Interview mit Robert Venus (Sächsischer Sportlehrerverband): Die Folgen des Bewegungsmangels sind für unsere Kinder gravierend

Für FreikäuferLEIPZIGER ZEITUNG/Auszug Ausgabe 73, seit 29. November im HandelEine aktuelle Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat den Finger erneut in die Wunde gelegt. Deutsche Kinder und Jugendliche bewegen sich viel zu wenig. Die übergroße Mehrheit kommt nicht mal auf eine Stunde körperliche Aktivität pro Tag. Die Folgen werden in den kommenden Jahren gravierend sein, meint der Sächsische Sportlehrerverband und fordert endlich ein Umdenken. Der 34-Jährige Robert Venus, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit des Verbands und selbst an der Leipziger Werner-Heisenberg-Schule als Sportlehrer im direkten Kontakt mit der Zielgruppe, weiß woran es liegt und welche Dinge verändert werden sollten. Die Politik ist gefragt.

Herr Venus, aus einer aktuellen Studie der Weltgesundheitsorganisation, WHO, geht hervor, dass sich 87 Prozent der Mädchen und fast 80 Prozent der Jungen in Deutschland täglich nicht ausreichend bewegen. Woher kommt das aus Ihrer Sicht?

Vorweg sollte erwähnt werden, dass die Gründe für den Bewegungsmangel der Kinder und Jugendlichen in der aktuellen WHO-Studie nicht untersucht wurden. In Verbindung mit anderen Studien, wie zum Beispiel der KiGGS, der Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland-, der JIM-Studie, Jugend, Information, Medien, oder der Shell-Jugendstudie lassen sich jedoch verifizierte Ergebnisse herauslesen, welche ein gewisses Grundgefühl sowie persönliche Beobachtungen im Schulalltag als auch in der Freizeit bestätigen.

Die Autoren der WHO-Studie äußern natürlich ebenso ihre Vermutungen wie zum Beispiel Leanne Riley, die in der digitalen Revolution Ursachen sieht, dass sich das Bewegungsverhalten der Jugendlichen immer mehr hin zu einem bewegungsärmeren Alltag verändert. Und schaut man auf die Pausenhöfe, Gänge, Zimmer und Mensen unserer Schulen so sieht man in den Pausen zunehmend ein immer wiederkehrendes Bild – Schüler/-innen, die kognitiv anspruchsvolle Spiele im Sitzen auf dem Smartphone spielen, anstatt sich zu bewegen oder aktiv zu erholen und Schüler/-innen, die sich lieber Textnachrichten schreiben anstatt sich real miteinander zu unterhalten.

Auch die aktuelle JIM-Studie oder auch die SHELL-Jugendstudie verzeichnen in ihren Ergebnissen im Bereich Freizeit einen Rückgang von sportlichen Aktivitäten, während der Konsum von digitalen Medien immer mehr steigt und Jugendliche heute im Durchschnitt schon über zwei Stunden am Tag alleine für Spiele am Smartphone verbringen – mit dem Hinweis, dass es am Wochenende noch mehr ist. Alarmierende Ergebnisse von allen Seiten und doch passiert nichts.

Die Ergebnisse in diversen Studien werden seit Jahren schlechter…

Das ist ja auch der Grund, weshalb – neben den reinen Zahlen – Studien wie diese jedes Jahr auf ein Neues fordern, diesem wachsenden Problem entschiedener entgegenzutreten und tatsächlich zu handeln. Sich immer wieder über die schlechten Zahlen zu empören kann ja allein nicht die Lösung sein. Die Autoren der WHO-Studie sagen nicht umsonst, dass wir andernfalls vor einer düsteren Zukunft stehen, was die Gesundheit unserer Kinder und Jugendlichen betrifft.

