Es gibt Schutzrechte, die sind nicht nur den Deutschen im Allgemeinen heilig, sondern auch den Leipziger Stadträten. Und damit ist nicht der Umweltschutz gemeint, sondern der Denkmalschutz. Wenn ein emsiges Amt entschieden hat, an einem Gebäude wie dem der ehemaligen II. Bürgerschule ein kleines blau-weißes Emaille-Schild anzubringen, gerät nicht nur die Stadtverwaltung in Panik. Auch die Ratsfraktionen bekommen kalte Füße.

Denn mit diversen Änderungsanträgen machen die im Leipziger Stadtrat vertretenen Fraktionen jetzt deutlich, wie sehr sie von den Planern der Stadt in die Enge getrieben wurden. Denn augenscheinlich argumentiert die Stadt in der Diskussion um das alte Haus des Naturkundemuseums, den 180 Jahre alten Kasten der ehemaligen II. Leipziger Bürgerschule, mit den Zwängen des Denkmalschutzes. Der würde eine – eben denkmalschutzgerechte – Sanierung des Hauses praktisch sehr teuer machen.

Diese Panik wird in einem Antrag der CDU-Fraktion deutlich. “Die stadteigene Immobilie Lortzingstraße 3 befindet sich in einem hochgradig sanierungsbedürftigen Zustand. Die sach- und denkmalgerechte Sanierung, egal für welchen späteren Nutzungszweck, erfordert einen zweistelligen Millionenbetrag. Dieser ist angesichts des Investitionsbedarfs für die Erfüllung städtischer Pflichtaufgaben in der mittel- und längerfristigen Finanzplanung nicht darstellbar”, heißt es darin. Was die Leipziger sicherlich verblüffen dürfte, denn dutzendweise wurden denkmalgeschützte Prachtbauten im Leipziger Zentrum seit den 1990er Jahren völlig entkernt, nur ein Teil der Fassade blieb stehen und der Denkmalschutz zuckte nicht mal mit der Wimper.

Und die ersten Kostenabschätzungen zur Lortzingstraße gingen auch von einer völligen Entkernung aus. Was den Bau selbst im Vergleich mit der scheinbar billigeren Variante Bowlingtreff wettbewerbsfähig machte.

Was aber für private Bauherren leicht zu erlangen scheint, ist für die Stadt Leipzig augenscheinlich unmöglich. Dass die Haussubstanz in dem ehemaligem Schulgebäude völlig verschlissen ist, dürfte verständlich sein. Was übrigens Folgen hat für alle Pläne, dieses Haus in irgendeiner Form nachzunutzen, zu verpachten oder gar zu veräußern. Ein wenig ist das auch der CDU-Fraktion bewusst: “Zudem ist eine Nachnutzung dieser Immobilie für städtische Pflichtaufgaben wie Schule, Kita oder Asylbewerberunterbringung nach unserer Kenntnis nicht oder nur mit unvertretbar hohem Aufwand  möglich.”

Aber das gilt auch für jeden privaten Käufer und Investor. Ein Gedanke, der der CDU-Fraktion augenscheinlich nicht einfiel: “Vor diesem Hintergrund leistet der Verkauf der Immobilie Lortzingstraße 3 nicht nur einen zwingend notwendigen Finanzierungsbeitrag für den neuen Standort des Naturkundemuseums, sondern entlastet die Stadt auch von künftigen Investitionsbedarfen im nicht-pflichtigen Aufgabenbereich.”

Von welchem Erlös spricht die Fraktion da? Welcher Investor kauft eigentlich eine Immobilie, die erst “für einen zweistelligen Millionenbetrag” saniert werden muss, in ihrem räumlichen Zuschnitt aber für eine lukrative Vermietung eigentlich nicht zu gebrauchen ist?

Und gar unter der Bedingung, die die CDU-Fraktion stellt: Verkauf möglichst jetzt schon, Eigentumsübertragung aber erst, wenn das Naturkundemuseum in die Baumwollspinnerei umgezogen ist: “Zwingende Voraussetzung für den Standort Halle 7 Baumwollspinnerei ist der rechtskräftige Verkauf der Immobilie Lortzingstraße 3 im Höchstgebotsverfahren mit Eigentumsübergang nach Auszug des Museums.”

Einen Vorgang, den die Grünen-Fraktion völlig anders sieht, sie spricht in ihrem Änderungsantrag überhaupt nicht von Verkauf: “Die weitere Verwertung der Liegenschaft des Naturkundemuseums am heutigen Standort (Lortzingstr 3) erfolgt nach dem Umzug des Naturkundemuseums an den neuen Standort. Notwendige Beschlüsse dazu werden frühestens nach dem Planungsbeschluss vom Stadtrat eingeholt.”

