Ab Samstag, 9. Mai, gibt es einen neuen Tag im Kalender. Bund, Länder und Gemeinden fanden, dass man eigentlich das seit Jahrzehnten für Städtebau ausgegebene Geld auch mal feiern könnte. Und zwar so feiern, dass die Bürger merken, was für schöne Sachen sie für das Geld bekommen haben. Natürlich feiert auch Leipzig mit - zum Erschrecken aller Nachbarn.

Denn die wollen den Tag natürlich auch feiern und möglichst vielen Gästen zeigen, wie auch bei ihnen Stadtkerne, wertvolle Hausbestände, Straßen und Plätze gerettet und aufgewertet wurden.

Und nun das: Das Leipziger Amt für Stadterneuerung und Wohnungsbauförderung (ASW) ruft nur einmal kurz die wichtigsten Akteure aus dem Leipziger Westen zusammen – und schon hat man ein großes Programm beisammen, das gleich wieder alles in den Schatten stellt, was im Umland ebenfalls am 9. Mai passiert. Eigentlich der ideale Tag, um auch mal rauszufahren und sich anzugucken, wie die kleineren Städte aus den verfügbaren Geldern seit 1991 das Beste gemacht haben. Programme bieten an: Eilenburg, Delitzsch, Markranstädt, Lützen, Halle natürlich, Merseburg, Weißenfels …

Bundesweit nehmen 570 Städte und Gemeinden an diesem Tag teil. Aber auch in Leipzig gab es ja die Qual der Wahl: Wo anfangen? Irgendwie war ja fast die ganze Stadt mal irgendwann Förder- oder Sanierungsgebiet. 11 Fördergebiete bestehen aktuell (von Stadtumbau Ost bis Soziale Stadt), 17 Sanierungsgebiete und 2 EFRE-Gebiete. Geht man nach Connewitz oder Gohlis-Süd, wo das mit den Sanierungsgebieten einst begann? Oder in den Leipziger Osten? Nein, heißt es aus dem ASW, der ist nächstes Jahr dran.

2015 hat sich das ASW auf den Leipziger Westen konzentriert. Der steht seit 2002 im Fokus der Stadtentwicklung, besitzt seitdem ein Quartiersmanagement und ist nicht wiederzuerkennen. Da staunt selbst Karsten Gerkens, Leiter des ASW, der ja den Stadtumbauprozess seit über 20 Jahrren leitet. “Er hat eine Nase, wenn es irgendwo neue Fördergelder gibt”, lobt ihn Baubürgermeisterin Dorothee Dubrau.

Nötig war’s. Kaum eine Stadt im Osten Deutschlands war 1991 so heruntergewirtschaftet wie Leipzig. Und ohne Fördergelder von Bund und EU wäre hier gar nichts losgegangen. Nicht vor 1998, als endlich auch die privaten Investoren begannen, die Gründerzeitstadt wieder zu beatmen. Die massiven Bevölkerungsverluste hatten direkt mit dieser klaffenden Lücke zu tun. Damals ging es ums Retten der alten Stadt. Als ab 1996 der Leipziger Süden in die Puschen kam, war im Westen und Osten noch längst nicht an Blüte zu denken. Auch wenn zu der Zeit tatsächlich mit dem Radweg am sanierten Karl-Heine-Kanal der eigentliche Grundstein gelegt wurde. “Das war die Initialzündung für den Westen”, erinnert sich Gerkens. Los ging aber trotzdem noch nichts. Das fing erst 2000 herum so richtig an, als die Stadt die alte Industriekultur zum EXPO-Projekt erklärte und den Wandel zur neuen Entwicklungsphilosophie machte. Nicht mehr warten auf irgendwelche Investoren (auch nicht auf die, die in Plagwitz ein ganzes Hochhausviertel hinsetzen wollten), sondern das Umnutzen zum Prinzip machen: Alte Klinkerfabriken zu neuen Lofts und Büroimmobilien.