Vor allem verwächst sich das Problem nicht einfach im Erwachsenenalter. Die bis dahin erlernten Freizeit- und Handlungsmuster sind dann manifestiert und noch schwerer zu beeinflussen. Dass das Gesundheitswesen und vor allem die Krankenkassen da bisher so ruhig bleiben und gefühlt keinen sonderlich großen Druck auf die Politik machen ist daher umso bemerkenswerter.

Ein präventiver Ansatz würde hier mit deutlich geringeren finanziellen Mittel umzusetzen sein als das anschließende Therapieren von Haltungsschäden, die Folgekosten von bereits diagnostizierten Krankheiten oder die weiter steigenden Ausfall- und Krankentage aufgrund einer geringeren Belastungsfähigkeit.

Neben der WHO-Studie lieferte auch die aktuelle KiGGS-Studie interessante Erkenntnisse zur Bewegung der Kinder und Jugendlichen in Deutschland…

Das stimmt. Die aktuelle KiGGS-Studie hat beispielweise herausgefunden, dass das elterliche Sporttreiben und eine bewegungsfreundliche Umgebung in einem positiven Zusammenhang mit dem Sporttreiben der Kinder und Jugendlichen stehen. Da stellen sich natürlich sofort einige Fragen, wie viele Erwachsene sind in Deutschland sportlich regelmäßig so aktiv, dass sie damit positiven Einfluss auf ihre Kinder nehmen?

Werde oder bleibe ich als Erwachsener auch dann sportlich aktiv und kann damit positiv auf meine Kinder einwirken, auch wenn ich in meiner eigenen Kindheit und Jugend keine oder kaum Bewegungsanreize bekommen habe, wie es der Schulsport mit mehr Sportstunden ja sofort leisten könnte?

Und dabei will ich darauf hinaus, dass diejenigen, die jetzt Kinder und Jugendliche sind und einerseits von staatlicher Seite durch Kürzungen im Schulsport – der ja als einziger alle erreicht – weniger Bewegungsanreize erfahren und vielleicht zusätzlich schon jetzt keine sportlichen Vorbilder in ihren Eltern finden, wie es dann mit dieser Generation weitergeht, wenn sie selbst einmal Kinder haben? Der Mensch ist einfach nicht dafür gemacht, mehr und mehr sitzende Tätigkeiten zu verrichten und sich immer weniger zu bewegen.

Da wir es trotzdem tun, handeln wir wider besseren Wissens vom gesunden Menschenverstand, von Expertenmeinungen aus Sport und Medizin und den das alles immer wieder bestätigenden Studien dieser Zeit. So auch die KIGGS-Studie, die nach Schätzungen der Global Burden of Disease Study 2016 beschreibt, dass unzureichende körperliche Aktivität in Deutschland 12,3 Prozent der Todesfälle durch koronare Herzkrankheit, 7,6 Prozent durch Schlaganfall, 3,1 Prozent durch Diabetes mellitus, 3,4 Prozent durch Darmkrebs und 1,8 Prozent durch Brustkrebs verursacht.

Das Titelblatt der LZ 73, Ausgabe November 2019. Foto: Screen LZ

Das Titelblatt der LZ 73, Ausgabe November 2019. Foto: Screen LZ

Ferner ein Zusammenhang zwischen der Teilnahme am Schulsport und körperlicher Aktivität in der Freizeit und einem geringeren Risiko für psychische Erkrankungen besteht. Und die Förderung körperlich-sportlicher Aktivität im Kindes- und Jugendalter als Prävention von Adipositas und der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung, zu einer gesunden Entwicklung sowie einer besseren kognitiven und schulischen Leistung und einem gesteigerten Bewegungsverhalten im Erwachsenenalten beitragen kann.

Wer vor Argumenten und Ergebnissen wie diesen die Augen verschließt, der ist einfach nicht gewillt etwas zu verändern. Und nochmal, das Problem ist nicht neu, schaut man wiederum auf die nackten Zahlen der ersten KiGGS Erhebung zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland 2009-2012, so erreichten schon da 74,6 Prozent der Mädchen und 70,6 Prozent der Jungen im Alter von 3 bis 17 Jahren die empfohlene tägliche Bewegungszeit der WHO nicht. Und jetzt im Jahr 2019 sind die Zahlen schon wieder 10 bis 13 Prozent schlechter geworden.

