Am Freitag, 25. April, widmete sie sich die LVZ der Sächsischen Abfallbilanz. Kurz mal verkauft als "neue Studie des Landesamtes für Umwelt". Tatsächlich handelt es sich um die gerade veröffentliche "Siedlungsabfallbilanz des Freistaates Sachsen" - für das Jahr 2012. Und wenn sie eines nicht rechtfertigt, dann ist es die reißerische Überschrift: "Leipziger erzeugen den meisten Müll".

Der Wirklichkeit näher wäre eine Überschrift gewesen der Art: “Leipziger erfassen den meisten Müll”. Denn ein Problem, das die sächsische Abfallbilanzierung hat: Jede Kommune, jedes regionale Abfallsammelsystem arbeitet mit anderen Kategorien, erfasst gleiche Müllarten oft in unterschiedlichen Rubriken. Die einen zählen alles genau, andere nicht. Und selbst das, was die Stadtreinigung öffentlich zusammensammelt und zusammenkehrt, wird unterschiedlich erfasst. Ganz zu schweigen davon, dass in der Statistik nur die öffentlichen Sammeldienste auftauchen – die privaten aber nicht. Und bei der unterschiedlichen Erfassung von Gartenabfällen und Bioabfällen geht es weiter.

Aber dazu muss man auch die ausführlichen Texte lesen, die das Sächsische Landesamt für Umwelt, Landwirtschaft und Geologie den Tabellen beigegeben hat. Aber wer macht das schon, wenn er für seine Zeitung schnell mal die 40 Seiten durchackern soll? – Der LVZ-Autor jedenfalls hat’s nicht gemacht. Sonst wäre nicht so eine Einleitung dabei herausgekommen: “Laut einer neuen Studie des Landesamtes für Umwelt erzeugen die Leipziger pro Kopf den meisten Müll im Freistaat. Sie nutzen vergleichsweise selten die Biotonne oder öffentliche Papierkörbe. Sie kehren nur gut halb so viel Schmutz von den Straßen wie die Dresdner. Und entsorgen Abfälle häufiger als andere Sachsen illegal.”

Eine Steilvorlage, fand Sabine Heymann, Stadträtin der CDU: “Die aktuelle Veröffentlichung zum Abfallaufkommen in der Stadt Leipzig im Vergleich zu anderen Städten bestätigt aber endlich, was wir schon immer vermutet haben. Es gibt einen Zusammenhang zwischen dem Angebot von Papierkörben und wilden Abfallablagerungen, insbesondere in öffentlichen Grünanlagen. Des wegen ist es endlich an der Zeit die Mittel, die ohnehin zur Beräumung der wilden Abfallablagerungen eingesetzt werden müssen, zumindest in Teilen für die Entsorgung zusätzlicher Papierkörbe im öffentlichen Raum zu nutzen”, erklärte sie am Freitag.

Dass man bei der Säuberung der öffentlichen Landschaften in Leipzig einiges tun kann – keine Frage. Und was die CDU-Fraktion da im Stadtrat angeschoben hat, ist bestimmt sinnvoll, wenn es umgesetzt wird.

“Im letzten Jahr hat die CDU-Fraktion einen Antrag zu Optimierung der Aufstellung von Papierkörben sowie deren Mehrung gestellt, der auch im September beschlossen wurde. Gemäß Stadtratsbeschluss soll bis zum Frühjahr ein Papierkorbkonzept vorgelegt werden. Außerdem ist das Angebot der Nutzung zusätzlicher Papierkörbe als Werbeträger in die Vorbereitung der Neuausschreibung der Werbekonzession aufzunehmen. Zu beiden Punkten stehen die Ergebnisse noch aus. In der kommenden Stadtratssitzung wird die CDU-Fraktion den Sachstand dazu nachfragen”, erläutert Heymann das Projekt. Immerhin kostet das alles Geld – von der Aufstellung neuer Sammelbehälter bis hin zur Organisation der Entleerung.

“Darüber hinaus lohnt es sich zu prüfen, ob es nicht sinnvoll ist auch hier bürgerschaftliches Engagement bei der Aufstellung von zusätzlichen Papierkörben zu nutzen”, meint Sabine Heymann. “In unserer Fraktion sind schon einige Anfragen eingegangen. Doch Bedingung war und ist natürlich, dass diese zusätzlichen Papierkörbe auch an für die Öffentlichkeit sinnvollen Stellen aufgestellt werden, dazu braucht es das Papierkorbkonzept, und dass die Leerung und Entsorgung mit Mitteln der öffentlichen Hand erfolgt. – Sauberkeit einer Stadt trägt nicht nur allein zum allgemeinen Wohlbefinden bei sondern stärkt auch das Sicherheitsgefühl. Da hilft kein Wegargumentieren von Zahlen sondern ein gemeinschaftliches Handeln.”Aber die Zahlen, die die LVZ da zitiert, sind eben nicht so belastbar, wie es die eilige Zeitung suggerierte. Und das müsste Sabine Heymann eigentlich aus eigenem Engagement wissen, denn der Wasser-Stadt-Leipzig e.V., deren Vorsitzende sie ist, lädt ja jedes Frühjahr selbst dazu ein, die statistisch erfasste Müllmenge in Leipzig zu erhöhen – durch den Frühjahrsgewässerputz.

