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Anders Wohnen in Leipzig ist möglich: Ein kleines Interview zum karlhelga e. V. in Plagwitz

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    So geht es einem, wenn einem bei Lesen eines stimmungsvollen Textes noch lauter Fragen einfallen. Den Text hat uns der in Plagwitz heimische karlhelga – Verein für historische Last- und Zirkuswagen e . V. geschickt. Ein richtiges kleines Manifest für radikal andere Möglichkeiten, in einer Großstadt wie Leipzig künftig zu leben. Aber zu Leipzigs Wagenplätzen gibt es noch viel mehr zu erzählen. Und deshalb haben wir nachgefragt.

    Und Birte Lampart vom karlhelga e. V. hat uns unsere Fragen zum Wagenplatz karlhelga beantwortet, dem es eigentlich genauso geht wie anderen Leipziger Wagenplätzen auch. In der deutschen Baugesetzgebung kommen sie nicht vor. Und so schweben sie fast alle in einer Grauzone, mit der sich auch Leipzigs Stadtpolitik schwertut. Dabei ist die Sehnsucht vieler Menschen nach einer echten Alternative zum übliche Eigenheim oder zur teuren Mietwohnung in der Großstadt groß.

    Aber die Antworten sind so schön ausführlich geworden, dass wir sie hier einfach komplett bringen.

    Das schöne Manifest zu karlhelga veröffentlichen wir gleich danach.

    Seit wann gibt es karlhelga genau?

    Seit Sommer/Herbst 2008, also über 12 Jahre.

    Wie ist der aktuelle Status des Platzes? Gehört er dem Verein? Ist er gepachtet? Gehört er der Stadt?

    Er ist von einer privaten Person gepachtet und wir haben immer wieder unser Kaufinteresse betont, da wir den Ort im Viertel langfristig erhalten wollen.

    Gibt es Anzeichen, dass der Platz gefährdet ist und wenn ja, welche? Oder hat der Verein seine Kämpfe schon hinter sich und ein Modell gefunden, das in Leipzig funktioniert?

    Wir haben einen Gewerbemietvertrag, mit dreimonatiger Kündigungsfrist, deswegen ist unsere Situation leider nicht sicher. Wir könnten jederzeit gekündigt werden.

    Welche Wünsche gibt es an die Stadt zum Umgang mit Wagenplätzen und ihrer langfristigen Sicherung?

    Die Kommunikation mit der Stadt zu unserem Platz funktioniert teilweise schon sehr gut, die Stadt weiß, dass sie subkulturellen Projekten wie karlhelga Einiges zu verdanken hat. Wir sind für viele Leute im Viertel eine wichtige Anlaufstelle. In Zeiten, in denen Gentrifizierung und Verdrängung auch immer mehr das Stadtbild Leipzigs bestimmen, ist es wichtig, solche Orte nicht aus dem Blick zu verlieren. Wir wünschen uns von der Stadt Unterstützung für die langfristige Sicherung von Orten alternativen Lebens wie dem unseren.

    karlhelga im Winter. Foto: karlhelga e.V.
    karlhelga im Winter. Foto: karlhelga e. V.

    Reicht eigentlich der Platz oder müssen Interessenten abgewiesen werden? Was empfehlen die Vereinsmitglieder dann?

    Es gibt eindeutig mehr Nachfrage, als es Stellplätze bei uns gibt, die Nachfrage nach gemeinschaftlichem, bezahlbarem Wohnraum ist groß. Dies ist so, trotz der Einschränkungen, die ein Leben im Wagen mit sich bringt. Es kommen ganz unterschiedliche Menschen zu uns und fragen nach Stellplätzen: Studierende, alleinerziehende Eltern mit Kids, plötzlich wohnungslos gewordene, Auszubildende, Menschen die nach einem Ausweg aus dem Leben im Hamsterrad suchen …

    Wir versuchen offen gegenüber allen neuen Menschen zu sein und vielen eine Chance zu geben, das Wagenleben einmal kennenzulernen. Natürlich haben wir auch nur begrenzt Platz und letztendlich entscheiden alle zusammen, wer einziehen kann und wer nicht. Es braucht auf jeden Fall viel mehr Wagenplätze in Leipzig und genügend Brachflächen, die zum Teil gerade nur als illegale Müllablagerungsflächen genutzt werden, gibt es ja …

    Wie viele Wagen stehen auf dem Gelände? Denn die 50 Erwachsenen wohnen ja bestimmt nicht alle einzeln im Zirkuswagen.