Und wie schneidet Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern in der WHO-Studie ab?

Im Ergebnis liegt Deutschland hier aktuell im Jahr 2019 mit 87,9 Prozent der Mädchen und 79,7 Prozent der Jungen im Vergleich zum Durchschnitt aller in der WHO-Studie erfassten Industriestaaten mit 84,6 Prozent Mädchen und 72,1 Prozent Jungen zwar nicht völlig abgeschlagen, was für ein generelles Problem weltweit spricht, aber deswegen kann man sich damit ja nicht einfach nach dem Motto: „den anderen Ländern geht es auch nicht besser“ zufriedengeben und weiter nur zusehen, wie die Zahlen weiter steigen.

Zumal beispielsweise im direkten Vergleich mit der vermeintlichen Fastfood-Nation, den Vereinigten Staaten – 80,5 Prozent Mädchen und 64 Prozent Jungen – Deutschland noch schlechter wegkommt.

Wenn man in einem so hohen Maß die Empfehlungen der WHO verfehlt wird deutlich, wie viel ungenutztes Potenzial wir noch ausschöpfen können und müssen, um wieder mehr Bewegungszeit in den Alltag der Kinder und Jugendlichen zu bringen – mit all den positiven Aspekten, die schon so oft postuliert wurden. Der Sportunterricht kann hier eine entscheidende Schlüsselrolle einnehmen, wenn es auch politisch gewollt wird.

Was bedeutet denn ausreichende Bewegung und was können Sie empfehlen – abgesehen vom Sportunterricht?

Wenn wir zunächst bei der WHO-Studie bleiben, dann ist nach WHO-Standards mit ausreichender Bewegung per Definition gemeint, dass Kinder und Jugendliche dann ausreichend körperlich aktiv sind, wenn sie jeden Tag mindestens 60 Minuten mäßig bis sehr anstrengende körperlich-sportliche Aktivität ausüben.

Die Studienleiterin Regina Guthold meint dazu im Übrigen ergänzend: „Jugendliche, die sich bewegen, haben eine bessere Herzgesundheit. Ihre Lunge funktioniert besser. Sie haben auch eine bessere Auffassungsgabe, lernen leichter. Und sie haben auch ein besseres Sozialverhalten.“ Da stecken bereits wieder gute Argumente für mehr und ausreichend Bewegung drin.

Ein erster Schritt wäre beispielweise, bereits den Schulweg zu Fuß oder per Fahrrad zu bestreiten, anstatt sich jeden Morgen von den Eltern zur Schule fahren zu lassen. Natürlich spielen hier auch infrastrukturelle Aspekte ein Rolle, Stichwort bewegungsfreundliche Umgebung. Ich werde als Elternteil natürlich eher mein Kind mit dem Fahrrad zur Schule schicken wenn ich weiß, dass eine gewisse Grundsicherheit gegeben ist, zum Beispiel durch ausreichend Radwege.

Hier sieht man die Komplexität des Themas. Zudem sollten Kinder und Jugendliche, wenn sie schon keinen Sportverein mehr besuchen, wieder die den älteren Generationen noch bekannte Stunde im Hof oder Park verbringen, anstatt den ganzen Nachmittag nur vor dem Bildschirm zu sitzen. Ein Hindernis ist hier vielleicht auch wieder, dass beispielsweise Hinterhöfe mehr und mehr zu kinderunfreundlichen Parzellen verkommen und Kontakt und Bewegung durch Zäune bis hin zu Ballspielverboten ausgeschlossen werden.

