Die Diskussion um den Wirtschaftsverkehr in Leipzig kocht ja gerade. Und sie wird weiterkochen, weil viele wirtschaftliche Prozesse parallel im Gang sind, die alle schon existierenden Probleme im Stadtverkehr noch verschärfen. Das macht just das Wirtschaftsdezernat der Stadt Leipzig im neuen Quartalsbericht deutlich. Denn man hat versucht, so ein bisschen nach eCommerce zu fragen. Obwohl man etwas ganz anderes meint.

Wir werden hier nicht alles aufdröseln, was heute schon zum eCommerce gehört, dem also, was man alles mit digital basiertem Handel abwickelt. Wirklich aussagefähige Statistiken dazu gibt es nicht. Und die, die es gibt, deuten darauf hin, dass der Löwenanteil des digitalen Handels reiner Handel zwischen Auftragnehmer und Auftraggeber ist: B2B oder im Fachchinesisch – Business to Business. Der Normalsterbliche merkt davon gar nichts, der bekommt irgendwann bestenfalls mal die fertigen Produkte zu sehen.

Und das wird in Leipzig mit seiner rasant gewachsenen Informations- und Kommunikationsbranche nicht anders sein.

Aber die kommt in der Befragung, die sich im Beitrag niederschlägt, gar nicht vor. Stattdessen dominieren Handwerksbetriebe. Nur jedes fünfte angefragte Unternehmen hat überhaupt einen ausgefüllten Fragebogen abgegeben – 579 insgesamt.

Und das Ergebnis deutet darauf hin, dass auch nicht wirklich nach eCommerce gefragt wurde, sondern vor allem nach zwei Klassikern: Websites als Verkaufsplattformen und Shops.

Shops aber sind, wenn man es richtig betrachtet, kein echter eCommerce, denn sie haben ein Problem, über das all die ach so smarten Unternehmen, die hier unterwegs sind, gern hinwegschweigen: Sie erfordern alle ein gewaltiges logistisches Netzwerk. Auch die Post rechnet damit, dass sich mit der Verbreitung des neuen Faulheitssyndroms „Ich kaufe alles von zu Hause ein“ das Paketaufkommen verdoppeln wird. Die Vorreiter der Branche kennt jeder – angefangen mit Amazon, das sich vom Buchverschicker zum Alles-Lieferer entwickelt hat.

Parallel dazu wuchern immer neue Zustelldienste aller Art, die sich gegenseitig den Markt der faulen Kunden abzujagen versuchen – vom Pizza-Lieferanten über den nach Hause liefernden Supermarkt bis hin zum Essenbringdienst aus dem Nobelrestaurant. Alles Angebote, die augenscheinlich bei Politik und Interessenvertretungen jede Menge Beifall bekommen.

Aber sie sind auch in der Verkehrsstudie der Wirtschaftskammern wieder aufgetaucht. Denn dort hat man sehr wohl bemerkt, dass das eigentlich wachsende Segment am Wirtschaftsverkehr nicht die Bautransporter oder Handwerker-Einsatzwagen sind, die dann vor der Baustelle oder dem Einsatzort keinen Parkplatz mehr finden, sondern die zunehmende Zahl von Lieferanten aller Art, die oft gar nicht mehr nach Parkplätzen suchen, sondern gleich auf der Fahrbahn blinkend halten, während sie den fröhlichen Home-Bestellern den Packen Fastfood liefern oder was der gewünschten Schnell-Lieferungen mehr sind.

Bestellt alles über Shop-Systeme. Das Internet ist ja voll davon. Und die Gurus der Branche behaupten ja gern, dass das nun die Einkaufszukunft wird. Mit all ihren katastrophalen Folgen für den Verkehr und die Umweltbelastung. Und den Einzelhandel, das muss dazu gesagt sein. Denn bei der nächsten Kampagne werden die Kammern auch wieder auf das zunehmende Drama des Einzelhandels zu sprechen kommen und für Sonntagsöffnungen kämpfen, weil die eShops ja nun einmal rund um die Uhr geöffnet sind und die Kuriere jederzeit liefern.

Das Problem solcher Liefersysteme ist aber: Sie sind für kleine Unternehmen zu teuer, wenn die Produkte nicht gerade mit der Post verschickt werden können.

Und weil fast nur kleine und Kleinstunternehmen auf die Anfrage des Wirtschaftsdezernats reagiert haben, sieht das Ergebnis auch entsprechend aus: 66 Prozent denken nicht daran, einen Shop aufzulegen. Zumeist, weil sie dem eigenen Tätigkeitsfeld (Handwerk oder Dienstleistung) gar nichts bringen. Man betreibt die eigene Homepage eher als Visitenkarte und Kontaktmöglichkeit für Kunden. Aber Dachziegel müssen schon von Hand verlegt werden, Fenster kann man auch nicht digital putzen, und Architerkturentwürfe kann man zwar digital versenden – aber für sie macht ein Shop keinen Sinn.

Das Wirtschaftsdezernat lernt also ein bisschen was über die reale Welt der kleinen Unternehmen. 15 Prozent von denen planen immerhin einen Shop, nur 19 Prozent haben einen.

Denn ein Problem ist auch: Wenn ein Shop wenigstens die Gelder für seinen eigenen Betrieb einspielen soll, braucht man Aufmerksamkeit. Und einen größeren Markt, den man in Leipzig selten findet. Deswegen zielen nur 20 Prozent der Shop-Angebote auf die Region, 36 Prozent suchen die Kundschaft bundesweit, 7 Prozent sogar international. Viele Shops sind sowohl auf Endverbraucher als auch Geschäftskunden ausgerichtet – aber da das nicht nach Branchen sortiert wird, bekommt man kein Gefühl dafür, was das für Shops sein sollten.

Deutlicher ist, wenn 80 Prozent der Befragten angeben, dass Shops im eigenen Geschäft eher nichts nützen, weil man keine vertreibbaren Produkte hat oder eben (wie etwa bei den Pflegediensten) echter Service das Kerngeschäft ist.

Der Artikel betont zwar noch die möglichen „positiven Ergebnisse“ so eines Shops etwa für die Eigenwerbung und das „Sichtbarmachen von Alleinstellungsmerkmalen“. Viel erstaunlicher ist, dass die Kosten eines Shop-Systems und des nötigen Vertriebs kaum benannt werden. Von den daran hängenden logistischen Problemen in dichten Verkehrsräumen ganz zu schweigen.

Aber natürlich steht die Frage: Wenn sich die Befürworter des Home-Lieferdienstes durchsetzen und die bequemen Kunden sich alles, was sie brauchen, lieber liefern lassen, statt es sich im Laden zu holen, dann rollt da auf die Städte ein ganz neues, zusätzliches Problem im Wirtschaftsverkehr zu. Erst recht, wenn die Lieferanten auf Motorisierung setzen und nicht – wie im Foto – auf zum Beispiel Fahrradkuriere.

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