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Immer mehr Stellen können nicht besetzt werden und die modernen Qualifizierungsinstrumente fehlen

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    Als am Freitag, 30. Juni, die Arbeitsagenturen deutschlandweit die neuen Arbeitslosenzahlen für den Juni veröffentlichten, fiel schon mal das Wort „moderat“. Die Zahlen fielen zwar – in Sachsen um 16.051 im Vorjahresvergleich, in Leipzig um 2.687 – aber sie fielen nicht so stark, wie es die immer noch steigende Fachkräftenachfrage erwarten ließ. Auch Leipzig verzeichnete einen neuen Nachfragerekord.

    6.614 freie Stellen waren im Juni gemeldet, 3,3 Prozent mehr als im Mai, 19,2 Prozent mehr als im Vorjahresmonat. Die Wirtschaft und die Verwaltung haben in den zurückliegenden vier Wochen 2.119 freie Stellen gemeldet. Das waren 60 mehr als im Mai und entsprach dem Niveau des Vorjahres.

    Das Problem, das sich immer deutlicher auftut, beschreibt der Vorsitzende der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Leipzig, Steffen Leonhardi: „Unsere täglichen Gespräche mit den Arbeitgebern Leipzigs zeigen uns, dass die Anforderungsprofile der Stellenangebote und die zur Verfügung stehenden Qualifikationen von Bewerberinnen und Bewerbern nicht immer ausreichend zusammenpassen. Unser Ziel bleibt deshalb, die berufliche Qualifizierung von Menschen am konkreten Bedarf der Betriebe zu orientieren. Die Kolleginnen und Kollegen in unserem gemeinsamen Arbeitgeberservice der Arbeitsagentur und des Jobcenters Leipzig beraten die Unternehmerinnen und Unternehmer gerne zu den finanziellen Unterstützungsmöglichkeiten bei der Einstellung und zu den Möglichkeiten der Weiterbildung.“

    Tatsächlich ist die Aussage ein stilles Eingeständnis, dass die Arbeitsagentur nicht wirklich über die nötigen Qualifizierungsinstrumente verfügt, um ihre Klienten für die tatsächlich angebotenen Arbeitsstellen fit zu machen. Das Problem ist die völlig veraltete Herangehensweise, die man entwickelt hat, als die Agentur noch ein Amt war und man die vielen Arbeitslosen vor allem irgendwie beschäftigen musste, damit sie überhaupt noch das Gefühl hatten, sie könnten noch eine Chance im Arbeitsleben bekommen.

    Die Reform von 2004 hat den Blick darauf verstellt, dass sich nicht nur die Arbeitswelt grundlegend verändert hat, sondern sich auch die Erfordernisse für die Qualifizierung der Arbeitsuchenden drastisch verändert haben. Lernunwillige Politiker stülpten dem Arbeitsmarkt ein Bündel von Verschärfungen über, die die Betroffenen selbst verantwortlich machten dafür, dass sie keine Arbeit fanden. Das Instrument der „Sanktionen“ erzählt genau von diesem völlig kopfstehenden Verständnis der damaligen politischen Mehrheit von der heutigen Arbeitswelt.

    Ergebnis: Genau an dem Punkt, an dem der Wirtschaft die frei verfügbaren Arbeitskräfte ausgehen, wird sichtbar, dass man mit den nicht-qualifizierten Arbeitsuchenden gar nichts anfangen kann und keinerlei Instrumente besitzt, sie kurzfristig für die angebotenen Arbeitsplätze fit zu machen.

    Klaus-Peter Hansen, Vorsitzender der Geschäftsführung der Regionaldirektion Sachsen der Bundesagentur für Arbeit (BA), bringt das viel deutlicher auf den Punkt als Leonhardi, der an der Stelle glaubt, die eigene Arbeitsvermittlung lobpreisen zu müssen, obwohl sie ganz sichtlich nicht mehr greift.