Des Weiteren könnte die Stadt, die Kommune, das Land für mehr öffentliche Freizeit- und Bewegungsangebote, Stichwort: gesundheitsorientierte Stadtplanung, kinder- und jugendgerechte Gestaltung von Grünflächen und Freizeitanlagen, sorgen, zum Beispiel mehr öffentlich zugängliche Spielfelder, Outdoor-Fitnessgeräte in Parks, etc. Und natürlich sollte der Sportunterricht, als das Fach welches alle erreicht, ausgebaut werden. Die tägliche Sportstunde würde ja bereits fast die WHO-Empfehlung erreichen. Und die Kinder und Jugendlichen wären gleichzeitig ausgeglichener im Schulalltag.

In Ihrer Mitteilung klingen Sie sehr resigniert: „So wird wohl auch diese eigentlich so wichtige Meldung wieder nur ein kurzes Strohfeuer bleiben, bei welcher sich heute kurz darüber echauffiert wird und bereits morgen wieder kein Hahn mehr danach kräht, wenn sich nicht grundlegend etwas in unserem Denken und besonders im Handeln ändert.“ Woher kommt der Frust?

Ich glaube Frust oder Resignation sind hier nicht die richtigen Worte. Wenn ich resigniert wäre, würde ich mich nicht mehr ehrenamtlich für die Sache einsetzen. Es ist eher ein Ausdruck, den Menschen den Spiegel der Realität vorzuhalten. Ich kann natürlich immer jammern, mich empören und Lippenbekenntnisse à la „wir müssten mal etwas verändern“ abgeben, aber entscheidender wäre, tatsächlich zu handeln.

Wir können aber beispielsweise als Sportlehrerverband Sachsen immer nur wieder den Entscheidungsträgern diesen Spiegel vorhalten, in der Hoffnung, dass aus einem „darüber reden“ ein „etwas verändern“ wird. Wir sind gerne bereit mitzugestalten und bei Prozessen mitzuwirken, um der guten Sache – dem Schulsport – eine Stimme und Lobby zu geben. Und das machen wir für unsere Kinder und Jugendlichen. Wenn wir dabei aber nur auf Verwalter treffen, kommen wir keinen Schritt weiter.

Sie kritisieren weiterhin, dass in Sachsen die falschen politischen Entscheidungen getroffen wurden. Was meinen Sie konkret?

Konkret war hier natürlich nochmal der Ausgang unserer Petition „Für eine bewegte Schulzukunft unserer Kinder und Jugendlichen“ gemeint. Ohne sie wäre die Kürzung im Fach Sport auf alle Schulformen verteilt ja noch höher ausgefallen. Dennoch können wir uns nicht über diesen „Teilerfolg“ freuen, als welcher er uns verkauft wurde, da eine Kürzung nun einmal eine Kürzung bleibt. Zudem widerspricht gerade ein solches Handeln Ergebnissen wie denen der aktuellen WHO-Studie. Da hilft auch kein Versuch, Kürzungen über den Ausbau des GTA-Bereichs aufzufangen.

Aber auch dazu haben wir uns bereits positioniert. In der Politik geht es aber leider nicht – und das haben wir mittlerweile auch gelernt und lernen müssen und verstanden – in erster Linie immer um die Sache selbst, sondern um das Setzen von parteipolitischen Linien und ein Ringen um Entscheidungskompetenzen. Und die größte Krux hängt noch zusätzlich wie ein „Bleigürtel“ über allem, nämlich dass in der Politik keine ausreichende Fehlerkultur gelebt wird.

Es ist ja nicht schlimm, wenn man eine Idee hat, die sich als ungünstig erweist – das ist ja menschlich und kommt eben vor. Aber dann sollte man das doch erkennen und die Ehrlichkeit aufbringen, sich das einzugestehen und die Dinge zu korrigieren. Stattdessen wird lieber mit der „Brechstange“ etwas durchgedrückt und sich dann gegenseitig die Verantwortung zugeschoben, damit man selbst nicht als „Buh-Mann“ dasteht. Aber ist das ehrlich, ist das reflektiert und dient solch ein Agieren der Sache? Nein!

