„In principio erat verbum.“ – „Im Anfang war das Wort.“ Bibelkenntnisse, wenn auch lückenhafte, sind durchaus hilfreich, wenn man sich im „Gelobten Land“ auf die historischen Spuren des „Meisters“, eines jüdischen Rabbis, Joshua aus Nazareth, begeben will. Nach einem Autotripp durch halb Israel geht es nun an den Ort einer humanistischen Verkündung.

„Da machte sich auch auf Joseph aus Galiläa, aus der Stadt Nazareth, in das jüdische Land zur Stadt Davids, die da heißt Bethlehem, darum daß er von dem Hause und Geschlechte Davids war, auf daß er sich schätzen ließe mit Maria, seinem vertrauten Weibe, die ward schwanger. Und als sie daselbst waren, kam die Zeit, da sie gebären sollte. Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe; denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge.“ (Lukas 2)

Die Verkündigungskirche Nazareth. Foto: Jens-Uwe Jopp
Die Verkündigungskirche Nazareth. Foto: Jens-Uwe Jopp

Die „Verkündigungskirche“ im christlich dominierten Nazareth ist nach einem langen Tag auch erstes Ziel im Religionsunterricht in Israel. Ich bin etwas unkonzentriert und leicht unterzuckert, wenn man vorher durch das halbe Land gekurvt ist und dann noch bedeutungsschwangere Blicke für die schwangere Mutter des Jesuskindes übrighaben haben soll.

Aber das geht auch am Nachmittag 17 Uhr. Auffällig ist das Luftige, das Kosmopolitische, das vom modernen Sakralbau ausgeht. Mir gefällt das und es fördert in mir die Einbildung, dass man eher durch christlich-ethische Verantwortung Frieden im „Heiligen Land“ herbeiführt, als durch fanatisierte Gesten. (Ich sollte mich später täuschen. Dies im Teil zu Bethlehem und Jerusalem.)

Bevor es an den See Genezareth zu „Jesus im Wunderland“ geht, macht die Pilgertruppe erstmal Rast in einem arabischen Café mit Blick auf die „Kirche der Verkündigung“, die nah in warmem spätsommerlichen Licht liegt. Am vierten Tag der Reise hat sich schon so einiges angesammelt, was man von einem der vielen freien W-LAN-Punkte im Land nach Hause in die Heimat schicken kann.

Zwischendurch gibt es den geliebten arabischen Kaffee, intensiv mit Kardamom, und köstliche Süßigkeiten, so etwas wie „Bienenstich-Kuchen“ – ich hab mir die Bezeichnungen nicht gemerkt – schmeckt alles so zauberhaft wie in Tausendundeiner Nacht. Die arabischen Begleiter strahlen breit über ihr und mein zufriedenes Gesicht.

Ankunft in der Wirkungsstätte des Chefs der „Volksfront von Judäa“

Tiberias am bereits erwähnten See Genezareth. Die Übernachtungspreise sind happig, manchmal bekommt man den Eindruck, als benutzt man eine „heilige Neugier“ der Touristen, um die teils recht heruntergekommenen israelischen Hotels wieder zu sanieren. Vielleicht liegt es aber nur an unseren, bzw. meinen Preisvorstellungen, was eine Nacht ohne anschließendes Frühstück betrifft, wer weiß.

In der Hotellobby in Tiberias hängt ein Bild des Tempelberges. Nanu, da fehlen doch der Felsendom und die Al-Aqsa-Moschee drauf? „This is our dream.“, lächelt mir der jüdisch-israelische Chefsekretär hinter dem Tresen zu, als ich verwirrt nach meinem Schlüssel greife. In schlechtem Englisch versuche ich zu antworten: „Des einen Glück ist meist des anderen Unglück.“ Nun gut. Der Tag war lang und die kommende Nacht wird wieder kurz.

An frische Falafel zum Frühstück und das geliebte Shakshuka hatte ich mich schon so sehr gewöhnt, dass man auch in irgendeinem Bistro gut essen kann, um gestärkt ins Jordantal aufzubrechen. Erstes Ziel: Tabgha. Sagte mir erstmal nichts, ziemlich nahe an Tiberias. Aha, dort wurde von Christus das „Brot vermehrt“, dort entstand das Bild der „Speisung der Fünftausend“.

Kein kulinarisch-ernährungstechnisches Wunder, sondern eine Allegorie in punkto Glauben und Schaffenskraft, ein Plädoyer für die Sicherung der Grundbedürfnisse des Menschen. Zweimal könnten wir unseren Planeten ernähren und dennoch sterben jährlich fast 20 Millionen Menschen an Hunger, geht mir durch den Kopf. Was da Gott in der Zeit macht, hat der frei? Die Frage verkneife ich mir angesichts des magischen Gefühls, was von der „Brotvermehrungskirche“ in Tabgha ausgeht.

