zu einem Vorfall gekommen war. Nachdem eine 30-jährige nicht-binäre Person oberkörperfrei schwimmen gewesen war, wurde diese von den Bademeistern eines Schwimmbads verwiesen. Gemeinsam mit der Bewegung „Gleiche Brust für alle“ ging die betroffene Person gegen diese Handlungsweise vor.

Die neue Regelung in Göttingen gilt derzeit zwar nur am Wochenende und testweise bis August, doch der Leiter der Göttinger Schwimmbäder, Andreas Grube, erklärte im „Spiegel“-Interview, dass das Testmodell wohl weitergeführt und eventuell auch um weitere Tage erweitert wird.

Wie die Situation in Leipzig derzeit ist, erfuhr die Leipziger Zeitung (LZ) von Katja Gläß, Pressesprecherin der Leipziger Wasserwerke und Sportbäder: „Das Thema ‚Oben ohne im Schwimmbad‘ wird von den Besuchern gegenüber den Leipziger Sportbädern aktuell nicht aufgeworfen.“

Es gebe weder Beschwerden zum aktuellen Umgang, noch Anfragen von Badegästen nach einer grundsätzlichen Oben-Ohne-Regel. Daher plane man auch keine Änderungen bei den Baderegeln. Wie in den meisten deutschen Städten heißt es in der Haus- und Badeordnung der Leipziger Bäder, dass man „geeignete Kleidung“ tragen soll. Auf welche Art und Weise diese Regel ausgelegt wird, bleibt den Bademeistern überlassen.

Auch die demokratischen Stadtratsfraktionen zeigen sich laut einer LZ-Umfrage zufrieden mit der derzeitigen Situation. Weder den Leipziger Grünen, der Linksfraktion noch der CDU oder SPD sind Vorfälle bekannt, in denen FLINTA*-Personen das Oben-ohne-Baden verboten wurde.

Das LZ Titelblatt vom Monat Juli 2022. VÖ. 29.07.2022. Foto: LZ

Alle stehen hinter der aktuellen Auslegung der Badeordnung. „Eine Person deshalb aus dem Schwimmbad zu schmeißen, halte ich in unserer aufgeklärten Zeit für vollkommen übertrieben“, äußert sich beispielsweise Jens Lehmann (CDU) zur Thematik.

Bei einem Vorfall wie in Göttingen würden sich laut eigener Aussage alle Fraktionen dafür starkmachen, die Leipziger Regeln im Sinne von „Gleiche Brust für alle“ zu konkretisieren.

Die nordrhein-westfälische Stadt Siegen wollte es gar nicht erst so weit kommen lassen. Denn wie der Vorfall in Göttingen zeigte, konnte die Situation nicht schnell und einvernehmlich aufgearbeitet werden.

Zunächst hatte der Göttinger Geschäftsführer das Verhalten der Bademeister verteidigt: Es sei zum Schutz „vor sexuell motivierten Verhaltensweisen und Blicken des anderen Geschlechts“.

Im Gespräch mit der „taz“ hatte die betroffene Person darauf hingewiesen, dass dies der Logik folge, Vergewaltigungsopfern die Schuld zu geben, weil sie sich „falsch“ gekleidet hätten.

Deshalb machte die Stadt Siegen Mitte Juni den Weg zum Oben-ohne-Schwimmen für FLINTA* in allen Bädern frei. In der bisherigen Badeordnung hieß es dort, dass am Schwimmbecken übliche Kleidung getragen werden muss. Neu hinzu kam der Absatz, dass diese Badekleidung lediglich die primären Geschlechtsmerkmale vollständig bedecken muss.

Dem „Kölner Stadt-Anzeiger“ sagte Jakob Kamann, Volt-Fraktionsgeschäftsführer in Siegen: „Mit der Änderung der Badeordnung ist es auch im Falle eines Streits klar geregelt.“ So wolle man FLINTA*-Personen Sicherheit geben. Außerdem sei dies auch ein weiterer Schritt zur Geschlechtergerechtigkeit und der Entsexualisierung des weiblichen Körpers. Dass der Leipziger Stadtrat auch diesen präventiven Weg wählt, scheint nach den Antworten auf die LZ-Anfrage unwahrscheinlich.

„Oben ohne im Schwimmbad: Leipzig könnte dem Göttinger Vorbild folgen“ erschien erstmals am 29. Juli 2022 in der aktuellen Printausgabe der Leipziger Zeitung (LZ). Unsere Nummer 104 der LZ finden Sie neben Großmärkten und Presseshops unter anderem bei diesen Szenehändlern.

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