Der Sportunterricht habe keine Lobby mehr heißt es. Seit wann ist das so und warum? Welche Fächer laufen Sport den Rang ab?

Ich glaube, ein „Rang ablaufen“ gibt es in dem Sinne nicht. Alle Fächer haben ihre Berechtigung und ich möchte hier auch keine Priorisierung von Fächern vornehmen. Was den Schulsport betrifft, sollte man hingegen verschiedene Ebenen betrachten. Vorweg, Bildung ist Ländersache und auch die Kultusministerkonferenz (KMK) hat hier nur einen bedingten Einfluss. Umso wichtiger wäre es, dass an den Schnittstellen für Veränderungsprozesse wieder echte Lobbyarbeit gemacht werden müsste.

Dass die Zeitung „Die Zeit“ zur WHO-Studie beispielsweise den Deutschen Lehrerverband mit entsprechend unzureichendem Ergebnis zur Studie befragt, anstatt den Deutschen Sportlehrerverband zu kontaktieren, zeigt bereits auf Bundesebene, dass es an Wahrnehmung fehlt und der Schulsport hier ein echtes Sprachrohr schmerzlich vermisst, welches sich für ihn einsetzt. Wenn auf Landesebene die Verbände ebenfalls verschlafen, sich für den Schulsport stark zu machen, dann wird es ein Kampf gegen Windmühlen.

Unserem Sportlehrerverband Sachsen kann man zum Glück nicht den Vorwurf der Untätigkeit machen, aber unser Einfluss endet im Sächsischen Ministerium für Kultus und ist von der dortigen politischen Stimmungslage abhängig. Und dass es dort beispielweise seit längerer Zeit kein eigenes Ressort mehr für den Schulsport gibt, zeigt auch wie wenig man hier den Wert unseres Faches, im Vergleich zu früheren Zeiten, anerkennt.

Dazu kommen wirtschaftliche Faktoren. Ein Beispiel ist das Thema eSport. Das ist ein riesiger Wirtschaftsmarkt, entsprechend wird hier ordentlich Werbung gemacht. Aber die Konsole kann die reale Bewegungszeit niemals ersetzen. Dennoch findet die Gamingindustrie überall Gehör, weil Geld immer eine Lobby hat. Bildung und im Speziellen motorische Bildung im Sportunterricht haben diese hingegen aktuell nicht mehr, wenn der Bund und oder das Bundesland sie nicht wieder auf die Agenda setzen und zur Pflichtaufgabe in unserer Gesellschaft erklären.

Schauen Sie doch nur auf die aktuelle Haushaltsplanung des Bundes. Solange Bildung einen signifikant geringeren Etat erhält im Vergleich zu beispielsweise Militärausgaben, wird sich an der Kernressource unseres Landes, der Bildung, leider nicht viel ändern. Und da geht es nicht allein um den Sportunterricht.

Der Sportlehrerverband hat in den letzten Jahren verstärkt versucht, sich für mehr Schulsport einzusetzen. Stattdessen wurde der Schulsport gekürzt. Wie reagieren Politiker auf Ihre Forderungen im direkten Gespräch?

Wir erfahren in unseren Gesprächen schon Anerkennung für unser Engagement, in der Sache bleibt die Politik dann aber doch zu oft hart oder reagiert ausweichend. Sätze wie „das ist nicht machbar“, „das ist im System nicht vorgesehen“, „das war schon immer so“ oder „dafür sind wir nicht zuständig“ sind da keine Seltenheit. Dazu kommt: Wir brennen für den Schulsport, das heißt aber nicht gleich, dass wir im Umkehrschluss immer auf offene Ohren beim Gegenüber treffen.