    Zu den Wagen, in denen die Menschen wohnen, gibt es auch noch einige Wagen, in denen Leute, die hier ihren Berufen nachgehen, ihre Werkstatt haben. Dazu bauen auch einige auf unserer Bauplatte ihre zukünftigen Wagen aus. Die Frage ist schwierig zu beantworten. Ich würde die gesamte Anzahl auf ca. 70 schätzen.

    Und mal ganz plakativ: Wie haben die Mitglieder des Vereins eigentlich den kalten Winter überstanden? Oder sind die Wagen so gut isoliert und beheizt, dass auch Frost und Schnee kein Problem sind?

    Gerade im Winter verwandelt sich ein Wagen schnell mal in eine Sauna, wir haben eigentlich fast alle gut vorgesorgt und die Wagen sind gut gedämmt, sodass es schnell sehr, sehr warm werden kann (ca. 30 Grad). Der Raum ist auch sehr begrenzt (meist unter 20 m²), was die Effektivität von einem Ofen noch steigert. Das Heizen mit Holz und Ofen lässt sich nicht so gut regulieren wie das Drehen am Knopf einer Heizung, das wissen bestimmt auch viele, die noch in Wohnungen mit Öfen heizen.Tatsächlich haben wir auch einen gemeinschaftlichen Sauna-Wagen auf dem Platz, der, gerade wenn es draußen schneit, sehr beliebt ist. Wenn es wirklich in die Minusgrade über 10 geht, dann ist es schon ein bisschen anstrengend, teilweise heißt es dann: Nachts den Wecker stellen und den Ofen nachfeuern, sonst ist es am nächsten Morgen bitterkalt und der Wasservorrat eingefroren.

    Und wie ist das mit der Mobilität? Schaffen es alle, sich auch umweltfreundlich zu bewegen?

    Wir haben viele Fahrräder und Lastenräder auf dem Platz und auch einige Leute, die sich mit der Reparatur auskennen und dies auch anbieten. Es gab sogar E-Roller, die über Solarstrom geladen werden. Dadurch sind alternative umweltfreundlichere Transportmittel häufiger vertreten, als wohl in den meisten normalen Mietshäusern.

    Natürlich sind wir aber auch ganz normale Menschen, die z. B. teilweise für ihre Arbeit größere Transporter oder Autos benötigen. Es gibt auch Leute, die einen ausgebauten Bus besitzen und hiermit auch einmal unterwegs sind. Wobei wir uns (anders als Politik und Wirtschaft) daran orientieren, dass es ökologischer als ein neues E-Auto ist, kein neues Auto zu produzieren! Und eben alte reparieren und instand halten.

    Und wie ist das mit der veganen Küche? Ist die öffentlich? Und wann und wie kann sie von Leckermäulern von außerhalb genutzt werden?

    Wir hatten vor Corona jeden Montag eine vegane Küche für alle angeboten, die von vielen Leuten im Viertel als gemeinschaftlicher Treffpunkt genutzt wurde, oder auch als wichtige Versorgungsmöglichkeit. Mit der Pandemie haben wir die Küche für alle erst einmal eingestellt und schauen nun, was und wann wir hier in diese Richtung wieder anbieten. Es geht jetzt erst langsam wieder los mit öffentlichen Veranstaltungen, darunter befinden sich in nächster Zeit Konzerte, ein Zirkusfestival mit Kunstausstellungen und öffentliche Kino-Abende. Natürlich all dies mit Corona-Konzept und draußen.

    Und ist auch mal eine Vereins-Website angedacht?

    Tatsächlich sind wir gerade dabei, an einer Webseite zu arbeiten, die dann auch noch mal mehr über uns und unsere Angebote informiert. Dieser Prozess dauert aber noch ein bisschen.

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