„Stunde der Gartenvögel“ bestätigt: Auch in Sachsen ist das große Blaumeisen-Sterben angekommen

Für alle LeserNoch im März war die Meisenwelt in Ordnung: Die Blaumeisen waren die ersten, die die Birken vorm Fenster besetzten und sich erst einmal sattfutterten, bevor sie an ihr Tagwerk gingen. Ihnen folgten dann die lärmenden Spatzen. Doch dann wurde es auf einmal still im April, verschwanden die Blaumeisen. Nur die Spatzen kamen wie gewohnt. Und die diesjährige „Stunde der Gartenvögel“, die vom 8. bis 10. Mai stattfand, bestätigte, dass das Blaumeisensterben auch in Sachsen angekommen ist.

Die „Stunde der Gartenvögel“ erfreut sich schon seit Jahren wachsender Teilnahme. In der Corona-Pause machten noch mehr Sachsen mit. Der bisherige Teilnehmerrekord der Aktion aus dem Vorjahr wurde verdoppelt. In Sachsen haben 9.675 Personen (Stand 4. Juni) ihre Zählergebnisse von 6.074 Gärten, Parks oder von Balkons und Fenstern übermittelt. 2019 hatten rund 4.800 Naturfreundinnen und -freunde teilgenommen.

„Das ist ein tolles Ergebnis“, freut sich Bernd Heinitz, Landesvorsitzender des NABU Sachsen, „sicherlich haben auch die Beschränkungen aufgrund des Coronavirus zu einem verstärkten Interesse für die Natur vor der Haustür und damit zu den hohen Teilnehmerzahlen geführt. Für die Zukunft wünschen wir uns, dass diese Begeisterung für die heimische Natur anhält und dass die Menschen ihren Garten oder Balkon naturschutzgerecht gestalten und bewirtschaften.“

Im Durchschnitt konnten die sächsischen Teilnehmenden der Aktion in diesem Jahr innerhalb einer Stunde 33 Vogelindividuen entdecken, sachsenweit wurden 153 verschiedene Vogelarten gemeldet. Wie immer in den vergangenen Jahren war dabei der Haussperling mit fünf Exemplaren pro Garten der am häufigsten gemeldete Gartenvogel, gefolgt vom Star auf Platz 2, von Kohlmeise und Amsel, die nahezu gleichauf liegen, sowie Feldsperling. Sachsens zuverlässigster Gartenvogel ist dabei die Amsel: Sie wurde in 87 Prozent aller Gärten innerhalb einer Stunde gesehen.

Sorgenkind 2020: die Blaumeise

Besonders im Fokus stand bei der diesjährigen Zählung die Blaumeise. Im März und April wurden auffällig viele an Krankheit verstorbene Vögel dieser Art an den NABU gemeldet. Bis heute gingen bundesweit über 21.000 Meldungen mit knapp 40.000 betroffenen Vögeln ein. Das vogelspezifische Bakterium Suttonella ornithocola konnte als Auslöser dieser Epidemie identifiziert werden.

„Bundesweit betrachtet sind 22 Prozent weniger Blaumeisen pro Garten gemeldet worden“, berichtet Lars Lachmann, Leiter des Bereichs Vogelschutz beim NABU. „Statt 2,16 Blaumeisen pro Meldung sind es in diesem Jahr nur noch 1,66 – mit Abstand der niedrigste Wert seit Beginn der Zählungen im Jahr 2005.“ Auch in Sachsen wurden 27 Prozent weniger Blaumeisen, im Schnitt 1,73 Exemplare pro Garten oder Balkon, gezählt, obwohl der Freistaat kaum von der Vogelkrankheit betroffen war.

Um das Blaumeisensterben als Ursache des Rückgangs zu identifizieren, haben die Forscher für jeden Postleitzahlbereich die Veränderungen der Blaumeisenzahlen mit der Anzahl der Meldungen kranker Meisen korreliert. Es ergab sich ein eindeutiger Zusammenhang: „Je mehr Berichte toter Meisen, desto größer waren dort auch die Bestandsrückgänge“, so Lachmann, „in Gebieten ohne Totfundmeldungen gab es im Mittel auch keinen Rückgang. Wir können daher sicher davon ausgehen, dass das diesjährige Blaumeisensterben mindestens einen Teil des beobachteten Rückgangs erklärt.“

Es bleibt die Hoffnung, dass sich die überlebenden Blaumeisen zur jetzigen Brutzeit gut vermehren, um die Verluste möglichst schnell wieder auszugleichen. „Vogel- und insektenfreundliche Gärten mit vielen Laubbäumen und Blütenpflanzen helfen ihnen dabei sehr“, sagt Lachmann.

Sinkende Zahlen verzeichnen neben der Blaumeise in Sachsen auch der Star und – wie schon in den Vorjahren – der Grünfink. Nach dem historischen Tiefflug im Vorjahr ging es dagegen für den Mauersegler wieder leicht bergauf.

Deutschlandweit beteiligten sich rund 161.000 Menschen in 108.000 Gärten, Parks oder von Balkons an der Zählung. Auch hier liegt der Haussperling vor Amsel, Kohlmeise, Star und Feldsperling. Detaillierte Ergebnisse auf Bundes-, Landes- und Landkreisebene sind unter www.stundedergartenvoegel.NABU-Sachsen.de zu finden und können mit vergangenen Jahren verglichen werden. Die nächste Vogelzählung, die „Stunde der Wintervögel“, steht vom 8. bis 10. Januar 2021 ins Haus.

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