Und Politik ist natürlich immer auch an gewisse Zwänge gebunden. Wer da mitspielen will, muss diese Regeln akzeptieren und vor allem einen sehr langen Atem haben. Aber wie heißt es so schön: „Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen“. Wir als Sportlehrerverband Sachsen werden nicht müde werden, die Politik immer wieder an die Probleme in unserem Arbeitsfeld zu erinnern und immer wieder versuchen, Veränderungsprozesse anzustoßen. Wir wünschen uns dabei bloß gelegentlich mehr Ehrlichkeit. Sätze wie: „Sie haben ja recht, aber das kann ich so nicht sagen oder umsetzen.“ bringen uns in der Sache nicht weiter.

Welches Feedback erhalten Sie von Schülern und Eltern zu Ihrem Engagement für mehr Schulsport?

Ehrlich gesagt erhalten wir direkt von Eltern oder Schülern relativ wenig Feedback für unsere Arbeit. Kolleginnen und Kollegen sowie Menschen aus Sport, Medizin und Politik geben uns da eher eine Rückmeldung. Erfreulicherweise in der Regel eine sehr positive. Das motiviert natürlich gerade im Ehrenamt umso mehr, sich weiter für den Schulsport zu engagieren.

Während der Petition 2018 haben wir hingegen auch viel Zuspruch von Eltern und Schülern bis hinein in die Stadt-/Landeseltern- und Schülerräte erfahren. Ich glaube, es kommt einfach immer auf die Sache an, mit der wir uns gerade beschäftigen. Wenn es einen größeren Kreis betrifft und das „große Ganze“ mal gesehen wird, kommen die Menschen auch auf uns zu.

Was sind Ihre Minimal- und Maximalforderung an die Politik, um das Problem anzugehen?

Unser absolutes Minimalziel ist die Abwendung jeglicher weiterer Kürzungen im Bereich des Sportunterrichts, aber eigentlich die Rücknahme der aus unserer Sicht falschen politischen Entscheidung, den Sportunterricht fast vollständig in jeder Klassenstufe auf zwei Stunden pro Woche zu kürzen. Durchgängig drei Stunden pro Woche Sport von der Klasse 1 bis 12 wäre schon ein richtiger und wichtiger Schritt, die Einführung der täglichen Sportstunde unsere Idealvorstellung.

Wie stellt sich die Leistungsfähigkeit der Schüler aktuell im Sportunterricht dar? Was geht/geht nicht mehr im Vergleich zu früher?

Übergewicht ist mittlerweile schon häufiger ein Thema, wenn auch nicht gleich verteilt, zum Beispiel was die unterschiedlichen Schulformen betrifft. Kinder sind auch gefühlt häufiger krank. So gibt es kaum Sportstunden, bei denen tatsächlich alle Schüler/-innen teilnehmen können. Kinder und Jugendliche haben teils schon früh Krankheitsbilder, die Teilsportbefreiungen oder Vollsportatteste nach sich ziehen.

Kindern und Jugendlichen fehlt es weiterhin zunehmend an motorischen Grundfertigkeiten und koordinativen und konditionellen Fähigkeiten. Welche Auswirkungen das bis in das Erwachsenenalter haben kann hat die American Heart Association mit einem komödiantischen und dennoch sehr ernsten Inhalt treffend in einem Video aufgegriffen, um für mehr Sportunterricht zu werben. Auch die intrinsische Anstrengungsbereitschaft ist mittlerweile nicht mehr in einem wünschenswerten Maß ausgeprägt. Kinder und Jugendliche erwarten oft eine Animation von außen, selbsttätiges Einbringen überfordert einige Schüler/-innen erkennbar.

Zur Selbstüberprüfung: Was sollte ein 17-Jähriger beispielsweise im Ausdauerbereich ohne Probleme leisten können?