Die Idee zündete. Ganz Leipzig zündete. Weil die Mittel zur Städtebauförderung oft genug tatsächlich an die richtige Stelle flossen. An den mit Städtebaufördermitteln aufgewerteten Schneisen, Plätzen, Brachen siedelten sich – nein, nicht die ersten Investoren  an, sondern die kreativen Pioniere. Das Musterbeispiel ist heute die Baumwollspinnerei. Der im Westen mittlerweile ein Dutzend ähnlicher Prokekte folgte – vom Westwerk bis zum Tapetenwerk, neuer Hotspot wird die alte Trikotagenfabrik. Und dass der Westen mit Plagwitz, Lindenau und Leutzsch seit fünf Jahren im Zentrum der Bevölkerungsentwicklung steht, hat sich herumgesprochen.

Wird am 9. Mai ein eigener Programmschwerpunkt. "Projekt Philippus". Foto: Marko Hofmann
Wird am 9. Mai ein eigener Programmschwerpunkt. “Projekt Philippus”. Foto: Marko Hofmann

Deswegen soll all das, was am 9. Mai zum “Tag der Stadterneuerung” im Westen gezeigt wird, auch extra für die jüngeren Bewohner des Viertels und für Leipziger, die lange nicht da waren, ein Angebot sein: Sehen, wie es geworden ist.

Deswegen startet die für den Tag geplante “Tour de Canal” auch am Stadtbüro in der Katharinenstraße 2 im Stadtzentrum. Dort will das ASW sein neues Memory vorstellen: ein Groß-Memory im Tür-Format mit Scheiben zum Drehen. Motto: “Früher und heute”. Wer dreht, wird Überraschungen erleben, wie sehr sich die einzelnen Orte im Westen verändert haben. “Im Prinzip in den letzten zwölf Jahren”, sagt Gerkens. “Länger ist das ja noch nicht.”

Da muss auch Gerkens immer wieder ins eigene Archiv gucken, um überhaupt noch einen Vergleich zu haben. Da liegen – zum Glück – auch ein paar Filmstreifen, die auch die Anfangszeiten eingefangen haben, wie das um 2000 herum losging in Plagwitz (ein völlig verpennter Stadtteil mit Tristesse-Faktor – kein Schwein konnte sich vorstellen, dass die Zschochersche Straße oder die Karl-Heine-Straße jemals eine andere Farbe bekommen würden als die von grauem Putz), als man in Lindenau außerhalb des Lindenauer Marktes gar nicht erst nach einer blühenden Zukunft suchen musste und auf der Georg-Schwarz-Straße gerade die Händler alle ihre Läden räumten. Die Videoclips aus 15 Jahren Stadtumbau im Westen werden am 9. Mai als Endlosschleife im “Zeitkino” in der Schaubühne Lindenfels zu sehen sein.

520 Millionen Euro Städtebauförderung seit 1991

Die rund 520 Millionen Euro an Fördergeldern, die Gerkens und seine Kolleginnen seit 1991 für Leipzig akquierieren konnten, haben Wirkung gezeigt, haben Leipzig tatsächlich geholfen, aus einer abrissreifen Stadthülse tatsächlich wieder zum Magneten zu werden. Über den Bevölkerungszuwachs von über 10.000 jedes Jahr staunt auch Gerkens. Rund 190 Millionen Euro hat Leipzig selbst auf die Städtebaufördergelder noch daufgepackt. 70 Millionen Euro Städtebauförderung flossen allein in das Fördergebiet Leipziger Westen. Als 2002 hier das erste Quartiersmanagement eingerichtet wurde, war das ein Sorgenkind. “Jetzt ist es unserer Sorgenkinder kleinstes”, sagt Gerkens.

Heißt also: Am 9. Mai kann man sehen, wie Stadtumbau zum Erfolg werden kann. Das ASW ist selbst präsent. Aber die meisten Stationen werden von den (ehrenamtlichen) Akteuren vor Ort bespielt, all den Leuten, die zum Beispiel mit dem Westbesuch die Karl-Heine-Straße zum Leben erweckt haben, die den Bürgerbahnhof Plagwitz zu einem Bürgerprojekt gemacht haben, die das soziale Engagement mit dem Engagement für einen eindrucksvollen Grünzug verbunden haben – wie der Wege e.V., oder die im Westen das Gärtnern wieder zur Tugend gemacht haben und auch noch eine alte Gärtnerei gerettet haben – wie der Annalinde e.V.

