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Rodig reflektiert: Kaiserschnitt

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    Beseelt durch wohlverdienten Urlaub in den Tiefen des Thüringer Waldes reflektiert ihr Kolumnist über die großen Fragen: Was esse ich heute Abend? Warum sind Thüringer Rostbratwürste so lang? Wer hat das Gras weggeraucht? Befriedigende Antworten kann ihr Kolumnist nur mit Mühe finden. Darum stürze ich mich lieber auf eine solche Frage, die zwar an Relevanz den vorgenannten nur gleichsam mühevoll das Wasser reichen kann, aber womöglich höhere Erfolgschancen auf eine Beantwortung vorweist: Wie geht’s eigentlich dem deutschen Kaiser?

    „Heil dir im Siegerkranz…“

    Sie, die geneigte Kolumnenkonsumentin, werden zunächst die naheliegende Antwort in ihrem politisch-historischen Gedächtnis hervorkramen: Das Kaiserreich und Ihre Majestät der Kaiser Wilhelm Zwo seien abgeschafft, exiliert, auf immerdar des Landes verwiesen. Stimmt, ganz recht, der alte Kriegstreiber und Marinefetischist Willi II und das ganze marode Kaiserreich wurden nach dem Ersten Weltkrieg zu Recht in den Orkus verbannt.

    Doch als immerdar die Augen spitzen und die Ohren weit aufreißender, die feinen Schwingungen des politischen Lebens seismographisch wiedergebender Schreibstübler mit Expertise für Abseitiges, muss ich berichten über einen ungeheuerlichen Vorgang. Es ist sozusagen meine heilige Pflicht. Der Kaiser lebt!

    Also nun ja, nicht DER Kaiser, sondern das was von ihm übrig blieb, nämlich seine habgierigen Leibesfrüchte. Ohne auf die Feinheiten der verwachsenen Familienstammhecke einzugehen, denn die Adeligen, sie „schnackseln gerne“ (Gloria v. Thurn und Taxis) und dann wird es sehr schnell sehr unübersichtlich, jedenfalls gibt es sie, die Nachkommen des Willi Zwo und sie sind – Überraschung! – von Standesdünkel und Besitzstreben, Anspruchsdenken und Raubsucht bis in die Tiefe ihres Herzens durchseucht.

    Als prominenteste Figur und wandelnde Impersonifizierung der vorgenannten Qualitäten sticht dieser Tage der Ururenkel des letzten Kaisers hervor: Georg Friedrich Prinz von Preußen, seines Zeichens Unternehmensberater, der „an der Verwertung von Hochschulinnovationen“ arbeitet. Der Preußenspross hat allerdings ein eher gespaltenes Verhältnis zu den Ergebnissen universitärer Forschung.

    Einem echten Oberbefehl durch finstre Bolschewiken und miese Demokraten entleibt, kann er nur noch ein Advokatenheer dirigieren, das kaum eine Gelegenheit vorbeiziehen lässt, Historikerinnen und Historikern, die Journaille und zivilen Institutionen wie „Frag den Staat“ der Lüge zu bezichtigen und mit Unterlassungsklagen zu bestreichen.

    Warum der Bohei, wozu die hochnervöse Klagefreude? Wie immer natürlich, es geht ums Geld. Oder besser, denn Geld ist dem Adel nur Mittel zum Zwecke: Es geht um die Anhäufung von Nippes. Klimbim. Geraffel und Gedöns. Sie da draußen, Menschen von einfachem Geschlecht und Stand, sie können es sich nur im Ansatz vorstellen, aber so ein herrschaftliches Anwesen ist zunächst einmal verdammt groß.

    Und da der Adel es ungern in den Hallen hallen hört (es wird mit der Abneigung von Selbstreflexion zu tun haben), muss da allerhand hineingestellt werden in die Hallen und Flure. Über Jahrhunderte angehäufter Nippelkram – Gemälde, Wandteppiche, Schmuck, Geschirr, Nachttöpfe, und vieles mehr – ist fort, seitdem die siegreichen Alliierten aus dem Osten all den Kram enteigneten und er schlussendlich, welch unsäglich demokratisches Vorgehen!, in diversen Museen öffentlich abgestellt wurde.

    Die Leipziger Zeitung, Ausgabe 92. Seit 25. Juni 2021 im Handel. Foto: LZ
    Die Leipziger Zeitung, Ausgabe 92. Seit 25. Juni 2021 im Handel. Foto: LZ

    Als die Teilung des Deutschen Reiches 1990 vertraglich beendet wurde, legte man zwar fest, dass Immobiliar vom Adel nicht zurückforderbar ist, aber die ollen Hohenzollern lasen das Kleingedruckte und fanden: Da steht nichts von Mobiliar! Seit 2014 streitet sich nun der Prinz mit dem Staat über die Rückgabe besagten Tinnefs, der, aus nachvollziehbaren Gründen, etwas dagegen hat, ausgemusterten Weltkriegsfreunden Kunstschätze im Wert von Millionen darzureichen (so genau kennt die Öffentlichkeit den Wert des Plunders nicht, eine – Überraschung – gerichtliche Auseinandersetzung dazu läuft noch).