Ein gute Frage, ich denke da gibt es keine eindeutige Antwort. Aus persönlicher Sicht würde ich von einem Jugendlichen im Alter von 17 Jahren erwarten, dass er es schafft, in einem mittleren Tempo eine Stunde ausdauernd zu laufen und dabei eine Strecke von 10 km zu absolvieren. Gerne auch mehr. Legt man einen klassischen Lauftest wie den Cooper-Test zugrunde, müssten Schüler/-innen in diesem Alter in der Lage sein, in 12 Minuten knapp 3 km zu laufen.

In der Realität erreichen Schüler/-innen diesen Wert aber immer öfter nicht. Vor allem wenn man diesen Test als Ausgangstest für eine Ist-Analyse des Ausdauerlevels ansetzt. Sportunterricht kann aber zumindest im aktuellen Umfang nicht gewährleisten, Grundlagenausdauer überhaupt erst einmal herzustellen. Das heißt im Umkehrschluss, dass Schüler/-innen eigentlich spätestens zum Beginn der Sommerferien mit einem leichten Lauftraining anfangen müssten, um am Ende der Sommerferien mit einer ersten Superkompensationsphase und damit mit einem erhöhten Ausdauerlevel in den Lernbereich Leichtathletik (oft am Schuljahresbeginn) zu starten.

In der Realität macht das natürlich kaum einer. Wenn man dann zusätzlich über den Schulsport hinaus keinen Sport treibt, fängt man besonders nach den Sommerferien eigentlich immer bei Null an und ist zur Leistungsüberprüfung am Ende des Lernbereiches nicht unbedingt auf dem Level, auf dem man sein könnte und müsste, wenn man seinen Alltag sportliche aktiver gestalten würde.

Welche Ideen haben Sie, Sport für Jugendliche auch außerhalb des Unterrichts interessant zu machen?

Eine Möglichkeit bieten natürlich die Arbeitsgemeinschaften im Ganztagesangebot, bei denen sportliche Inhalte aufgegriffen oder vertieft werden können, die im regulären Sportunterricht keinen Platz finden oder zu kurz kommen. Oder auch besondere Sportarten, wie z.B. Klettern oder die Tanzform Breakdance, welche ich zum Beispiel als AG anbiete. Das Problem hierbei ist nur, dass der Bereich der Ganztagesangebote (GTA) nicht mehr alle Schüler/-innen erreicht und hier meist diejenigen hingehen, die sowieso sportlich aktiv sind.

Die Schüler/-innen, welche das Mehr an Bewegung jedoch dringend bräuchten, erreicht man damit in der Regel nicht. Das ist ja auch der Grund, weshalb wir als Sportlehrerverband Sachsen unter anderem im Rahmen unserer Petition und auch im Nachgang immer wieder betont haben und betonen, dass es sich um Augenwischerei handelt, wenn man meint mit GTA die Kürzungen im regulären Sportunterricht auffangen zu können.

Das Einzige was man hier auslagert, ist die Verantwortung gegenüber unseren Kindern und Jugendlichen, von staatlicher Seite für ausreichend Bewegungszeit im regulären Sportunterricht zu sorgen. Und das ist in Sachsen aktuelle leider politisch gewollt, weil der eigentliche Grund für die Kürzungen vor allem der andauernde Lehrermangel ist, nur dass man offiziell das Ganze als Entlastung der Schüler/-innen verkaufen wollte und verkauft hat, gut platziert vor den Sommerferien, um möglichen Widerstand im Sande verlaufen zu lassen. So geht leider sächsisch.

Robert Venus über den Sportlehrerverband Sachsen

1. Der Sportlehrerverband Sachsen vertritt derzeit über 500 Sportlehrer/-innen aller Schulformen aus ganz Sachsen, Tendenz steigend.