Was dann schon eher deutlich macht, dass die Stadt Leipzig da mit dem denkmalgeschützten Kasten ein Problem hat, für das sie keine Lösung hat. Dass so ein Schutzstatuts auf Jahrzehnte dafür sorgen kann, dass überhaupt nichts passiert und sich auch kein Privater für die geschützte Immobilie interessiert, belegen mittlerweile schon mehrere markante Gebäude in Leipzig: das völlig unverkäufliche Stadtbad, der ebenso nicht nutzbare Bowlingtreff, das für moderne Hotelnutzungen augenscheinlich nicht nutzbare “Astoria”, im Musikviertel das schon seit Jahren ruinöse Hotel des Ministerrats der DDR usw. Alle mit einem blau-weißen Emaille-Schild.

Bei der ehemaligen Hauptpost am Augustusplatz ist erst Bewegung in die Planungen gekommen, als die Stadt auch größeren Eingriffen in den Baukörper zugestimmt hat.

Und dasselbe wird wohl auch für das Haus an der Lortzingstraße einmal zutreffen, wenn ein findiger Investor den ruinösen Baukörper für ein paar Peanuts erwirbt und der Stadt dann die Pistole auf die Brust setzt, dass sie stärkere Veränderungen am Haus genehmigt.

Die Klemme ist derzeit so groß, dass praktisch alle Fraktionen nur noch über eine preiswerte Unterbringung des Naturkundemuseums in der Halle 7 der Baumwollspinnerei nachdenken und alle Hoffnung darauf setzen, dass die künftige Direktorin oder der künftige Direktor eine Konzeption vorlegen, die alle Nachteile des Standorts irgendwie ausbügelt. Denn die Verwaltungsvorlage ist ja auch mit dem Masterplan von 2012 ausgereicht worden, der dezidiert erklärt, warum nur Bowlingtreff und Lortzingstraße in der engeren Wahl blieben.

Auch die Grünen hoffen, dass der Sprung in die Spinnerei irgendwie glückt: “Im Jahr 2017 wird der Planungsbeschluss zur Umsetzung der Museumskonzeption vorgelegt. Über die Bereitstellung der im Ergebnis der Vorplanung ermittelten Kosten wird im Rahmen der Haushaltsplanung entschieden. Der vorgesehene Kostenansatz darf die als notwendig erachteten 8 Mio. EUR nicht unterschreiten. Die Mittel werden dann entsprechend durch das Fachamt angemeldet, ebenso die Mittel der Bewirtschaftung.”

Das ist so eine Art Hoffen auf einen Geniestreich, während die eigentlich naheliegende Idee, das Museum einfach innenstadtnah neu zu bauen, völlig vom Tisch ist. Der Wilhelm-Leuschner-Platz würde sich dafür anbieten, selbst dann, wenn sich für das Haus an der Lortzingstraße ein reicher Investor findet. Oder sich gar schon gefunden hat. Denn die Vorlage der Verwaltung bietet keinen wirklich nachvollziehbaren Grund für die Auslagerung des Museums in die Alte Baumwollspinnerei. Außer den, dass es Fördergelder gibt und die Sache im ersten Schritt billiger aussieht.

Der Änderungsantrag der Grünen-Fraktion.

Der Änderungsantrag der CDU-Fraktion. Die Kostenabschätzung zu Bowlingtreff und Lortzingstraße.

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Keine Kommentare bisher

Das Museum in die Spinnerei zu verfrachten ist wirklich grober Unfug!
Meiner Meinung nach kommt man mit vernünftigem Denken zu diesem Schluss.
Bisher dachte ich, irgendjemand wird schon die Reißleine ziehen, wenn es zu pervers wird – so langsam wird mir aber mulmig…
Bisher offensichtlich: Die Stadt will oder kann partout kein Geld ausgeben für bezahlbaren und ausreichenden ÖPNV (obwohl Umweltziele das eigentlich fordern).

Warum sollte sie das auf einmal tun?
Welcher Stadtbesucher fährt an den Rand der Stadt in jenes Museum?

Da es momentan keine Zinsen für Geld gibt – Investoren aufgepasst:
– Lortzing-Haus billig kaufen
– Stadt Pistole auf die Brust setzen, um Denkmalschutz aufzuweichen
– Fassade stehen lassen, Museum hinein bauen
– an Stadt für 99 Jahre vermieten!
Fertig.

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