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Donnerstag, 21. Januar 2021

In Sachsen wechseln immer mehr Menschen aus einer marginalen in eine feste Beschäftigung

Von Ralf Julke

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    Da haben einige Medien schon mächtig gegrübelt und gerechnet, wie der Mindestlohn denn nun wirke. Oft genug dieselben Medien, die im Herbst gewarnt haben, der Mindestlohn vernichte Arbeitsplätze. Das tut er ja nun wirklich nicht. Im Gegenteil, auch in Sachsen ist die Zahl der Erwerbstätigen im 1. Quartal 2015 weiter gestiegen. Etwas langsamer als im Vorjahr. Das hat tatsächlich mit dem Mindestlohn zu tun.

    Um  0,1 Prozent bzw. knapp 2.000 Personen stieg die Zahl der Erwerbstätigen im ersten Quartal des Jahres 2015 gegenüber dem Vorjahresquartal an, meldet das Sächsische Landesamt für Statistik. Und betont: „Dabei  stand  einem  deutlichen  Anstieg  der  Arbeitnehmer  ohne  marginal Beschäftigte ein starker Rückgang der marginal Beschäftigten gegenüber.“

    Heißt im Klartext nicht unbedingt das, was die diversen Medien aus der Statistik der Arbeitsagentur herausgelesen hatten, dass den Leuten nun „aus Hartz IV herausgeholfen“ sei. Das verraten diese Zahlen sowieso nicht. Auch wenn sie eine Vermutung stützen: Der Bedarf an Arbeitskräften in allen wichtigen Branchen in Sachsen ist so hoch, dass viele Menschen ihre marginalen Beschäftigungsverhältnisse gegen ein Festanstellungsverhältnis tauschen können.

    Das wird auch sichtbar, wenn man sich die Branchen im Einzelnen anschaut. Das Landesamt für Statistik: „Die  Entwicklung  der  Erwerbstätigenzahl  in  den  einzelnen  Branchen  verlief recht  unterschiedlich.  Das  Produzierende  Gewerbe  trug  mit  dem  höchsten relativen Zuwachs von 0,7 Prozent maßgeblich zur aktuellen Entwicklung der Erwerbstätigkeit  bei.  Hier  erhöhte sich  das  Verarbeitende  Gewerbe  um 2,2 Prozent. Die Zahl der Erwerbstätigen im Baugewerbe ging dagegen um 1,8 Prozent zurück. Ebenfalls rückläufig war die Zahl der Arbeitsplätze in der Land- und  Forstwirtschaft,  Fischerei  (-0,5 Prozent)  und  im  Dienstleistungsbereich   (- 0,1 Prozent).“

    Wobei der Blick auf den Dienstleistungsbereich zeigt, was da eigentlich passiert. Die Landesstatistiker dazu: „Innerhalb des Dienstleistungssektors wies   der Bereich  Handel,  Verkehr,  Gastgewerbe,  Information  und  Kommunikation einen Zuwachs an Arbeitsplätzen um 0,3 Prozent auf. Dagegen verzeichnete der   Bereich   Grundstücks- und   Wohnungswesen,   Finanz- und Unternehmensdienstleister einen   Rückgang und im Bereich   Öffentliche   und sonstige  Dienstleister,  Erziehung  und  Gesundheit  blieb  die  Erwerbstätigenzahl nahezu unverändert.“

    Nur zur Erinnerung: Gerade im Hotel- und Gastgewerbe waren die Klagen über den Mindestlohn besonders groß. Trotzdem ist die Beschäftigtenzahl gestiegen, denn die Branche brummt und kann es sich auch leisten, bisherige marginale Beschäftigungen in besser bezahlte umzuwandeln. Handel und Verkehr stecken hier ebenso mit drin – auch das Branchen, die sich heftigst über die Einführung des Mindestlohnes beschwert haben. In gewisser Weise setzt der Mindestlohn nach über 20 Jahren des Lohnverfalls über einen ganzen Strauß von „flexiblen Beschäftigungsmodellen“ erstmals eine Zäsur und verschafft den Beschäftigten eine kleine Stabilisierung ihrer Lage.

    Aber interessant ist auch der Blick auf den Bereich Grundstücks- und Wohnungswesen, Finanz- und Unternehmensdienstleister. Immerhin scheint es hier zu einem Beschäftigungsrückgang um 0,8 Prozent gekommen zu sein. Aber in den „Unternehmensdienstleistern“ stecken nun einmal auch sämtliche Zeitarbeitsfirmen und die Vermutung ist so abwegig nicht, dass einige Firmen in Zeiten zunehmenden Fachkräftemangels die Chance ergreifen, jetzt tatsächlich umzusetzen, was viele Zeitarbeitsfirmen immer versprochen haben: Die Leiharbeit wird zum Sprungbrett in eine feste Beschäftigung.

    Denn sichern kann man sich die Leute eigentlich nur, wenn man sie in eine Festanstellung übernimmt. Und das passiert natürlich vor allem im produzierenden Bereich.

    Fazit: Augenscheinlich überlagern sich in Sachsen zwei Tendenzen. Das eine ist die weiterhin hohe Fachkräftenachfrage, die vielen Beschäftigten aus marginalen oder flexiblen Arbeitsmodellen den Sprung in eine feste Anstellung ermöglicht. Und zum anderen werden wohl auch marginale Beschäftigungen zunehmend in festere Arbeitsverhältnisse verwandelt – und das gerade in den für Sachsen und Leipzig besonders prägenden Branchen Hotel, Gastronomie, Verkehr und Handel.

    Naja – und in der Folge wird der Kuchenanteil, den die Leiharbeit bisher hatte, etwas kleiner. Immerhin war Sachsen bisher das Bundesland, in dem die Möglichkeiten der Leiharbeit am weitesten ausgereizt worden sind. Die Zeiten könnten jetzt vorbei sein.

    Zumindest, wenn die Maschinen weiter so hochtourig laufen wie in den vergangenen drei Jahren. Auch deutschlandweit, wo die Erwerbstätigenzahl in den ersten drei Monaten ebenfalls weiter stieg: „Deutschlandweit  wuchs  die  Erwerbstätigenzahl  im  ersten  Quartal  2015 im Vergleich  zum  Vorjahr  um  0,7 Prozent.  Dabei  erhöhte  sich  die  Zahl  der  Erwerbstätigen  in  den  alten  Ländern  ohne  Berlin  um  0,7 Prozent  und verringerte sich in den neuen Ländern ohne Berlin um 0,1 Prozent“, stellen die Statistiker dazu fest. Was mal wieder der übliche Quatsch ist. Berlin gehört zum Osten, hat hier seine wirtschaftlichen Verflechtungen und ist neben Sachsen der Motor der ostdeutschen Wirtschaftsentwicklung. Und in Berlin geht genauso wie derzeit in Sachsen ein wenig die Post ab. Übrigens ein eindeutiger Metropoleneffekt, der sich auch in Sachsen auf die drei Großstädte Dresden, Leipzig und Chemnitz konzentriert.

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