Am Freitag, 19. November, veröffentlichte das Forschungsinstitut Gesellschaftlicher Zusammenhalt Jena unter Zusammenarbeit mit einem Epidemiologen vom Helmholtz Zentrum München eine Studie, die einen deutlichen Zusammenhang zwischen den AfD-Zweitstimmenanteilen bei der Bundestagswahl 2017 und den Anstiegen der Corona-Infektionszahlen in der ersten und zweiten Pandemiewelle 2020 - sowohl für Ost- als auch für Westdeutschland – zeigen.

„Es ist erstaunlich, dass mit dem früheren Wahlverhalten hier ein Faktor relevant wird, der im Verhältnis zu vielen anderen demografischen Merkmalen, die wir geprüft haben, einen relativ hohen Einfluss auf das Pandemiegeschehen zu haben scheint“, sagt Co-Autor Matthias Wjst vom Helmholtz Institut München.

AfD: parlamentarischer Arm sogenannter Querdenker und Impfgegner

Natürlich haben die Forscher nach einem Zusammenhang mit dem Wählerverhalten gesucht. Das war ja auch Ansatzpunkt der Studie. Ein ziemlich naheliegender, wenn man sich die Bundeskarte mit den Wahlergebnissen von 2017 anschaut und die Corona-Infektionskarten von 2021 danebenlegt. Keine Partei hat sich die Position der Impfverweigerer und selbsternannten Querdenker so eigen gemacht wie die AfD. Was kein Zufall ist.

Denn selbstredend haben die Forscher auch nach Korrelationen zu den Wahlergebnissen der anderen Parteien geforscht. Das Ergebnis: „Ähnliche Zusammenhänge wie zwischen AfD-Wahlergebnissen und Inzidenzen in den Regionen lassen sich für keine der anderen im Bundestag vertretenen Parteien (CDU/CSU, SPD, FDP, Grüne, Linke) finden. Zwar existieren auch für einzelne Zeiträume positive Effekte der Stimmenanteile von anderen Parteien, die aber vergleichsweise schwächer und nicht systematisch – d.h. nicht in den Anstiegsphasen beider Wellen – zu finden sind.“

Zusammenhang zwischen Inzidenz und AfD-Wahlerfolg blieb unverrückbar

Und zugleich sind die Forscher auch möglichen anderen Einflüssen nachgegangen. Die Grenznähe zu Polen und Tschechien könnte ja z. B. auch eine Rolle spielen, wenn man so auf das hohe Infektionsgeschehen gerade in Sachsen, Thüringen und Bayern schaut.

Aber auch diese Faktoren lassen sich mathematisch ausschließen.

„Schließlich haben wir zahlreiche weitere Merkmale, die im Zusammenhang mit dem Infektionsgeschehen stehen, untersucht, um herauszufinden, ob sie möglicherweise den Zusammenhang zwischen den AfD-Wahlergebnissen und den Inzidenzanstiegen beeinflussen“, schreiben die Forscher in der Zusammenfassung ihrer Studie.

„Dafür wurden Indikatoren wie die Bevölkerungsdichte, die Altersstruktur, den Stadt-Land-Unterschied, die wirtschaftliche Situation, die Mobilität (Ein- und Auspendler), die Grenznähe, die Anzahl an Pflege-, Schul- und Kinderbetreuungseinrichtungen, die Homeoffice-Quoten, die Erreichbarkeiten (d.h. Nähe zu Autobahnen, Flughäfen, Zentren, Apotheken und Ärzten), Lebenserwartung und Wohnverhältnisse sowie spezifische Wirtschaftsbranchen berücksichtigt. Auch bei Kontrolle dieser Merkmale blieben die Zusammenhänge zwischen AfD-Wahlergebnissen und Inzidenzen bestehen, sodass wir diese Faktoren als mögliche alternative Erklärungen ausschließen konnten.“

Ruf nach Förderung der Zivilgesellschaft

Was Axel Salheiser vom Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft so auf den Punkt bringt: „Besonders in den Regionen, in denen die demokratische Partizipationsbereitschaft niedrig und der Zuspruch zu Parteien der radikalen Rechten hoch ist, müssen bestehende zivilgesellschaftliche Strukturen noch stärker gefördert, ausgebaut und langfristig abgesichert und verstärkt für Vertrauen und für Impfungen geworben werden.“

Denn nichts anderes steckt ja hinter beiden Phänomenen – einerseits den hohen Wahlergebnissen für eine rechtsradikale Partei wie die AfD, die die Demokratie und den demokratischen Staat radikal infrage stellt, und die Leugnung der schweren Folgen der Corona-Pandemie.

Rechte Gesinnung verstärkt die Pandemie

Mit den Worten von Matthias Quent, ebenfalls vom Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft: „Die regionale politische Raumkultur ist ein entscheidender Faktor für das Inzidenzgeschehen. Unsere Studie untersucht die ersten zwei Wellen, aber ausgehend von diesen Ergebnissen ist die Annahme naheliegend, dass auch in der aktuellen vierten Welle und bei der mangelnden Impfbereitschaft rechte Einstellungen als Verstärker der Pandemie wirken könnten.“

Und Christoph Richter, der dritte Co-Autor vom Institut für Demokratie und Zivilgesellschaft, bringt im Grunde auf den Punkt, warum das Erstarken der AfD genauso als Krisenfaktor verstanden werden kann wie die damit verbundene extrem hohe Impfverweigerung: „Die Befunde unterstreichen die zentrale Bedeutung des sozialen und politischen Vertrauens für den demokratischen Zusammenhalt, der insbesondere in Krisenzeiten stark herausgefordert ist.“

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