    Pikant für das Oberhaupt des Preußenhauses wird es beim nicht sehr Kleingedruckten: In den 2+4-Verträgen steht eine Klausel, dass die Herausgabe jedweder ehemaligen Besitztümer verweigert werden kann, wenn Nachfahren des Willibald II. nachweisbar „dem Nationalsozialismus erheblichen Vorschub geleistet haben“.

    Ihr Kolumnist will sich nicht zu sehr aus dem Fenster lehnen, Unterlassungsklagen kann ich mir schlicht nicht leisten, aber es gibt stichhaltige Hinweise, dass die Nachkommen des Kaisers mit Nachdruck für ihren Rechtsnachfolger Lobbyarbeit gemacht haben. Somit wäre ihr Anspruch endgültig erloschen, wie das olympische Feuer von 1936.

    Mehrere wissenschaftliche Kommissionen kamen zu diesem Schluss, und dagegen hat der Herr Thronfolger ohne Thron, auf den er folgen könnte, ganz entschieden etwas auszusetzen. Allerorten wird fleißig verklagt und in alter reichsdeutscher Manier jedes böse Wort gegen die sonnensüchtigen Preußen an der Verbreitung gehindert. „Böse“ meint in diesem Falle „wahr“ und wenn ich das hier so schreibe, bibbere ich bereits vor der bald eintrudelnden Anwaltspost.

    „… Kartoffeln mit Heringsschwanz“

    Doch ist der Kontostand erst ruiniert, lebt es sich ganz monarchenfeindlich und darum lasse ich mir im Weiteren nichts von meiner Existenzangst anmerken. Ist es doch meine heilige Pflicht, den Monarchismus entschieden abzulehnen und ihm die Nase in den riesenhaften Scheißhaufen zu stecken, den ganz besonders die deutsche Monarchie verzapft hat. Und da ist die Unterstützung der Nazis beim Machtkonsolidieren nur ein Vogelschiss in der blutigen Geschichte des preußischen König- und Kaisertums.

    Zu Herrschaftszeiten des Hunnenkaisers ist nämlich schon so einiges Widerwärtiges vorgegangen. Eins davon hat der Rechtsnachnachnachfolger Bundesrepublik vor kurzem zumindest schon mal offiziell anerkannt: Bei dem Völkermord an den Herero und Nama handelte es sich um einen Völkermord – Tusch! Dass die Aktenlage zu entziffern fast 120 Jahre gebraucht hat, lässt mich für die NSU-Akten, die ebenso lang unter Verschluss gelegt wurden, wenig hoffen, aber wenigstens ist in Deutschland ein deutscher Völkermord jetzt auch offiziell ein Völkermord.

    Wenn Sie mich fragen, eine gute Gelegenheit, das soeben bereits ausführlich besprochene Thema Entschädigung und Rückgabe von Kulturgütern unter umgedrehten Vorzeichen anzusprechen. Denn wer hat denn diesen Genozid hauptamtlich zu verantworten gehabt? Richtig, der kurzarmige Kaiser. Und wer hatte in seiner Nippessammlung sicherlich das eine oder andere Schmuckstück aus Deutsch-Südwestafrika, Togo, usw. usf.?

    Auch richtig, der langfingrige Kaiser. Von dem Leid, das die Deutsch-Westafrikanische Handelsgesellschaft durch ihre Geschäftstüchtigkeit den Menschen des afrikanischen Kontinents verursacht hat, muss selbst dem Einfältigsten keine Erklärung abgegeben werden.

    Deshalb fordern wir von Die PARTEI hiermit: 1. die umgehende Einstellung von Verhandlungen mit dem Kaiserspross und seinen Bediensteten, sowie 2. die Ablehnung jeglicher Nippesrückgabe an die Preußen und dafür 3. umfangreiche Reparationszahlungen durch die preußisch-kaiserlichen Verursacher des reichsdeutschen Kolonialismus.

    Außerdem ein Papier auf dem hundertmal (mit Feder und Tinte) der Satz vom Prinzen persönlich geschrieben wurde „Ich soll keine völlig überzogenen Forderungen stellen und bloß froh sein, dass die Guillotine in Deutschland abgeschafft wurde.“

    Sucht sich erst mal einen Platz im Schatten,

    Ihr MP in spe a.D.
    Tom Rodig

    „Rodig reflektiert: Kaiserschnitt“ erschien erstmals am 25. Juni 2021 in der aktuellen Printausgabe der LEIPZIGER ZEITUNG. Unsere Nummer 92 der LZ finden Sie neben Großmärkten und Presseshops unter anderem bei diesen Szenehändlern.

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      1 KOMMENTAR

      1. Das nenne ich mal einen Text!

        1. Eine echte Bewerbung für die Wahl zum MdB.

        2. Wo oder wie kann man die drei Forderungen unterstützen.

        3. Kann man das handgeschriebene Papier des Prinzen als Faksimile erwerben?

        Ach so und ein Vorschlag von mir: Die hoheitlichen Pisspötte (aber nur die!) zurückgeben; mit einer detaillierten Rechnung für die entstandenen Kosten für Aufbewahrung, Bewachung und eventueller Pflege…

        Das wär’s soweit von mir.

        Zeitungsartikel die einen zum Lachen bringen, dass es so etwas noch gibt!

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