In der vergangenen Woche gab Umweltbürgermeister Heiko Rosenthal (Die Linke) ein paar Zahlen zu dem, was beim Frühjahrsputz 2014 herauskam: 67 Container wurden eingesetzt. Durch den Eigenbetrieb Stadtreinigung wurden 90,18 Tonnen Abfall entsorgt: 69 Reifen; 2,17 Tonnen Sperrmüll; 51,60 Tonnen gemischte Siedlungsabfälle; 36,39 Tonnen Grünschnitt/Gartenabfälle und 0,02 Tonnen Farbe. Im Vergleich zu den Vorjahren ist die eingesammelte Müllmenge leicht rückläufig. 2012 waren es 102,3 Tonnen, verteilt auf 70 Container, und 2013 92,91 Tonnen, verteilt auf 64 Container.

Das zeugt davon, dass viele engagierte Leipziger sich bemühen, illegal entsorgten Müll wieder aus der Landschaft zu bekommen. Möglich, dass andere Kommunen genauso fleißig sind. Aber überall wird anders gezählt. Gerade zum Punkt illegal abgelagerter Abfall heißt es in der “Siedlungsabfallbilanz” sehr deutlich: “Die in den einzelnen örE [Anm. d. Red.: öffentlich-rechtliche Entsorgungsträger] eingesammelte Menge illegal abgelagerter Abfälle hängt nicht nur vom Umfang der illegalen Ablagerungen ab. So spielen auch die eingeplanten finanziellen Mittel, die Organisationsform der Sammlungen, Kommunikationswege und die Öffentlichkeitsarbeit jeweils eine Rolle. Daher ist eine verhältnismäßig große Menge eingesammelter bzw. beräumter Abfälle zwar einerseits Ausdruck für den Umfang an illegalen Ablagerungen, andererseits aber auch für das Engagement der Bürgerinnen und Bürger sowie des zuständigen örE in diesem Aufgabengebiet. Dem gegenüber kann bei einer verhältnismäßig geringen Menge eingesammelter, illegal abgelagerter Abfälle nicht unbedingt auf einen geringen Umfang illegaler Ablagerungen geschlossen werden, weil nur das statistisch erfasst wird, was durch die örE eingesammelt wird.”

Leipzig ließ sich die Entsorgung illegal abgelagerten Mülls 2012 zum Beispiel 221.658 Euro kosten, Dresden nur 163.306 Euro. Wenn in Leipzig 1.341 Tonnen Müll aus der Landschaft gesammelt werden, heißt das nicht unbedingt, dass in Leipzig mehr ins Gelände gekippt wird, wenn Dresden nur auf 565 Tonnen kommt.

Ganz ähnlich verhält es sich mit dem Abfall von Straßen und Parks. Im Detail scheinen die Zahlen aus Dresden und Leipzig auseinanderzudriften. Dresden hat 2012 immerhin 838 Tonnen Abfall aus Papierkörben gesammelt, Leipzig “nur” 508. Dafür kehrte Leipzig in Parks 3.042 Tonnen zusammen, Dresden gar nichts. Hat Dresden keine Parks? Und hat Leipzig in seinen Parks keine Papierkörbe? – Am Ende kommen beide Städte auf ganz ähnliche Summen bei “Abfällen von öffentlichen Flächen”: Dresden auf 7.895 Tonnen, Leipzig auf 8.114. Wobei noch völlig unklar ist, wie Dresden seine Marktabfälle erfasst. Denn Leipzig kommt da allein schon auf 373 Tonnen, die im Lauf des Jahres nach all den Märkten und Jahrmärkten in der Stadt zusammengekehrt werden.

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Und wie ist das mit der deftigen Überschrift “Leipziger erzeugen den meisten Müll?” – Wer den LVZ-Artikel liest, bekommt bald mit, dass der Autor mit dem Thema ganz anders umging als der Titel suggeriert. Er hat nämlich noch einmal bei der Stadtreinigung nachgefragt und dort erfahren, dass die scheinbar so enormen 149 Kilogramm Restmüll der Leipziger vor allem entstehen, weil auch die Abfälle von Läden, Gaststätten, Kleingewerbetreibenden mit drin stecken. Sonst wären es nur 111 Kilogramm. Und damit läge Leipzig deutlich unterm sächsischen Durchschnitt von 126 Kilogramm. Der hohe Wert erzählt also auch davon, dass Leipzig augenscheinlich noch sehr viele Kleingewerbetreibende hat.

Beim Sammeln von Glas und Verpackungsstoffen sind die Leipziger sogar fleißiger als die Dresdner. “Keine Absolution”, will der Autor der Leipziger Straßenreinigung für die scheinbar zu geringe Kehricht-Menge erteilen. Aber das Thema hatten wir ja oben schon. Wenn sich Sachsens Kommunen irgendwann auf eine einheitliche statistische Erfassung des Abfalls einigen, bekommen wir vielleicht auch mal eine “Siedlungsabfallbilanz” vom Freistaat, die ihren Namen verdient. In der dann auch die Abfallmengen der Verkehrsbetriebe mit erfasst sind und vielleicht auch mal die Papierkörbe gezählt. Der Rest ist sonst reines Stochern im Nebel. Oder Müll.

Die Siedlungsabfallbilanz 2012 als PDF zum Download.

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