2. Dazu zählen in erster Linie erfahrene Kolleginnen und Kollegen, die bei ihrer täglichen Arbeit in der Schule stets das Interesse und die Neugier für neue Ideen und Ansätze der Sportvermittlung zeigen und sich in besonderer Weise für die Belange des Schulsports einsetzen

3. Als Berufsverband sind wir der kompetente Vertreter, Mitgestalter und Ansprechpartner in allen Fragen des gesamten Schulsports gegenüber der Gesellschaft und Politik

4. Wir setzen uns dafür ein, dass Sportunterricht und Schulsport unverzichtbare Bestandteile der schulischen Bildung sind und bleiben (siehe Petition 2018)

5. Wir sichern mit unseren Fort- und Weiterbildungen die Qualität des Sportunterrichts und des Schulsports

Links / ergänzende Informationen

spiegel.de/gesundheit/ernaehrung/studie-der-who-vier-von-fuenf-jugendlichen-bewegen-sich-zu-wenig-a-1297687.html

tagesschau.de/jugendliche-bewegung-101.html

faz.net/aktuell/sport/sportpolitik/kinder-ohne-sport-mit-bewegungsmangel-politik-macht-dick-16500201.html

KiGGS-Studie, Stand 25.11.2019

rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Gesundheitsberichterstattung/GBEDownloadsJ/Focus/JoHM_02_2018_Sport_Ernaehrungsverhalten_KiGGS-Welle2.pdf?__blob=publicationFile, S. 11

https://www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Gesundheitsberichterstattung/GBEDownloadsJ/FactSheets/JoHM_01_2018_koerperliche_Aktivitaet_KiGGS-Welle2.pdf?__blob=publicationFile, S. 24-28

JIM-Studie, Stand 25.11.2019

mpfs.de/fileadmin/files/Studien/JIM/2018/Studie/JIM2018_Gesamt.pdf, S. 11f

SHELL-Jugendstudie, Stand 25.11.2019

shell.de/ueber-uns/shell-jugendstudie/_jcr_content/par/toptasks.stream/1570708341213/4a002dff58a7a9540cb9e83ee0a37a0ed8a0fd55/shell-youth-study-summary-2019-de.pdf, S. 29

American Health Association, Stand 25.11.2019

www.peforallkids.org

„Die Schäden sind irreparabel“: Kinderärztin Dr. med. Melanie Ahaus über die Krux mit der digitalen Welt

Hinweis der Redaktion in eigener Sache (Stand 01. Oktober 2019): Eine steigende Zahl von Artikeln auf unserer L-IZ.de ist leider nicht mehr für alle Leser frei verfügbar. Trotz der hohen Relevanz vieler unter dem Label „Freikäufer“ erscheinender Artikel, Interviews und Betrachtungen in unserem „Leserclub“ (also durch eine Paywall geschützt) können wir diese leider nicht allen online zugänglich machen.

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Romantische Viecher auf der Terrasse der Moritzbastei. Foto: TheaterTurbine

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Für alle LeserEs geht um die liebe Liebe. Denn die macht auch in Corona-Zeiten keine Pause. Auf der Terrasse der Moritzbastei feiert am Donnerstag, den 13. August, das Stück „Romantische Viecher“ Premiere. Die letzten dreieinhalb Wochen wurde unter der Sommerhitze final geprobt, bis Ende August spielt die TheaterTurbine unter freiem Himmel das Spiel der Gefühle.
Wenn die Grüne Liga eine Pressemitteilung von 2019 noch einmal verschickt: Statt Dürre-Jammerei Wasser in der Landschaft halten
Abgeerntetes Feld bei Wiederau. Foto: Michael Freitag

Foto: Michael Freitag

KommentarAll das, was wir derzeit mit immer mehr Hitzetagen, Dürre, vertrockneten Stadtbäumen, vertrockneten Wäldern erleben, war zu erwarten. Seit Jahren schon. Nichts anderes haben die Klimamodelle der Meteorologen seit 30 Jahren als wahrscheinliches Szenario beschrieben. Auch die Modellierungen des sächsischen Landesamtes für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie haben nichts anderes vorausgesagt. Aber die sächsische Politik hat nicht reagiert. Immer noch dominiert das alte, bequeme Denken, das alle Veränderungen ausbremst.