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Ökolöwe macht Druck: Einen Ausbau des Massentourismus auf Leipzigs Gewässern darf es nicht geben

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    Der Widerstand gegen eine Fortschreibung des Wassertouristischen Nutzungskonzepts wächst. Auch im Stadtrat. Seit Januar wandert der Aufstellungsbeschluss zur „Fortschreibung Wassertouristisches Nutzungskonzept“ durch die Gremien des Stadtrates. Am 16. September sollte er schon zur Beschlussfassung in den Stadtrat. Und wurde verschoben. Am 7. Oktober – dasselbe. Am morgigen 14. Oktober steht er nun wieder als Punkt 8.7 auf der Tagesordnung. Der Ökolöwe meldet sich entsprechend deutlich zu Wort.

    Eigentlich zum wiederholten Mal. Denn seit 2019 ist klar, dass die Verantwortlichen im Grünen Ring für eine Fortschreibung des Wassertouristischen Nutzungskonzepts (WTNK) keinerlei Rückendeckung mehr durch die Umweltverbände bekommen.

    Die verließen damals allesamt den Runden Tisch, an dem sie eigentlich eingebunden werden sollten in die Fortschreibung des Konzeptes, das vor allem auf eines zielt: die Gewässerlandschaft in und um Leipzig für den (Massen-)Tourismus zu erschließen – mit befahrbaren Kanälen, mit Häfen, Kaianlagen, Schleusen und Rastplätzen. Das Konzept war seit seiner ersten Erstellung im Jahr 2005 umstritten.

    Etliche der damals festgeschriebenen Bausteine erwiesen sich als nicht ansatzweise umweltverträglich. Teilweise wurden die Einwände der Umweltverbände einfach ignoriert. Oder sie mussten – wie beim Floßgraben – später teilweise korrigiert werden. Oder sie führten – wie bei der Markkleeberger Wasserschlange – zur Nichtgenehmigungsfähigkeit.

    Aber einige der heftigsten Projekte liegen ja nach wie vor im Leipziger Stadtgebiet – der Ausbau des Stadthafens zum Beispiel oder das völlig abwegige Projekt „Alte Elster“ – mit dem würde dem Auenwald endgültig das Wasser abgegraben und stattdessen eine massive Hochwasserbelastung ausgerechnet im Bereich des Klärwerks Rosental erzeugt.

    Mittlerweile hat der Leipziger Stadtrat längst umgedacht – im Frühjahr sichtbar geworden mit dem Beschluss des Auwaldentwicklungskonzeptes, das endlich das in Gang setzen soll, was seit 1990 überfällig ist: die Rettung des Leipziger Auenwaldes. Die drei zurückliegenden Sommer mit ihren fehlenden Niederschlägen haben so richtig gezeigt, wie gestresst der Auenwald mittlerweile ist.

    Ihm fehlt nicht nur der Regen, ihm fehlen nicht nur die jahreszeitlichen Überschwemmungen – ihm fehlt auch noch das Grundwasser, das durch die tief eingeschnittenen Kanäle von Nahle und Neuer Luppe abgeführt wird. Ergebnis: vertrocknete Bäume, die einfach umfallen, weil sie selbst in tieferen Erdschichten nicht mehr genug Wasser finden.

    Das ist keine Flussaue, sondern ein Steuerungsbauwerk für einen Abflusskanal. Foto: Ralf Julke
    Das ist keine Flussaue, sondern ein Steuerungsbauwerk für einen Abflusskanal. Foto: Ralf Julke

    Entsprechend deutlich hatten sich Ökolöwe und BUND schon vor der September-Ratsversammlung geäußert. Für den 14. Oktober steht der Vorschlag zur Fortschreibung doch noch zur Abstimmung. Nebst einigen Änderungsanträgen insbesondere aus der Grünen-Fraktion. Aber bevor das Auenentwicklungskonzept nicht vorliegt, darf es überhaupt keine neuen Pläne für irgendeine Art von (Massen-)Touriusmus in der Elsteraue geben.

    „Im Mai 2020 bekannte sich der Leipziger Stadtrat endlich zur Rettung der Leipziger Aue, indem er das Auenkonzept in Auftrag gab. Hierbei wurde explizit beschlossen, dass der Revitalisierung keine einzige Maßnahme im Weg stehen darf“, betont der Ökolöwe jetzt in seiner neuerlichen Wortmeldung zum Thema.

    „Ganz oben auf diese Maßnahmenliste gehört das wassertouristische Nutzungskonzept (WTNK) mit seinen wasserbaulichen Projekten! Als gäbe es diesen Beschluss nicht, sollen in der Ratsversammlung am 7. Oktober 2020 Tatsachen geschaffen werden: Der Grüne Ring will den Massentourismus auf Leipzigs Gewässern und somit auch im Schutzgebiet Auwald voranbringen. Hierfür soll der Stadtrat die Aufstellung des WTNKs beschließen.“

    In der Ratsversammlung am 7. Oktober wurde der Beschlusspunkt bekanntlich vertagt.

    „Wenn der Stadtrat vor dem Auenkonzept die Aufstellung und dann das WTNK beschließt, handelt er gegen seinen eigenen Beschluss! Wir Ökolöwen und der BUND Leipzig bitten den Stadtrat nochmals eindringlich, nicht durch voreilige Beschlüsse die Rettung des Auwaldes zu verbauen. Denn dadurch werden verbindliche Rahmenbedingungen geschaffen, die später einer intakten Gewässerlandschaft im Weg stehen“, mahnt der Ökolöwe.

