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Mitten in der beginnenden Vegetationszeit wurden die Nachbarschaftsgärten an der Siemeringstraße kahlrasiert

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    Leipzig verändert sich. Rasant ist wahrscheinlich genau das richtige Wort dafür. Und das, wovon das Amt für Stadterneuerung und Wohnungsbauförderung (ASW) vor zehn Jahren nur träumte, passiert jetzt tatsächlich. Zum Entsetzen der Leipziger.

    Denn tatsächlich hatte man sich ja daran gewöhnt, dass in dieser Stadt Dinge möglich sind, die in anderen Großstädten undenkbar waren. Die Stadtquartiere waren durchsetzt mit Brachen, die auch durch die emsige Werbearbeit des ASW neue (Zwischen-)Nutzungen fanden: Engagierte Leipziger konnten hier die Träume eines anderen urbanen Lebens verwirklichen. Eines der Vorzeigebeispiele waren die Nachbarschaftsgärten in Lindenau. Auf einer Abrissfläche zwischen Joseph- und Siemeringstraße entstanden, waren sie nicht nur zu einem neuen und grünen Treffpunkt der Lindenauer geworden, zu einer Oase mitten in einem Stadtgebiet, das noch vor zehn Jahren trist aussah, unsaniert und eigentlich hoffnungslos.

    Das Pech für die Akteure: Genau so, wie das Projekt angelegt war, funktionierte es auch. Es machte diesen Teil von Altlindenau attraktiver. Auf einmal fanden es gut verdienende Mitbürger schick, sich hier um die Ecke ein Eigenheim zu bauen. Hausbesitzer fanden wieder Mut, ihre Häuser zu sanieren. Oder sie verkauften sie an Interessenten, die den Wohnraum wieder marktfähig machten.

    Wer heute durch die Josephstraße kommt, die auch mit Fördermitteln zu einer verkehrsberuhigten Spielstraße gemacht wurde, erkennt sie nicht wieder. Die Buchkinder haben hier einen Kindergarten bekommen. Von Tristesse keine Spur mehr.

    Die Reste der Nachbarschaftsgärten an der Siemeringstraße. Foto: Ralf Julke
    Die Reste der Nachbarschaftsgärten an der Siemeringstraße. Foto: Ralf Julke

    Etwas anders sieht es in der parallelen Siemeringstraße aus. Hier erinnert auch das desolate Pflaster noch an die alten Zeiten. Aber lange wird das so nicht mehr bleiben. Das ist seit dem Frühjahr 2014 eigentlich klar, als der Verkauf der hier liegenden Grundstücke der Nachbarschaftsgärten bekannt wurde. Die Nachbarschaftsgärtner kämpften zwar mit all ihren Möglichkeiten, versuchten die Stadt und insbesondere das ASW als Partner zu gewinnen, doch noch möglichst viel von den rustikalen Gartenflächen zu erhalten.

    Am Ende stand ein Kompromiss, der freilich trotzdem nicht viel von diesem kurzen grünen Abenteuer übrig ließ. Im Grunde schrumpfen die Nachbarschaftsgärten jetzt auf die wenigen Grundstücke an der Josephstraße.

    Aber dass auf einmal völlig andere Gesetze zu herrschen scheinen, wenn solche Grundstücksfragen geklärt sind und der Bauherr ans Bauen denken kann, das erlebten die Anwohner in dieser Woche. Mitten in der gerade begonnenen Vegetationsperiode rückten die Baumfäller an.

    „Als ich heute auf meinen Balkon trat, traf mich beinahe der Schlag“, berichtet eine Anwohnerin. „Auf dem an die Siemeringstraße angrenzenden Grundstück – einer großen Freifläche, die bis hinüber an die parallel verlaufende Josefstrasse grenzt – waren sämtliche Bäume gefällt worden. Das komplette Grundstück kahlrasiert. Nur ein Baumstamm mit einem Brutkasten ist stehen geblieben. Der Schutzraum für die in wenigen Wochen schlüpfende Brut fehlt komplett. Es ist verboten während der Vegetationszeit Baume zu fällen!! Angeblich liegt für das zukünftige Baugrundstück eine Sondergenehmigung zum Fällen der Bäume vor. Gelten für Großbauprojekte andere Regeln?“

    Ein Thema, das in diesem Frühjahr augenscheinlich Dutzende Gründstücke in ganz Leipzig betraf. Um Baufreiheit zu schaffen, werden komplette Baumbestände entfernt, die oft schon seit Jahrzehnten auf den Brachen standen. An der Siemeringstraße aber wurde eindeutig zu einem Zeitpunkt losgesägt, an dem das Bäumefällen sonst verboten ist.

    Und entsprechend deutlich fällt der Kommentar eines anderen Anwohners aus, als er berichtete, dass im Nachbarschaftsgarten die Bagger angerückt sind. „Bei voller Vegetationszeit werden die Bäume gefällt. Als langjähriger Nutzer und Liebhaber dieses Leipziger Kleinods zerreißt es mir das Herz. Wir haben nichts unversucht gelassen, wir haben gekämpft. Doch am Ende heißt es wieder ‚Geld regiert die Welt‘. – Am Beispiel Nachbarschaftsgärten bekomme ich eine leise Ahnung davon, warum Menschen politikverdrossen werden. Es verlangt einem viel Kraft und Energie ab, eine Petition zu schreiben, Mehrheiten zu gewinnen, endlose Gespräche in Diskussionsrunden, Handlungsstrategien abzuwägen, immer wieder am Ball zu bleiben, einen langen Atem zu behalten trotz schlechter Aussichten. – Am Ende siegt das Kapital, die Versprechen von Bürgerbeteiligung und haste nicht gesehen sind alle hohl: ‚Ihr hättet ja können…!‘, ‚Warum habt ihr nicht …?‘ – Heute haucht der Nachbarschaftsgarten seine Seele aus, und Lindenau verliert ein Stück seines Herzens. – Heute bin ich sehr traurig. Die Wut bleibt – wohin damit?“

    Und das stellt natürlich einige Fragen an die derzeitige Leipziger Stadtpolitik und das, was tatsächlich unter Bürgerbeteiligung und Bürgerengagement verstanden wird.

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