Deswegen wird sich Manches am 9. Mai an der Karl-Heine-Straße, der Lütznerstraße und der Demmeringstraße bündeln und ballen. Man kann die 13 Stationen selbst ablaufen, so wie man lustig ist. Zwischen 14 und 17 Uhr ist überall was los. Die “Tour de Canal”, die vom Stadtbüro in der Katharinenstraße zum und auf den Karl-Heine-Kanal-Radweg führt, beginnt 14 Uhr. 16.30 Uhr beginnt dann ein Bus-Shuttle, der die Feierlustigen aus Plagwitz zum Lindenauer Hafen bringt, wo bis 21 Uhr ein Familienfest gefeiert wird.

Wie die Zukunft der Stadterneuerung aussehen wird, kann auch Karsten Gerkens nur erahnen. Auf jeden Fall werden die Gelder künftig weniger in Bauprojekte, Parks, Wege und Plätze fließen, verstärkt dafür in soziale Netzwerkarbeit. Denn auch wenn Leipzigs Bausubstanz wieder schön aussieht – ein paar Quartiere, in denen die sozialen Konflikte offen zu Tage liegen, gibt es noch immer. Und hier muss die Stadt natürlich tätig werden.

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Es gibt 4 Kommentare

Nachsatz:

Ich möchte noch einmal klar stellen, die 520 Millionen Euro an Fördergeldern verteilt auf ca. 20 Jahre und investiert in unserer Stadt, sieht man schon und das ist gut und jeder hier ist dankbar.

Doch man bedenke, wir sprechen von einer abrissreifen Stadthülse, es heißt; Kaum eine Stadt im Osten Deutschlands war 1991 so heruntergewirtschaftet wie Leipzig, es wird von „Beatmung“ geschrieben, dass es ums Retten der alten Stadt ging, usw..

Also – es ist gut investiertes Geld, aber der Hinweis darauf, dass gleiche Summe ein Chef-Duo als Bonuszahlung erhält oder andernorts eine S-Bahnlinie oder ein Krankenhaus erweitert wird und es eben hier auf Jahrzehnte für Stadtentwicklung herhalten muss, hat nichts an Relevantz verloren.

Die schräge Verhältnismäßigkeit bleibt bestehen.

Dirk, Ihre Korrektur ist völlig richtig.
“Die rund 520 Millionen Euro an Fördergeldern, die Gerkens und seine Kolleginnen seit 1991 für Leipzig akquirieren konnten”.
Natürlich ergeben 520000000 auf rund 20 Jahre eine interessante Ausstattung 😉

JG, die 520 Mio. EUR sind nicht für 570 Städte und Gemeinden, sondern nur für Leipzig gekommen. Und das ist das Fördergeld aus dem bundesweiten Städtefördertopf. Dazu gibt es zuhauf weitere Fördertöpfe – und natürlich den riesigen Anteil privater Investitionen. Alle Bahn und Bundesstrassenprojekte sind da zum Beispiel außen vor….Aber spannend ist es trotzdem. Ich war heute in der Georg-Schumann-Strasse 209 in einer wunderschön restaurierten Turnhalle “Herrenturnhalle”. Hat sicher >1 Mio. EUR gekostet. Interessant war, dass die Stadt keinerlei Nutzungskonzept hatte. Glücklicherweise fand sich zufällig ein Verein, der da jetzt ab und zu etwas Leben in die Bude bringt… Da wünschte ich mir mehr Sorgfalt bei der Projektauswahl. Lieber mal einen Park mehr anlegen. Der wird auch genutzt 🙂

520 Millionen hört sich viel an.
Aber als Förderprogramm zum Städtebau?

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LEUTE: Für 570 Städte und Gemeinden gerade mal 520000000 € in 20 Jahren ist ein Witz.
Das sind rechnerisch ein bis zwei Einfamilienhäuser pro Ortschaft.
Da gibt es nichts zu feiern! Nichts!

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