    Auch das ist keine Flussaue, sondern ein künstlich geschaffener Kanal. Foto: L-IZ.de
    Auch das ist keine Flussaue, sondern ein künstlich geschaffener Kanal. Foto: L-IZ.de

    Das vom Projekt „Lebendige Luppe“ zu erarbeitende Auenentwicklungsprogramm wird 2023 erst vorliegen. Und wenn es fundiert ist, wird es voller Maßnahmen sein, die aus dem seit 100 Jahren von Deichen und Verbauen zerschnittenen Auensystem wieder eine richtige, lebendige Flussaue machen. Denn das, was die Leipziger dort beim Spaziergang sehen, hat mit einer lebendigen Flussaue nichts, aber auch gar nichts zu tun.

    Und so wie die Fortschreibung zum WTNK steht am morgigen 14. Oktober auch die Vorlage „Ersatzneubau Leutzsch-Wahrener Brücke (II/5) im Zuge der Gustav-Esche-Straße über die Nahle – Bestätigung der Vorzugsvariante“ als Tagesordnungspunkt 8.5 auf dem Programm – auch sie nun seit September immer wieder vertagt, am 29. September noch einmal im Fachausschuss Umwelt, Klima und Ordnung behandelt. Denn die Brücke würde genau so ein Bauwerk sein, dass eigentlich Rücksicht nehmen sollte auf das Auenentwicklungskonzept. Und der Widerstand in einigen Ratsfraktionen gegen diese Vor-Entscheidung war deutlich.

    Wo der Konflikt liegt, beschreibt der Ökolöwe so: „Damit die gesamte Elster-Luppe-Aue eine Zukunft hat, müssen endlich die kanalisierten Flüsse wieder renaturiert werden. Nur so kann der ökologische Zustand der Gewässer sowie auch deren Attraktivität verbessert werden. Um die Nahle als natürlichen Luppe-Fluss zu renaturieren, braucht sie ein breites und hochliegendes Flussbett mit Platz für eine strukturreiche Uferzone.

    Aber dies scheint das Verkehrsamt nicht zu interessieren und schreibt die Flussregulierung wie vor 100 Jahren fort, als gäbe es keinen defizitären Wasserhaushalt in der Aue! Die alte Luppe wurde in den 1920/30er Jahren als Nahle zur Drainage der Aue tief ausgebaut und bewirkt deren fortschreitende Austrocknung. Zusammen mit der Weißen Elster war dieses Fließgewässer aber ursprünglich Teil eines umfangreichen Binnendeltas, dass für eine regelmäßige Überflutung der Elster-Luppe-Aue sorgte. Das gilt es wiederherzustellen!“

    Heißt im Klartext: Der Stadtrat kann jetzt über diesen Brückenneubau nicht entscheiden. Nicht, bevor nicht klar ist, wie die Nahle künftig einmal aussehen soll – wenn sich die Forscher nicht gar eindeutig dafür entscheiden, die Alte Luppe wieder zum Hauptfluss in der nördlichen Aue zu machen – was übrigens den Neubau der „Alten Elster“ völlig ad absurdum führen würde, denn die würde genau das Wasser wegführen von der Aue, das im Bereich der Alten Luppe dringend gebraucht wird. Und zwar jeder Tropfen.

    Die berechtigten Mahnungen der Umweltverbände sind in einigen Ratsfraktionen inzwischen angekommen.

    Man kann nicht – wie es das alte WTNK immer gemacht hat – Tourismus gegen Umweltschutz aufwiegen. Der Klimawandel mit seinen Hitzesommern und Dürren hat endgültig klargemacht, dass nichts wertvoller ist als intakte und lebendige Flusslandschaften.

    „Die Rettung des Auwaldes und somit die Entwicklung eines lebendigen Auensystems muss an erster Stelle stehen, denn Arten- und Biotopschutz sind hier nicht verhandelbar“, stellt deshalb auch der Ökolöwe fest. „Und nur eine lebendige Auenlandschaft ist auch die Grundvoraussetzung für den Erhalt von Leipzigs wichtigstem Naherholungsort. Mit dem Boot, zu Fuß, mit dem Fahrrad oder zu Pferd, für Leipziger/-innen gibt es viele Möglichkeiten, die Natur im Auwald exklusiv zu genießen. Für Massentourismus aber sind der Auwald und seine Gewässer tabu.“

    Ökolöwe und BUND Leipzig: Die Revitalisierung der Leipziger Aue ist wichtiger als Wassertourismus

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      1 KOMMENTAR

      1. Ich finde es seltsam, dass die Umwelt- und Naturschutzverbände sich nicht miteinander verbünden bei diesem Thema. Irgendwie sind alle dagegen, aber jeder kritisiert das WTNK mehr oder weniger für sich. Außer der NABU Leipzig, der hält sich aktuell offenbar gänzlich aus dem Thema raus? Für die Flüsse und den Auwald ist eine Fortführung des WTNK jedenfalls kontraproduktiv. Ich verstehe auch nicht, was mir als Otto-Normal-Bürger eine Fortführung des WTNK bringen soll. Viel eher entwertet ja die forcierte touristische Nutzung den Auwald – nicht nur betreffs des Naturschutzes, sondern auch betreffs des Erholungswertes. Und für das viele Geld, was man da investieren will, gäbe es relevantere Verwendungen, die auch der Allgemeinheit was bringen.

        Zudem ist die in Europa geltende WRRL recht eindeutig, oder? Deutschland wurde ja schon 2018 gerügt wegen zu hoher Nitratwerte im Grundwasser, in einem Artikel in der Zeit stand: „Strafzahlungen in Milliardenhöhe könnte die EU-Kommission nun in einem zweiten Schritt durchsetzen.“

        Der kleine Steuerzahler zahlt die Zeche… und bekommt dafür eine kaputte Natur und schlechtes Grundwasser – warum zum Fuchs will man hier dieses WTNK noch mal durchdrücken? Der Allgemeinheit schadet es eher – und der Natur erst recht.

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