Weiter geht’s nach Kapernaum, der „Petrusstadt“. An keinem Ort sei der wirkungsmächtige Jesus von Nazareth öfter gewesen, habe Wunder getan – „Eines aber weiß ich. Dass ich blind war und bin nun sehend.“ (Johannes 9,25) – das wird immer wieder gesagt in der wunderschönen achteckigen (oktogonalen) Petruskirche, rechts davor der See Genezareth mit der unvermeidlichen Statue des Lieblingsjüngers an seinem Ufer. Dem gibt er vertrauensvoll den folgenden Auftrag mit für seinen Weg:

Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen“, (Matthäus 16,18). Da ist es wieder, dieses magische Gefühl, was ich nutzen will, um meinen Schülern etwas von romantischer Philosophie nahezubringen. Dem Alltäglichen einen höheren Sinn geben, so oder so ähnlich hatte es der junge Novalis, ebenfalls tiefgläubig, als deren programmatischen Auftrag umschrieben, wenn man mit Worten Menschen zu verändern versucht.

Was kann da noch kommen, an so einem Tag der intensiven Religionstour? (oder –kur?). Den „Berg der Seligpreisung“, den müsste man noch sehen. Mit Blick auf das Jordantal, den See Genezareth und Tiberias. Von dorther kam die Ansprache des erleuchteten Christus, des „Erlösers“. Worte von denen man sich wünschen würde, dass sie bei dem einen oder anderen Mitmenschen, „Wutbürger“, Inländer und Hasskritiker wenigstens ein Funzellicht im fühlenden Herzen zu entzünden bereit sind.

Die humanistische Botschaft vor über 2000 Jahren scheint genauso wie heute in einer Zeit der „Energiewende“ dringender denn je zu sein. Die „Worte der Seligpreisung“, der „Predigt auf dem Berg“ …

„Selig sind, die da geistlich arm sind; denn das Himmelreich ist ihr.
Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden.
Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.
Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.
Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.
Selig sind, die reines Herzens sind; denn sie werden Gott schauen.
Selig sind die Friedfertigen; denn sie werden Gottes Kinder heißen.
Selig sind, die um Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn das Himmelreich ist ihr.“ (Matthäus 5,3-10)

Israel intensiv (Teil 5): „Da ist der Mensch!“

Zur Reihe „Israel intensiv“: Jens-Uwe Jopp war 14 Tage auf einer ungewöhnlichen Reise in Israel, welche ihn in viele verschiedene Teile des Landes führte. Ziel und ein Höhepunkt der Reise war dabei auch Ismail Khatib zu treffen. Sein Sohn Ahmed Khatib war 2005 irrtümlicherweise von israelischen Soldaten erschossen worden, sein Vater gab daraufhin die Organe zur Transplantation an jüdische Kinder frei. Diese Geste erregte ein weltweites Interesse, die Dokumentation „Das Herz von Jenin“ (Trailer im Video) zeigt die Geschichte. Ismail Khatib ist heute weltweit bekannt und hat eine Organspendeplattform „Search of Life“ ins Leben gerufen.

Hier ist der mehrteilige Bericht von Jens-Uwe Jopp über Erlebnisse und Stationen unter anderem in Tel Aviv (Jaffa), Haifa, Qalanzawe (20 km östlich von Netanja), See Genezareth und Tabgha, Jenin im Westjordanland, Bethlehem (Westjordanland), Totes Meer, Jerusalem, Akko (eine alte Kreuzfahrerhauptstadt am Mittelmeer), Kapernaum (die „Petrusstadt“), Nazareth, Massada und Caesarea.

Zum Autor: Jens-Uwe Jopp ist Lehrer am Schiller Gymnasium. Ein ungewöhnlicher Leipziger Pädagoge für Deutsch und Geschichte, denn viele Leser kennen ihn auch als Autor der LEIPZIGER ZEITUNG oder Organisator der „Schiller Akademie“, wo er und seine Schüler unter anderem bereits mit Friedrich Schorlemmer über aktuelle Zeitfragen diskutierten.

Am 13. November 2018, ab 16 Uhr, findet diese übrigens erneut statt, dann mit einer Diskussionsrunde mit Dr. Gregor Gysi und einem Livestream auf L-IZ.de.

Israel intensiv: Im Herzen von Jenin bei Ismail Khatib

Israel intensiv (3): Im Herzen von Jenin bei Ismail Khatib

 

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