Rentenrechnerei nach deutschem Prozentgebot

Fast 50.000 sächsische Rentner müssen jobben, um auf ein erträgliches Alterseinkommen zu kommen

Für alle LeserVielleicht glaubte Bundesfinanzminister Olaf Scholz tatsächlich, dass er einen tollen Plan vorgelegt habe, als er seinen Vorschlag vorlegte, das Rentenniveau bis 2030 stabil zu halten. Selbst ins Büro der L-IZ kamen die Leute und fragten, ob sie hier einmal aus lauter Verzweiflung herzlich lachen dürften. 48 stabile Prozent vom aktuellen Einkommen? Da können sich die meisten sächsischen Arbeitnehmer schon mal bei der Armenfürsorge anstellen. Kann die deutsche Regierung nicht mehr rechnen?

Vielleicht. Wahrscheinlich sogar. Sie ist geradezu vernarrt in Prozentrechnung, hat aber schon längst aus dem Blick verloren, was das an realem Rentenniveau eigentlich heißt und dass man mit 600 oder 800 Euro auch in Sachsen nicht leben kann. Wobei sich ja gewählte Abgeordnete und langjährige Minister sowieso keine Gedanken machen müssen. Sie sind ja staatlich versorgt bis zum Lebensende. Auf einem Niveau, das 90 Prozent der Sachsen nicht mal in ihrer Lebensarbeitszeit erreichen.

Seit einigen Jahren machen sich die Folgen dieser staatlichen Rentenrechnerei auch in den sächsischen Statistiken bemerkbar – ob das die wachsenden Zuschüsse für die zunehmend mit mickrigeren Renten beschenkten Ruheständler sind, die zunehmenden Schuldenberge von Senioren, die auf Unglücksfälle finanziell nicht mehr reagieren können, oder die wachsende Zahl von Rentnern, die weiter zur Arbeit gehen – im Vollzeit- oder im Nebenjob. Hauptsache, das Geld reicht noch für die Miete.

Seit Jahren wächst in Sachsen die Zahl der Rentner, die auch nach dem 65. Lebensjahr weiter arbeiten müssen. Einerseits ist das staatlich gewollt, weil ja die Regierung das Renteneintrittsalter Stück für Stück erhöhen möchte. Aber die meisten tun es einfach, um mit dem Erreichen des Rentenalters nicht sofort in die staatlich alimentierte Armut abzustürzen.

Und wer dachte, dass das nur in der sächsischen Armutshauptstadt Leipzig so ist, sieht sich durch die Antworten, die Susanne Schaper, Sprecherin für Sozial- und Gesundheitspolitik der Linksfraktion im Landtag, von der Staatsregierung bekommen hat, eines Besseren belehrt. Es sind längst nicht mehr nur die Schlechtverdiener, die sich nach dem 65. Lebensjahr genötigt sehen, weiter dazuzuverdienen. Die Zahlen deuten darauf hin, dass es längst auch sächsische Normalverdiener sind, die weitermachen müssen.

So stieg die Zahl der sv-pflichtig Beschäftigten über 65 Jahre von 8.767 im Jahr 2015 auf nunmehr 11.879 im Jahr 2017. Darunter jeweils fast 2.000 in den beiden Großstädten Leipzig und Dresden.

Und die Hälfte diese Menschen arbeitet in Vollzeit. 2015 waren das 3.973, 2017 schon 5.436 – die meisten logischerweise Männer. Aber sogar 1.665 Frauen waren mit über 65 Jahren noch in einer Vollzeittätigkeit.

Und man kann sicher sein, dass diese Zahlen in den nächsten Jahren weiter ansteigen werden, denn die älteren Beschäftigten finden ja auch zunehmend Arbeitsangebote in einer an Fachkräften leidenden Wirtschaft.

Und nicht nur in vollwertigen Anstellungen werden sie gebraucht. Noch viel mehr ältere Sachsen sind in geringfügig entlohnten Jobs zu finden. Deren Zahl stieg von 39.953 im Jahr 2015 auf 48.749 im Jahr 2017. Die sächsische Wirtschaft ist also auch noch sichtlich darauf angewiesen, dass immer mehr ältere Menschen für diese Dienstleistungsjobs zur Verfügung stehen.

Aber vielleicht ist ja genau das der Sinn hinter der ganzen Prozentrechnerei der Bundesregierung. Leipzig hatte bei diesen Mini-Jobs für Rentner 2015 noch die Nase vorn, wurde mittlerweile aber genauso wie bei den sozialversicherungspflichtigen Tätigkeiten von der Landeshauptstadt Dresden überholt.

Das Problem der Altersarmut ist also ganz und gar nicht nur eines der berühmten „Armutshauptstädte“, wo tausende Beschäftigte schon im normalen Berufsleben aufstocken müssen, sondern erwischt bei den bundesamtlichen Prozentrechnereien immer mehr Menschen, die nach sächsischen Maßstäben jahrelang eigentlich normal verdient haben – aber halt immer 70 bis 80 Prozent unter Bundesdurchschnitt, was es ihnen am Arbeitsende schlicht unmöglich macht, auch nur auf eine erträgliche Mindestrente zu kommen.

Das puffert dann natürlich einen fachkräftemangelnden Arbeitsmarkt ab. Aber es sorgt auch für ein zunehmendes Unbehagen einer Politik gegenüber, die so sichtlich nichts mehr mit den realen Lebensumständen im abgelegenen Sachsen zu tun hat.

Die Anfrage von Susanne Schaper. Drs. 14197

Immer mehr sächsische Rentnerinnen und Rentner landen in der Überschuldung

RentenAltersarmut
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