    „Jedoch stellt uns die Struktur der arbeitslosen Frauen und Männer vor Herausforderungen. Zu viele Menschen sind Langzeitarbeitslos oder haben keine verwertbaren Kenntnisse“, sagt Hansen, glaubt aber, man habe die Mittel, das zu ändern: „Um das zu ändern, helfen die Mitarbeiter der Arbeitsagenturen und Jobcenter, indem sie in die Qualifikation der Menschen investieren. Für die Qualifizierung der arbeitslosen Frauen und Männer stehen uns bis zum Jahresende noch über 20 Millionen Euro zur Verfügung.“

    Es ist jetzt schon absehbar, dass das nicht gelingen wird. Denn die Basis stimmt nicht. Noch immer hat Sachsen ein kaputtgespartes Bildungssystem, das nicht einmal die Minimalanforderungen einhält. Noch immer gehen 10 Prozent der Schulabgänger ohne Abschluss von der Schule, drehen noch jahrelange Runden durch die Nachholangebote, mit denen sie in die Nähe einer Berufsausbildung kommen. Und auch viele Schulabgänger mit Zeugnis schlagen in der Arbeitswelt auf, ohne die Mindestanforderung für die Ausbildung mitzubringen.

    Gemeldete Arbeitsstellen. Grafik: Arbeitsagentur Leipzig
    Gemeldete Arbeitsstellen. Grafik: Arbeitsagentur Leipzig

    Dazu kommen aber eben nicht nur die Langzeitarbeitslosen und Geringqualifizierten, die man auch nicht „schnell mal“ zu Pflegekräften und Kindergärtnern umschulen kann. Oder die Flüchtlinge, die seit 2016 im System sind, aber in der Regel einen nicht wirklich kurzen Zeitraum zum Spracherwerb und zu einem ordentlichen Qualifikationsnachweis brauchen. Die Zeiten, dass die Wirtschaft tausende ungelernter Hilfsarbeiter brauchte, sind schon lange vorbei. Die angebotenen Arbeitsplätze erfordern durch die Bank entweder eine fachliche Qualifikation oder ein hohes Maß an Flexibilität und Mobilität.

    Und da kommt man zum nächsten Punkt, der selten bis nie genannt wird: Der Leipziger Arbeitsmarkt bietet nach wie vor viel zu wenige Angebote für kinderreiche Familien oder Alleinerziehende. Deswegen bleibt die Zahl der Minderjährigen in den Bedarfsgemeinschaften trotz aller hinschmelzenden Arbeitslosenzahlen stabil hoch.

    Und es ist nicht mal absehbar, dass die emsigen Arbeitsmarktverwalter daran auch nur das Geringste ändern können. Und sie können es nicht, weil die „Agenda 2010“ nie auch nur ansatzweise die tatsächlichen Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt reflektiert hat. Sie hat die alten Zugangsbarrieren in Wirklichkeit belassen und sogar noch erhöht. Lösungen? Keine.

    Deswegen entsteht der neue Tiefststand bei der errechneten Arbeitslosenquote von 7,6 Prozent in Leipzig vor allem dadurch, dass ganz gesetzmäßig jeden Monat einige hundert ältere Arbeitslose in „Rente“ gehen, wenn man das, was sie da noch bekommen, noch Rente nennen darf. Etwas, was in der heutigen Rentendiskussion genauso fehlt. Die Denkfehler in der deutschen Politik sind symptomatisch und systematisch. Deswegen sind auch die Interpretationen so schrecklich falsch. Und man erschreckt nicht einmal, wenn die Zahlen der als frei gemeldeten Arbeitsstellen immer weiter steigen und sichtlich nicht besetzt werden können.

    „Unsere Aufgabe ist es, die Menschen fit zu machen für den dynamischen Arbeitsmarkt“, glaubt die Arbeitsagentur noch handlungsfähig zu sein. Dass sie die dafür nötigen Ausbildungsstätten bei der Hand hätte, wäre eine Überraschung. Auch die „Qualifizierung“ hat man ja eifrig outgesourct und privatisiert. „Mit Beratung und Qualifizierung arbeiten wir gemeinsam mit den Unternehmen an der Integration der Arbeitsuchenden. In Leipzig profitieren davon auch die langzeitarbeitslosen Menschen – das bestärkt uns darin, in deren Qualifizierung zu investieren“, so Steffen Leonhardi.

    Man möchte glattweg einen riesigen Wecker vor die Arbeitsagentur stellen – wenn das nur helfen würde. Wird es aber nicht. Die falschen Entscheidungen fallen woanders.

    Zwischenstand: Insgesamt waren im Juni 22.769 (Vormonat 23.042) Männer und Frauen in Leipzig arbeitslos gemeldet. Der Rückgang im Vergleich zum Mai betrug 273 Personen und innerhalb der letzten 12 Monate ist die Zahl der arbeitslos gemeldeten Menschen in Leipzig um 2.687 zurückgegangen.

    Ein Rückgang um 273 Personen bei über 6.600 gemeldeten freien Stellen ist ein Witz. Die Alarmsignale werden an dieser Stelle alle noch gemeldet werden. Denn die ersten Branchen melden schon deutlichen Mangel an Leuten.

    Und auch den älteren Arbeitslosen nutzt die Entwicklung überhaupt nichts: Der Rückgang bei den über 50-Jährigen lag bei 33 gegenüber dem Mai. Damit waren im Juni 6.566 Personen dieser Altersgruppe arbeitslos, 834 weniger als vor einem Jahr. Nur ist das halt die normale Zahl der Altersabgänge pro Jahr.

    Im Juni waren 6.579 Menschen im Rechtskreis SGB III in der Arbeitsagentur arbeitslos gemeldet. Das waren 59 weniger als im Vormonat. Im Rechtskreis SGB II waren 16.190 Menschen im Jobcenter Leipzig arbeitslos registriert. Das waren 214 weniger als im Mai 2017.

    In Leipzig gab es im Juni 38.940 Bedarfsgemeinschaften. Das sind 243 weniger als im Vormonat und 1.636 weniger als im Juni des Vorjahres. Das Jobcenter Leipzig betreut aktuell 48.814 erwerbsfähige Leistungsberechtigte. Im Vergleich zum Vormonat betrug dort der Rückgang 386 Personen. Im Vergleich zum Vorjahr sank die Zahl um 988 Personen.

    Auch das ist ein Witz. Erst recht, wenn man sieht, dass die Zahl der Nicht Erwerbsfähigen Leistungsberechtigten (in der auch die Kinder stecken) mit 17.369 sogar um 497 höher liegt als vor einem Jahr. Selbst wenn man berücksichtigt, dass hier viele Flüchtlingskinder mit dabei sind, heißt es trotzdem, dass die Zahl der Kinder in Bedarfsgemeinschaften trotz aller Jubelgesänge über den Arbeitsmarkt nicht sinkt.

    Da, wo der Arbeitsmarkt echte Reformen gebraucht hätte, um ihn zu modernisieren, haben sie schlicht nicht stattgefunden. Alles andere war reine Augenwischerei.

    Man kann gespannt sein, welche Bundesregierung begreift, dass das Thema nicht gelöst wurde, sondern nur vertagt und auf dem Rücken der Betroffenen ausgetragen.

    Schicken wir den Wecker also nach Berlin.

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    2 KOMMENTARE

    1. Die Arbeitgeber wollen nach wie vor „Eier legende Wolmilchsäue“! Wenn man nur einen Punkt, der ausgeschriebenen Stelle noch nicht gemacht hat, so wird man aussortiert, man könnte es ja lernen, aber viele Arbeitgeber jammern auf hohem Niveau und die Arbeitsagentur ist sowieso kein Dienstleister, sondern nur ein Verwalter! Ältere Arbeitnehmer werden trotzdem nicht mehr genommen, höchstens über Zeitarbeit! Dieses ganze Gesülze könnte einen Tag und Nacht aufregen. Wie will eigentlich die Arbeitsagentur die Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt bringen, wenn sie es nicht mal bei den Bundesbürgern schafft?

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